Die Frau, an der Sie die Figur von Zains Mutter Souad anlehnten, hat 16 Kinder geboren. Könnte die Lösung in einer besseren Geburtenkontrolle liegen?

Labaki: Die Kultur, viele Kinder in die Welt zu setzen, ist sicher ein Teil des Problems, aber wir können es nicht verallgemeinern. Man muss den Einzelfall betrachten: Es gibt Frauen, die können 20 Kinder mit viel Liebe großziehen. Es gibt wohlhabende Mütter, deren Empathie nicht mal für ein Kind ausreicht. Und es gibt auch Eltern, bei denen die prekäre wirtschaftliche Situation und die mangelnde Liebe zu den eigenen Kindern zu Ausbeutung und Missbrauch führen: Sie schicken ihre Kinder etwa zum Betteln auf die Straße, weil sie denken, dass sie mit dem Mitleid, das sie erregen, mehr Geld verdienen können als sie selbst.

Kinoplakat Capernaum
Nadine Labaki äußert in ihrem neuen Film "Capernaum - Stadt der Hoffnung" herbe Sozialkritik. Darin erzählt sie vom Straßenjungen Zain, der seine Eltern verklagt, weil sie ihn geboren haben, ohne ihn wirklich ernähren zu können. An dieser unrealistischen Fiktion entlang versucht Labaki, die Situation vernachlässigter Kinder in ihrem Heimatland zu schildern.

Im Libanon gibt es Rassismus, mangelnde Grundrechte von Arbeitsmigranten und Kinderarbeit. Allerdings ist die Menschenrechtslage sehr viel besser als in den meisten anderen Ländern des Nahen Ostens. Ist der Libanon ein besseres Land, als Sie es im Film darstellen?

Labaki: Ich fürchte, die Realität dort ist härter und noch weniger auszuhalten, als sie in "Capernaum" beschrieben wird. Natürlich hat der Libanon auch Zeichen der Humanität gesetzt, indem er trotz seiner ökonomischen und politischen Probleme mehr als zwei Millionen Flüchtlinge aufgenommen hat. Es gibt Idealisten, die die syrischen Flüchtlinge willkommen heißen, genauso gibt es aber auch ein System der Korruption, in dem Politiker mit Einfluss und andere Leute am Flüchtlingsstrom verdienen wollen.

In diesem Durcheinander ist ein echtes Chaos entstanden. Das ist der Grund, warum ich den Film "Capernaum" genannt habe. Wenn man diesen Begriff im Wörterbuch nachschlägt, steht er für Unordnung und Wirrnis - für einen Ort, an dem sich die Dinge sinnlos aufeinander türmen. Im Libanon herrscht oftmals Rassismus, es bestehen moderne Formen der Sklaverei, Mädchen werden im Kindesalter verheiratet, und das sind längst nicht alle Missstände.

Sind die Probleme, die Sie in Ihrem Film darstellen, der spezifischen Lage im Libanon geschuldet?

Labaki: Nein, sie bestehen auf der ganzen Welt, natürlich in unterschiedlichem Ausmaß. Auf Armut stößt man überall, ob in Los Angeles oder in München. Jede Gesellschaft grenzt Menschen aus und will sie am liebsten unsichtbar machen. Ob das nun in Äthiopien ist, in Indien, in Brasilien oder in Syrien: Als erste bezahlen die Kinder für unsere Kriege und Konflikte. Mein Ziel war es, ihnen durch meinen Film eine Stimme zu geben.

Die Figur des Zain ist allerdings recht spezifisch. Ein Kind syrischer Flüchtlinge im Libanon.

Labaki: Ja, wobei er für viele Kinder steht. Ich wollte wissen, was würde der Junge sagen, der am Randstein übernachtet, und kein Auge zubekommt, weil es dort viel zu unbequem ist? Was würde Alan Kurdi sagen, der kleine Junge, der ertrunken ist, und dessen Foto vom Strand von Bodrum um die Welt ging? Was würden die Kinder sagen, die an der Grenze zwischen den USA und Mexiko ihren Eltern weggenommen werden?

Dass Kinder von Flüchtlingen wie in den USA von ihren Eltern getrennt werden, zeigen Sie auch in Ihrem Film. Ist das tatsächlich Praxis im Libanon?

Labaki: Wenn sie entdeckt werden, ja. Arbeitsmigranten haben im Libanon kein Recht, Kinder bei sich zu haben. Einige schaffen es trotzdem, als Familie zu leben, doch das ist illegal. Wenn man sie erwischt, werden sie entweder zusammen mit den Kindern in ihre Heimatländer wie Äthiopien abgeschoben, oder die Kinder werden ohne die Eltern deportiert. Das passiert jeden Tag und ist Teil des korrupten Sponsorensystems im Libanon, durch das Arbeitnehmer praktisch anderen Menschen gehören. Diese können ihnen alles vorschreiben: dass sie in seinem Haus leben müssen, keine Beziehungen eingehen oder Kinder haben dürfen. Es ist moderne Sklaverei.

Das Interview führte Paul Katzenberger.

© Süddeutsche Zeitung 2019

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