Interview mit der libanesischen Cartoonistin Maya Zankoul

Illustrationen gegen die Ignoranz und das Vergessen

In ihren humorvollen Cartoons zeigt die junge libanesische Grafikdesignerin Maya Zankoul ein anderes Bild ihrer Heimat – fernab medialer Klischees von Bomben, Krieg und Terror. Juliane Metzker hat sich mit ihr unterhalten.

Frau Zankoul, Sie wurden im Libanon geboren und wuchsen in Saudi-Arabien auf. Warum sind Sie in Ihr Geburtsland zurückgekehrt?

Maya Zankoul: Weil ich Libanesin bin. Mein Vater arbeitete in Saudi-Arabien, also blieben wir dort bis ich 18 Jahre alt war. Dann ging ich zum Studium in den Libanon. Da ich außerhalb des Landes lebte, hatte ich einen leicht verklärt romantischen Blick auf die Geschehnisse in meiner Heimat. Daher sehnte ich den Tag der Rückkehr ins Land meiner Träume und Freiheiten herbei.

Haben Sie diese romantischen Vorstellungen noch immer?

Zankoul: (lacht) Natürlich nicht. Ich hatte eine Art Kulturschock als ich dann wirklich in Beirut ankam. Wenn meine Familie und ich hin und wieder Ferien im Libanon verbrachten, hat das uns allen sehr viel Spaß gemacht. Aber als ich dann hier lebte und arbeitete, erkannte ich, dass hier sehr viel falsch läuft. Eines der größten Probleme ist die Infrastruktur – das Fehlen öffentlicher Verkehrsmittel, die Elektrizitätsprobleme und Wasserengpässe, aber auch die angespannte politische Situation. Ich spürte, dass wir Libanesen noch viel Arbeit vor uns haben.

"Fight Back" von Maya Zankoul; Foto: CC-BY-NC-ND
Kampf gegen Ignoranz: "Ich habe keine Angst vor euch. Ich werde euch bekämpfen, indem ich arbeite und produktiv bin. Denn nur so können wir den Libanon zu einem besseren Land machen. Ihr werdet mich nicht aufhalten!", lautet die Kampfansage einer "sehr wütenden Maya Zankoul".

Sie illustrieren sich selbst als eine Art "Maya Zankoul" im 2-D-Format, die immer im Mittelpunkt des Geschehens steht. Woher kam die Idee zu Ihren Cartoons?

Zankoul: Meine erste Zeichnung entstand nach einer Reise mit meinen Geschwistern nach Spanien. Sie lachten darüber. Das machte mich glücklich und ich begann Dinge zu zeichnen, die mir im Alltag passierten. Die ersten Illustrationen waren sehr einfach und erzählten von der katastrophalen Verkehrslage und den Elektrizitätsproblemen. Und diesmal lachten auch meine Freunde, die die Bilder sahen. Jeder kennt die Situationen, die ich in meinen Zeichnungen darstelle und das amüsiert die Betrachter. Deshalb habe ich viel Spaß daran, meine Meinung zu sagen.  

Was ist der Grund dafür, dass Sie die meisten Cartoons auf Englisch und nicht auf Arabisch publizieren?

Zankoul: In der Universität und auf der Arbeit sprechen wir ausschließlich Englisch. In der arabischen Sprache fühle ich mich nicht so sicher. Daher schien es mir natürlicher, englische Cartoons zu gestalten. Hinzu kommt, dass meine Bilder dadurch einem breiteren Publikum zugänglich sind und ein anderes Image des Libanon zeigen, als das in den Medien verbreitete Bild von Konflikt und Krieg.

Ihre Illustration "Lebanese Reactions after an Explosion" zeigt sechs verschiedene Charaktere, die auf verschiedenste Weise einen Anschlag im Libanon kommentieren. Sie treten schockiert, abgeklärt oder patriotisch auf. Das Bild entstand nach dem Doppelanschlag vor der iranischen Botschaft in Beirut im vergangenen November und wurde vielfach auf Facebook und Twitter geteilt. Sind diese Charakter typisch für den Libanon?

Zankoul: Seit ich 2005 in den Libanon zurück kam, detonierten im Land ungefähr 100 Bomben. Man erreicht den Punkt, an dem die Nachrichten über Explosionen nichts Außergewöhnliches mehr darstellen. Sie sind zu einer Art Routine im Libanon geworden. An dem Tag des Doppelanschlags öffnete ich meine Facebook-Seite und beobachtete, wie die Leute die Explosion kommentierten. Und ich stieß auf viele unterschiedliche Meinungen. Einige waren traurig, andere schrieben gelangweilt: "Oh, schon wieder eine Explosion." Ich packte all diese Haltungen in das Bild und war gespannt auf die Reaktionen. Es wurde so häufig geteilt, was bewies, dass viele Leute sich damit identifizieren konnten. Ich kann nicht bewerten, ob das gut oder schlecht ist. An Bombenanschläge gewöhnt zu sein, ist sicher keine gute Sache, aber Realität im Libanon.

