Interview mit der jemenitischen Regisseurin Sara Ishaq

"Der Jemen braucht eine neue Erde"

Sara Ishaq zählt zu den wichtigsten jungen Filmemachern im Jemen. Ihr Film "Karama Has No Walls" dokumentierte das Massaker auf dem Taghier-Platz in Sanaa und wurde im März 2014 für den Oscar nominiert. Nader Alsarras traf die jemenitische Regisseurin und sprach mit ihr über die Lage im Jemen und das Schicksal des Landes nach der Revolution von 2011.

Wie schätzen Sie die gegenwärtige Situation im Jemen angesichts des neuen Krieges, der das Land erschüttert, ein?

Sara Ishaq: Die Lage ist sehr schwierig. Die Menschen sind müde, deprimiert und erschöpft von all dieser Gewalt. Das Land ist gespalten, und manche Medien treiben diese Spaltung noch mehr voran. Es gibt viel Hass – und das ist traurig. Das Problem ist, dass das Volk nicht mehr zusammenhält. Während der Revolution waren die Menschen vereint und hatten ein gemeinsames Ziel: den Sturz des Regimes von Ali Abdullah Salih. Doch sie hatten keine Vorstellung davon, was danach kommen sollte. Was mich traurig macht, ist dass die jungen Menschen, die die Revolution ausgelöst haben und am Anfang vereint waren, sich nun selbst bekämpfen.

Das Problem liegt daran, dass der Ex-Diktator auch nach seinem Sturz immer noch Immunität genoss, und der Golf-Kooperationsrat ihn dabei sogar noch unterstützt hat. Im Hintergrund zog Salih nämlich auch weiterhin die Strippen. Die Huthis und die Süd-Separatisten hingegen wurden während des "Nationalen Dialogs" marginalisiert. Generell hat man nach der Revolution viele Teile des Volkes von der politischen Partizipation ausgeschlossen und ist ihren Forderungen nicht nachgekommen. Und genau das führte zu dieser komplizierten Lage, mit der wir heute im Jemen konfrontiert werden.

Saudi-Arabien, das die Militärschläge gegen die Huthis führt, betrachtet den Jemen als seinen Hinterhof und möchte dort keine schiitische Minderheit an der Macht sehen. Aber wie sooft in Kriegen zahlt die Zivilbevölkerung den Preis und leidet am meisten unter den Luftschlägen und den Kämpfen am Boden.

In Ihren beiden Dokumentarfilmen "Karama Has No Walls" und "The Mulberry House" spielt die jemenitische Revolution eine Hauptrolle. Wie beurteilen Sie den Ausgang dieser Revolution heute?

Saudische Luftangriffe auf Huthi-Stellungen in Sanaa und Aden; Foto: Reuters/K. Abdullah
Luftangriffe der von den USA unterstützten arabischen Militärallianz auf Huthi-Stellungen in Sanaa: "Saudi-Arabien, das die Militärschläge gegen die Huthis führt, betrachtet den Jemen als seinen Hinterhof und möchte dort keine schiitische Minderheit an der Macht sehen. Aber wie sooft in Kriegen zahlt die Zivilbevölkerung den Preis und leidet am meisten unter den Luftschlägen und den Kämpfen am Boden", so Sara Ishaq.

Ishaq: Die Revolution war letztlich nicht erfolgreich. Wir sind daran gescheitert, die Wurzeln dieses Regime auszureißen, denn niemand wurde wegen Korruption juristisch verfolgt. Vielleicht war die Revolution aber in einer Hinsicht erfolgreich: Sie hat einige jemenitische Aktivisten bekannt gemacht, die davor noch niemand kannte. Doch im Allgemeinen hat man die Revolutionsjugend marginalisiert. Einige Akteure, die nach Macht und Einfluss streben, wurden sogar für ihre Zwecke missbraucht.

