Welche Rolle spielen Intellektuelle bei den aktuellen Protesten?

Dehlvi: Viele erheben ihre Stimme, nicht nur die Muslime. Unter den Intellektuellen haben sich selbst manche BJP-Unterstützer gegen das Gesetz ausgesprochen. Es ist sehr wichtig, sich friedlich zu äußern und zu schreiben. Wir haben das Recht zu protestieren. Jedes kleine Bemühen zählt. Tausende säkular eingestellte Menschen haben sich bei den Protesten mit den Muslimen solidarisiert. Das ist ein sehr gutes Zeichen.

Wie können Durchschnittsmuslime mit den Bedrohungen und Vorurteilen umgehen, denen sie ausgesetzt sind?

Dehlvi: Muslime sollten an den Demonstrationen teilnehmen und sich Gehör verschaffen. Wir müssen jedoch alle mitnehmen. Es geht hierbei nicht allein um die Muslime, sondern darum, das gesellschaftliche Zusammenleben im Land zu wahren und seine säkularen Werte am Leben zu erhalten. Mehr und mehr Menschen begreifen, dass das Vorgehen dieser Regierung sich gegen die Kernwerte unserer Verfassung richtet, insbesondere gegen Artikel 14, der besagt, dass niemand auf der Grundlage seiner Religionszugehörigkeit diskriminiert werden sollte.

Ist diese Regierung Ihrer Meinung nach tatsächlich in der Lage, die jahrhundertelange interreligiöse Harmonie Indiens zunichte zu machen?

Dehlvi: Wir haben seit Jahrhunderten zusammengelebt und leben noch immer in einer pluralistischen und inklusiven Gesellschaft. Lange Zeit hat das koloniale Erbe unser Land beeinträchtigt. Wir haben eine fremde Kultur, ein fremdes Bildungs- und Parlamentssystem übernommen. Die Strategie der Briten war jene des Teilen und Herrschens. Unsere Regierung bedient sich zurzeit desselben Prinzips. Letztendlich ist dies ein Versuch, Hass unter den Menschen zu schüren. Dämonen werden erschaffen, sie wollen spalten. Hoffentlich wird das Land dem widerstehen. Die Menschen wachen jetzt auf und kämpfen um die Seele Indiens, damit diese nicht zerstört wird.

Was gibt Ihnen Hoffnung?

Dehlvi: Die Proteste geben mir Hoffnung. Wir sind eine zahlenmäßig große Minderheit von etwa zwanzig Prozent. Man kann uns also nicht so leicht loswerden. Wir sind über das ganze Land verteilt, sehr gut integriert und stolze Bürger Indiens. Wir sollten nur hoffen, dass die säkularen Kräfte gewinnen. Der Koran sagt, dass Gott uns Menschen auf die Probe stellt, jedoch auf jede Not Erleichterung folgen wird. Wir müssen uns gedulden und an unser Land, unser Volk und Gott glauben. Dies sind in der Tat harte Zeiten. Doch die Seele Indiens ist inklusiv, pluralistisch, großzügig, gastfreundlich und demokratisch. Historisch betrachtet gab es immer wieder Menschen, die Indien zu ihrem Zuhause gemacht haben. Sie alle haben ein äußerst reiches Kulturerbe erschaffen. Und genau das müssen wir bewahren. Denn es gibt Platz für uns alle.

Das Interview führte Marian Brehmer.

© Qantara.de 2020

Sadia Dehlvi aus Neu Delhi ist Schriftstellerin mit Schwerpunkt auf indisch-muslimischer Kultur und Sufitraditionen in Südasien. Sie ist Autorin von Büchern wie "Sufism: The Heart of Islam", einer Darstellung der mystischen Traditionen innerhalb des Islam, und "Jasmine and Jinns: Memories and Recipes of My Delhi" , einem Kochbuch, das kulinarisches Erbe mit persönlichen Memoiren verbindet. Außerdem ist sie Kolumnistin indischer Tageszeitungen wie der "Hindustan Times" und der "Times of India".

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