Interview mit der marokkanischen Feministin Asma Lamrabet

„Ihr dürft nicht in unserem Namen sprechen“

Asma Lamrabet gehört zu den wichtigsten Vertreterinnen des islamischen Feminismus in Nordafrika. In der Auseinandersetzung mit westlichen Feminismen pocht sie auf einem eigenen Weg zur Befreiung arabischer Frauen von männlicher Bevormundung. Mit ihr sprach Claudia Mende.

Frau Lamrabet, als islamische Feministin vertreten Sie eine „relecture“, eine neue Lesart der koranischen Texte im Sinne der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Sehen Sie in Marokko überhaupt ein Interesse an Ihrer Arbeit?

Asma Lamrabet: Vielleicht ist es nur eine Minderheit, die sich für meine Arbeit interessiert. Aber im Vergleich zu vor 20 Jahren gibt es heute ungleich mehr Aufmerksamkeit. Damals hat uns niemand in der arabischen Welt zugehört. Es waren vor allem akademische Kreise im Westen, die diese Arbeit begonnen haben. Viele Vertreterinnen des islamischen Feminismus leben im Westen, weil es in der arabischen Welt an Meinungsfreiheit fehlt.

Aber ich sehe heute ein großes Interesse an Universitäten und generell bei jungen Menschen in Marokko. Sie möchten verstehen, warum die offiziellen religiösen Institutionen in unserem Land nicht auf ihre Fragen antworten. Denn diese sind immer noch in einem traditionellen Verständnis des Koran verhaftet und lehnen Ijtihad ab, die selbstständige Auslegung von Koran und den Hadithen. Leider sind diese traditionellen Kreise in Marokko sehr einflussreich.

Sie verhindern eine Umsetzung in die soziale Realität?

Lamrabet: Ja, deshalb geht es nur langsam voran. Die Traditionalisten sind in der Mehrheit, aber gleichzeitig sind, wenn es um Frauenrechte geht, selbst progressive und liberale Kräfte konservativ. Selbst säkular eingestellte Intellektuelle stehen nicht unbedingt auf der Seite der Frauen.

Asma Lamrabet; Foto: privat
Asma Lamrabet, geb. 1961 in Rabat, gehört zu den wichtigsten Stimmen des islamischen Feminismus in Nordafrika. In ihrem Buch „Islam et femmes – des questions qui fâchent“ erschienen 2017 („Islam und Frauen, Fragen, die wütend machen“) entlarvt sie frauenfeindliche Bestimmungen in der islamischen Welt als Folge einer patriarchalen Interpretation des Koran. Lange Zeit trug sie ein Kopftuch, vor kurzem hat sie es abgelegt.

Sie dekonstruieren männliche Überlegenheitsansprüche und fehlende Freiheitsrechte für Frauen als nicht islamisch. Welche Frage halten Sie für besonders heikel?

Lamrabet: Alle diese Fragen sind sehr wichtig. In allen Religionen wurden die heiligen Texte von Männern und auf eine sehr rigide Art ausgelegt. Dabei hat manche frauenfeindliche Vorschrift im Islam noch nicht einmal ein Fundament im Koran. Zum Beispiel finden Sie in der arabischen Welt die Bestimmung, dass Frauen einen Vormund (wali) brauchen, also Vater oder Bruder, die wichtige Entscheidungen für sie treffen. Aber weder im Koran noch in der Sunna, der Tradition des Propheten Mohammed, steht etwas dazu. Der wali ist eine reine Produktion des fiqh, der islamischen Rechtsprechung. Solche Bestimmungen darf es nicht weiter geben. Die Menschen glauben, das wären göttliche Regeln, aber das stimmt einfach nicht. Marokko hat die Vorschrift, dass Frauen einen wali brauchen, glücklicherweise im neuen Familienrecht von 2004 gestrichen.

Trotz dieses neuen, in vielem liberalen Familienrecht überwiegen in Marokko konservative Einstellungen bei Frauenrechten. Woran liegt das?

Lamrabet: Die Marokkaner setzen das neue Familienrecht nicht um. Selbst gebildete Marokkanerinnen kennen ihre neuen Rechte nicht. Ähnlich ist es mit der neuen Verfassung von 2011, die den Bürgern mehr politische Rechte gibt. Das liegt daran, dass es keine „Reform der Mentalität“ gibt, das geht nur über mehr Bildung. Wir müssen vermitteln, dass Gleichberechtigung nichts Abstraktes ist, sondern zu unserem islamischen Bezugssystem gehört. Man verlangt von der islamischen Welt, sich zwischen Moderne und einem islamischen Traditionalismus zu entscheiden. Damit müssen wir aufhören, die ganze arabische Welt leidet darunter und die jungen Menschen überzeugt das nicht mehr.