Wir jungen Menschen wollen einen modernen, demokratischen Rechtsstaat aufbauen. Aber das wird durch mehrere Akteure im Jemen erschwert, die versuchen, die Macht an sich zu reißen und Ressourcen des Staates zu kontrollieren. Der Jemen ähnelt einem Garten, der voller Unkraut war – mit einigen wenigen Blumen dazwischen. Der Arabische Frühling kam, beschnitt dieses Unkraut jedoch nur an der Oberfläche, ohne dabei die Wurzeln zu entfernen, und pflanzte darin schöne Blumen. Diese blühten für eine kurze Weile auf, aber dann wuchs das Unkraut wieder und erstickte und tötete die Blumen der Revolution. Der Boden in diesem Garten und seine Grundlagen sind einfach verdorben. Der Jemen braucht eine neue Erde.

Sie haben den Jemen verlassen, um in Großbritannien Filmregie zu studieren. Nach einer langen Zeit sind Sie in den Jemen zurückgekehrt. Wie haben Sie als junge Filmemacherin das Land nach Ihrer Rückkehr erlebt?

Ishaq: Als ich Anfang 2011 in den Jemen zurückkehrte, dachte niemand, dass dort bald eine Revolution ausbrechen könnte. Ich bin aus Großbritannien zurückgekommen, um ein Abschlussprojekt für mein Studium – einen Dokumentarfilm über das Leben meines Großvaters – zu machen. Am Anfang war das nicht einfach. Die Menschen im Nahen Osten haben im Allgemeinen Angst vor Kameras. Sie denken, Kameras wollen sie ausspionieren und ihnen Böses tun. Daher begegnete meine Familie diesem Drehvorhaben anfangs mit großer Skepsis. Einen Film im Jemen zu machen ist schwierig, vor allem wenn man mit Frauen drehen möchte. Die Identität wird in der Regel verschleiert, sie soll nicht auf Bildern zu sehen sein. Männer reden normalerweise nicht über ihre Töchter oder ihre Schwestern und erwähnen nicht deren Namen vor Fremden. Sie reden nur ganz allgemein von der "Familie".

Wie sind Sie mit diesen Herausforderungen umgegangen?

Ishaq: Was mir geholfen hat, war die Tatsache, dass ich gar nicht vorhatte, einen Film zu drehen, der einem großen Publikum zugänglich gemacht werden sollte – was aber im Nachhinein mit meinem Film "Karama Has No Walls" dann doch geschehen ist. Ich wollte nur einen kleinen Abschlussfilm für die Universität machen. So konnte ich meine Familie von meinem Vorhaben überzeugen. Ich sagte ihnen, die Welt wisse zu wenig über den Jemen und die Jemeniten, sie wisse nicht, dass wir ein zivilisiertes Volk sind, das kulturell und sozial sehr heterogen ist. Denn viele betrachten den Jemen als eine rückwärtsgewandte Stammesgesellschaft.

Ich habe meine Familie dahingehend überzeugt, dass wir an diesem Klischeebild etwas ändern müssen, indem wir durch Filme ein anderes Bild des Jemen vermitteln. Die Familie stimmte dann endlich zu und erlaubte mir auch, auf dem Taghier-Platz in Sanaa zu filmen, als die Revolution ausbrach. Während der Drehs habe ich mit zahlreichen Aktivisten zusammengearbeitet. Die Aufnahmen waren ungeplant und eher intuitiv, weil ich ja nicht wusste, dass ich die Interviews später für meinen Dokumentarfilm "Karama Has No Walls" verwenden werde. Der Film handelt von den Massakern in Sanaa am "Freitag der Würde". Dass der Film dann später für den Oscar nominiert wurde, hätte ich damals gewiss nicht für möglich gehalten.

Was kann Kino, was kann Kunst im Jemen bewirken?

