Denken Sie, dass die momentane Politik der Regierung, Muslime zu marginalisieren, Teil eines größeren Vorhabens ist?

Dehlvi: Ja, ganz offensichtlich. Der Plan für dieses Gesetz war bereits im Parteiprogramm der BJP verankert. Der große Zuspruch, den Modi bei den letzten Wahlen erfahren hat, gab ihm und seiner Partei die Chance, nunmehr all das umzusetzen, was sie wirklich beabsichtigten. Ihre Ideologie wurzelt in der RSS [einer hindu-nationalistischen Kaderorganisation], die, wie wir wissen, von Hitlers Ideologie inspiriert wurde. Diese BJP-affillierten Gruppen waren von Anfang an antimuslimisch eingestellt. Man hätte meinen müssen, dass eine Partei, die an die Macht kommt, gesellschaftlich verantwortlich handeln muss. Doch sie sind zu weit gegangen.

Haben Sie Angst vor zunehmender Gewalt gegenüber Muslimen?

Dehlvi: Delhi ist eine kosmopolitische Stadt und hat als Hauptstadt Indiens eine sehr gemischte Bevölkerung. Die meisten Menschen möchten in Frieden leben. Es sieht nicht so aus, als würde die BJP die Parlamentswahlen in Delhi im Februar gewinnen. Die regierende AAP ("Partei des einfachen Mannes") hat viel für die Armen getan, die Bildung verbessert, auch die Versorgung mit Elektrizität und öffentlichen Verkehrsmitteln. Die Unterdrückung der Proteste war und ist am schlimmsten in all jenen Bundesstaaten, die von der BJP regiert werden. Besonders das bevölkerungsreiche Uttar Pradesh ist Hauptleidtragender der Polizeigewalt. Selbst kleine Jungen wurden erschossen oder festgenommen. In machen muslimischen Städten und wirtschaftsschwachen Gegenden ist die Polizei in Häuser eingedrungen und hat Moscheen zerstört. Die Menschen haben große Angst. Trotzdem überwinden sie ihre Furcht, denn sie wollen gehört werden.

Mitglieder der "Rashtriya Swayamsevak Sangh" (RSS) bei einer Veranstaltung in Hyderabad am 25. Dezember 2019; Foto: STR/AFP
In faschistischer Tradition: "Die Ideologie der Hindu-Nationalisten wurzelt in der RSS, einer hindunationalistischen Kaderorganisation, die von Hitlers Ideologie inspiriert wurde. Diese BJP-affilliierten Gruppen waren von Anfang an antimuslimisch eingestellt", berichtet Sadia Dehlvi.

Hat diese langfristige antimuslimische Politik auch Auswirkungen auf das reiche muslimische Kulturerbe Indiens?

Dehlvi: Nicht direkt, aber es gab Versuche, Spuren von muslimischer Geschichte zu untergraben, etwa durch das Ändern von Orts- und Straßennamen. Islamische Meisterwerke wie der Taj Mahal oder Qutub Minar jedoch lassen sich nicht einfach aus dem Weg räumen. Einerseits ist die Sprache Urdu schon seit langem bedroht. Andererseits gibt es auch so etwas wie ein Urdu-Revival. Doch leider wird Urdu nicht unterrichtet und gefördert; es überlebt lediglich als mündlich überlieferte Tradition. Und der Staat hilft nicht, dieses Erbe zu fördern, man will die Sprache eher unterdrücken. Urdu ist ein Opfer der Teilung des Subkontinents, denn Pakistan machte es zur Landessprache. Und so begannen wir, Urdu als Fremdsprache wahrzunehmen. Dabei vergessen wir, dass die Sprache eigentlich in Städten wie Delhi und Lucknow entwickelt wurde, die nun ein Teil von Indien sind.

Denken Sie, dass diese Regierung allmählich an Unterstützung verlieren wird?

Dehlvi: Viele Politiker dieser Regierung sind offensichtliche Lügner und legen Doppelzüngigkeit an den Tag. Kürzlich behauptete Modi, in Indien gäbe es keine Internierungslager für Immigranten, doch Untersuchungen haben ergeben, dass die Realität eine andere ist. Dies ist sehr beängstigend. Furcht ist eine Realität für viele in der muslimischen Bevölkerung. Manche BJP-Politiker schlugen sogar vor, auf Demonstranten zu schießen. Es gibt hier sehr extremistische Stimmen und ich hoffe, dass diese Politiker angesichts der Proteste allmählich beginnen umzudenken. Die BJP hat bei Wahlen auf Bundesstaatenebene bereits viele Stimmen eingebüßt.

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