Illustration Lebanese Reactions after an Explosion von Maya Zankoul; Foto: CC-BY-NC-ND
"Schon wieder eine Explosion?": "Man erreicht den Punkt, an dem die Nachrichten über Explosionen nichts Außergewöhnliches mehr darstellen. Sie sind zu einer Art Routine im Libanon geworden", sagt Zankoul.

"Fight Back" ist denn auch eine Ihrer ernsteren Illustrationen, in der sie einem Bewaffneten die schwarze Maske vom Kopf reißen, doch an Stelle seines Gesichtes erscheint das Wort "Ignoranz". Sie haben die Illustrationen mit den Worten "Eine sehr wütende Maya Zankoul" unterschrieben. Was genau hat Sie auf diese Bildidee gebracht?

Zankoul: Nach dem Anschlag im Oktober 2012 in Beirut, bewaffneten sich sogar Zivilisten und gingen auf die Straße, um Autoreifen anzuzünden und zu schießen. Das machte mich sehr wütend. Jeder hatte Angst und blieb zu Hause. Ich dachte nur, wenn wir uns verbarrikadieren, bestätigen wir die Krawallmacher in ihrer Sache. Daher entwarf ich das Bild. Es entsprach meiner Art und Weise zu sagen, dass wir gegen die Situation ankämpfen müssen, indem wir unserem Alltag wieder ganz normal nachgehen. Ignorant sind jene, die nach all dem, was der Libanon und die Libanesen durchgemacht haben, die Waffen ergreifen und damit auf die Straße gehen.

Wie reagieren die Libanesen auf Ihre Kunst?

Zankoul: Über die Jahre hinweg, habe ich viele positive Rückmeldungen bekommen. Die Cartoons haben einige Leute sogar regelrecht in ihrem Denken beeinflusst. Sie erzählen mir, dass ihnen im Alltag plötzlich meine Bilder einfallen. Dann spüren sie, dass einige "normale" Umstände im Libanon inakzeptabel sind und wir nicht so weitermachen können. Überraschenderweise habe ich nie wirklich negative Kommentare zu meinen Bildern bekommen.

Sie sind auch Gastmoderatorin eines Internetratgebers im libanesischen Frühstücksfernsehen.

Zankoul: In der Sendung "B Wa2ta" erkläre ich Hausfrauen, wie sie soziale Medien nutzen, um ihre Ideen so zu bewerben, dass sie dadurch vielleicht eines Tages Geld verdienen können. Viele 40- bis 50-jährige Frauen habe keine Ahnung vom Internet. Vor der Show hatte meine Mutter nicht mal eine Email-Adresse. Jetzt postet sie sogar auf Facebook. In meinen Augen ist sie durch den Internetumgang emanzipierter geworden.

Illustration Christmas Season von Maya Zankoul; Foto: CC-BY-NC-ND
Oh du Fröhliche? - Maya Zankoul klagt in vielen ihrer Illustrationen die schlechte Infrastruktur im Libanon an – vor allem die katastrophale Verkehrslage. Für Libanesen scheinen stundenlange Verkehrsstaus genauso zu Weihnachten zu gehören wie der Weihnachtsmann persönlich.

Heißt das, dass Sie sich auch für die Emanzipation der Frau im Libanon einsetzen?

Zankoul: Ich würde mich fast selbst als Feministin bezeichnen. Aber ich denke, wir haben im Libanon noch einen langen Weg hinsichtlich der Frauenrechte vor uns. Stellen Sie sich zum Beispiel vor: Frauen, die einen Nicht-Libanesen heiraten, haben kein Anrecht darauf, ihre Nationalität auf ihre Kinder zu übertragen. Die Behandlung von Frauen am Arbeitsplatz, häusliche Gewalt und Gleichberechtigung müssen vermehrt öffentlich thematisiert werden.

Im Vergleich zu anderen arabischen Ländern herrschen im Libanon relative Freiräume für in- und ausländische Medien. Kam es bislang trotzdem vor, dass Sie einen kritischen Cartoon nicht veröffentlicht haben aus Angst vor möglichen negativen Reaktionen?

Zankoul: Nein. Die Bilder reflektieren meine Meinung und die will ich öffentlich machen. Im Libanon werden keine Blogger verhaftet und gefoltert. Manchmal wird jemand verhört, aber am selben Tag wieder entlassen. Ich würde nie etwas Respektloses veröffentlichen. Ich sage, was ich denke auf eine zivilisierte Art und Weise und das sollte kein Grund sein, mich zu verhaften.

Maya Zankoul studierte Grafikdesign und ist Autorin der beiden Comicbände "Amalgam 1+2".

Interview: Juliane Metzker

© Qantara.de 2013

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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