Ishaq: Filme, und insbesondere Dokumentarfilme können die Menschen aufklären. Denn viele Jemeniten sind eher leichtgläubig und gutherzig. Das ist das Problem. Ein Großteil der Jemeniten ist arm und ungebildet. Das macht sie zu einer leichten Beute für diejenigen, die ihre Gutherzigkeit missbrauchen und sie von ihren falschen Vorstellungen überzeugen wollen. Das geht mit Smartphones und in sozialen Netzwerken heutzutage sehr leicht und schnell. Vor allem als es um Gerüchte über den Taghier-Platz, einen der zentralen Orte der jemenitischen Jugendrevolution, ging. Die Menschen haben die Märchen geglaubt, dass auf dem Platz Frauen vergewaltigt und Männer getötet würden, und dass der Platz voller Schlägertrupps sei. Außerdem haben viele Jemeniten konfessionelle, soziale und tribale Vorurteile. Klar, es gibt in jeder Gesellschaft solche Vorurteile, aber den Jemeniten fehlt es besonders an Aufklärung. Als ich während der Revolution im Jemen war, habe ich versucht, die Menschen darüber aufzuklären, was dort wirklich vor sich ging.

Graffiti in Sanaa zeigt den Einfluss Irans und Saudi-Arabiens auf den Jemen; Foto: picture-alliance/epa/Y. Arhab
Der Jemen vor einer nationalen Zerreißprobe: Das arabische Land droht zunehmend in einen Stellvertreterkrieg zwischen dem Iran und Saudi-Arabien abzugleiten. Saudi-Arabien wirft dem Iran vor, die Huthi-Rebellen mit Waffen und Kämpfern zu unterstützen, was die Führung in Teheran bestreitet.

Aber kann Kunst wirklich unter diesen Voraussetzungen und in der heutigen Situation etwas ändern?

Ishaq: Ja, auf jeden Fall. Es gab vor der Revolution im Jemen keine wirkliche Kunst, keine Filmindustrie, man kannte keine Blogs oder Video-Blogs, es gab keine Straßenkunst wie Gesang oder Musik. Es gab auch keinen öffentlichen Raum für solche Aktivitäten, wo Menschen sich austauschen oder ihre Talente gefördert werden konnten. Die Revolution gab den jungen Menschen die Möglichkeit, diese Dinge zu entdecken, und sich auch zu vernetzen. Die Jugendlichen fingen an, sich in Coffee-Shops zu treffen, um dort Musik zu machen, ihre Blogs zu schreiben und sich mit anderen Jugendlichen über die Ereignisse der Revolution auszutauschen. Das hat den Geist des Zusammenhalts bei ihnen gestärkt. Es gab davor keine Jugend- oder Kulturzentren, wo junge Menschen sich treffen konnten. Die wenigen Coffee-Shops in Sanaa wurden somit zu Treffpunkten der Revolutionsjugend.

In Ihrem zweiten Film "The Mullberry House", den Sie auch im Jemen gedreht haben, konzentrieren Sie sich auf die Geschichte Ihrer Familie.

Ishaq: In diesem Film wollte ich mich mit dem Leben meiner Familie in Sanaa beschäftigen. Der Film ist eine Art Wiederentdeckung meiner jemenitischen Wurzeln. Ich war ins Ausland gegangen, um zu studieren. Während meines Auslandsaufenthalts habe ich innerlich den Kontakt zu meiner Familie und der jemenitischen Kultur verloren. Fünf Jahre lang war ich nicht in den Jemen gereist. Als ich wieder da war, habe ich angefangen, mit meiner Familie zu drehen, und da habe ich verstanden, dass die Familiendynamik sich sehr verändert hat. Für mich war der Wandel in meiner Familie wie eine Revolution. Er reflektierte auch die Veränderung der Gesellschaft – eine Veränderung, die letztendlich zur Revolution geführt hat. Denn die meisten Menschen hatten sich geändert und wollten den Wandel. Deswegen denke ich, dass ein Film wie "The Mulberry House" den Menschen hilft, die Situation im Jemen zu verstehen, und die Jemeniten als ganz normale Menschen anzusehen, die jetzt bombardiert werden und der Gewalt ausgesetzt sind.

Das Interview führte Nader Alsarras.

© Qantara.de 2015

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