Was heißt das?

Lamrabet: Die junge Generation ist verloren zwischen der Moderne und einer Tradition, die sie nicht hinterfragen darf. In unseren Ländern übernimmt man zwar westliche Technologie, lehnt aber die Philosophie der Moderne ab, weil sie angeblich gegen den Islam verstößt. Das ist falsch und das müssen wir den jungen Menschen vermitteln. Sonst nützen die besten Gesetze nichts.

Junge Marokkanerinnen leben doch heute anders als ihre Mütter.

Lamrabet: Ja, sie leben anders, selbst wenn sie ein Kopftuch tragen. Für viele bedeutet das Kopftuch eine Befreiung, denn so können sie ausgehen, arbeiten oder sich in einer Organisation engagieren. Man darf dem konservativen Augenschein nicht glauben, aber es gibt noch viel zu tun, denn die sexuelle Belästigung in den Straßen ist ein massives Problem und immer noch haben viele Männer die Angewohnheit, ihre Schwestern und Ehefrauen herumzukommandieren, ihnen zu sagen, wie sie sich kleiden sollen. Die Freiheit, uns zu kleiden, wie wir möchten, müssen wir erst noch erreichen, auch beim Kopftuch.

Die marokkanische Verfassung von 2011 garantiert gleiche Rechte für Männer und Frauen. Trotzdem sind Frauen zum Beispiel beim Erben benachteiligt.

Lamrabet: In der neuen Verfassung seht in der Tat in Artikel 19, dass Männer und Frauen gleiche Rechte genießen. Gleichzeitig werden diese Rechte durch bestehende Gesetze eingeschränkt. Das ist nicht akzeptabel, denn wir haben hier eine juristische Unklarheit. Wir können nicht von Gleichberechtigung sprechen und diese gleichzeitig einschränken. Das ist ein juristisches und ein politisches Problem.

Marokkos Frauen demonstrieren gegen Gewalt gegen Frauen am Internationalen Frauentag 2018; Foto: picture-alliance/AA/M. Houbais
Marokkos Frauen demonstrieren gegen Gewalt gegen Frauen am Internationalen Frauentag: Bereits im Jahr 2013 ergab eine Studie des marokkanischen Familienministeriums zur Lage der Frauen in der arabischen Welt, dass in Marokko jede dritte Frau, also rund 6 Millionen Marokkanerinnen, regelmäßig Opfer von Gewalt wird. Und bei jedem zweiten Übergriff ist der Täter der Ehemann.

Sex außerhalb der Ehe bleibt weiterhin kriminalisiert.

Lamrabet: Dieses archaische Gesetz stammt noch aus der Kolonialzeit, aber das Schlimme ist, dass die Marokkaner tatsächlich glauben, es wäre islamisch. Wer es abschaffen will, bekommt zu hören, man rühre an etwas Heiliges. Hier müssen wir unsere Köpfe noch stärker dekolonisieren.

Keine Religion erlaubt sexuelle Beziehungen außerhalb der Ehe, aber das ist eine moralische Frage zwischen dem Einzelnen und Gott. Wenn in Marokko Polizisten Menschen deswegen aus ihren Häusern abführen, ist das absolut inakzeptabel. Das gibt es auch in anderen arabischen Ländern nicht. Immerhin haben wir heute viel mehr Debatten über dieses Gesetz als noch vor zehn Jahren.

Bei uns heißt es immer, Gleichberechtigung wäre ein westlicher Wert, der nicht mit unserer Kultur vereinbar ist. Das ist falsch, denn Gleichberechtigung ist auch in unseren islamischen Prinzipien angelegt, das möchte ich aufzeigen. Es ist ein universeller Wert. Jeder Kontext hat seine Probleme, aber wir teilen Werte wie Gleichberechtigung, Unabhängigkeit, Autonomie und die Würde des Individuums mit dem Rest der Welt.

Ihre Forderung nach einem gerechten Erbrecht hat Sie vor zwei Jahren ihr Amt als Vorsitzende der "Rabita al Mohamadya des Oulémas", einer Art Think Tank für einen modernen Islam, gekostet. Warum dieser Aufruhr?

Buchcover Asma Lamrabet: "Men and Women in the Qur'an" im Verlag Palgrave Macmillan
Die marokkanische Ärztin und Feministin Asma Lamrabet hat zahlreiche Bücher zur Rolle der Frau im Islam verfasst, darunter auch "Men and Women in the Qur'an", das 2018 erschien. Lamrabet setzt sich für Gender-Gerechtigkeit und Emanzipation in ihrer Heimat ein und plädiert für eine zeitgemäße Lesart des Korans.

Lamrabet: Meine Forderung war nicht neu, aber die „Rabita“ hat Angst bekommen, ich würde diese Forderung in ihrem Namen stellen. Konservative Kreise in der Institution wollten deshalb, dass ich meiner Position offiziell abschwöre. Das habe ich angelehnt. Ich kann ja nicht das Gegenteil von dem behaupten, was in meinen Büchern steht. Viele Leute waren damals gegen mich, einige Salafisten meinten, ich wäre keine Muslimin mehr. Deshalb musste ich gehen. Es ist doch erstaunlich, wie hitzig solche Fragen in Marokko debattiert werden, während sich die Salafisten und andere religiöse Kreise nicht mit viel gravierenderen Problemen wie der sozialen Ungleichheit oder politischen Fragen beschäftigen.

Dabei ist der marokkanische Islam staatlich kontrolliert.

Lamrabet: Ich finde es grundsätzlich richtig, dass der Staat den Islam verwaltet. Sonst würde jeder etwas anderes sagen, die Extremisten könnten in den Moscheen ein und aus gehen und dort ihre Botschaften verbreiten. Marokko hat traditionell einen gemäßigten Islam der Sufis und der Toleranz. Aber bei den Frauenrechten ist dieser Islam leider sehr konservativ. Zwar haben Salafisten eine extreme Sicht, aber wenn es um Frauenrechte geht, sind der offizielle und der Sufi-Islam genauso konservativ: Frauen sollen zuhause bleiben, Männer sind das überlegene Geschlecht, das vertreten sie alle.

In Marokko gibt es als einzigen arabischen Land spirituelle Begleiterinnen in den Moscheen, die sogenannten Mourchidate. Sorgen sie nicht für Veränderung?

Lamrabet: Im Westen haben viele gedacht, die Mourchidate wären weibliche Imame, das stimmt aber nicht. Die Mourchidate machen eine gute Sozialarbeit in den Moscheen, zum Beispiel bei der Alphabetisierung von Frauen, aber sie hinterfragen das Patriarchat nicht. In religiösen Fragen sind sie sehr traditionell, das liegt auch daran, dass sie vom Staat bezahlt werden.

Religiöse Ämter bleiben Männern vorbehalten. Sind Sie denn für weibliche Imame?

Lamrabet: Keine einzige Stelle im Koran verbietet weibliche Imame, deshalb hat das religiöse Establishment keine ernstzunehmende Antwort auf diese Frage. Im Gegenteil, der Prophet Mohammed hat es ausdrücklich einer Frau, die den Koran sehr gut kannte, erlaubt, als Imamin tätig zu sein. Der Koran liefert also Argumente für weibliche Imame und nicht gegen sie. Letztlich sind es keine theologischen Gründe, die weibliche Imame verbieten, sondern die Mentalität steht dem entgegen. Das stößt vielen Männern noch auf.

Das klingt, als wären Sie sich in Ihren Forderungen mit westlichen Feministinnen einig.

Lamrabet: Säkulare, westliche Feministinnen haben mich am Anfang hart kritisiert. Sie wollten nicht akzeptieren, dass eine praktizierende Muslima, die zudem damals noch das Kopftuch trug, über Frauenrechte spricht! Aber das ist auch eine Form von Patriarchat, ein weibliches Patriarchat. Sie haben kein Recht, mir zu diktieren, was ich fordern darf. Für mich gibt es mehrere Feminismen, es gibt zum Beispiel den Feminismus der Befreiung in Lateinamerika, den Black Feminism in den USA, warum nicht einen islamischen Feminismus?

Gibt es nicht heute eine größere Offenheit unter Feministinnen?

Lamrabet: Das ändert sich langsam, ja. Man ist heute eher bereit, muslimischen Frauen zuzuhören, die sich mit einer neuen Lesart des Koran befreien wollen. Wenn ich in Frankreich lebte, wäre mein Feminismus ein anderer, aber ich bin Marokkanerin und Muslimin, das ist mein Hintergrund. Das haben auch die säkularen Feministinnen in Marokko heute verstanden, die sich nie für Religion interessierten und denen dann gegenüber dem politischen Islam die Argumente fehlten. Westliche Feministinnen müssen anderen Frauen die Wahl lassen, wie sie ihren Feminismus verstehen wollen. Ihr dürft nicht in unserem Namen sprechen und uns ein Modell aufzwingen, das nicht das unsere ist. Schließlich kennen wir unsere Probleme besser als ihr.

Interview: Claudia Mende

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