Den Wiederaufbau vorbereiten

Sie leiten ein akademisches Austauschprojekt mit der Universität Sanaa zu “Post-conflict Reconstruction im Jemen“. Ein Ende des Krieges ist noch gar nicht absehbar und Sie denken schon über den Wiederaufbau nach?

Heinze: Das muss man jetzt machen, nicht wenn es soweit ist! Deshalb haben wir, deutsche und jemenitische Wissenschaftler, ein Ausbildungsprogramm für jemenitische Masterstudenten gestartet. In erster Linie sind das junge Frauen und Männer, die berufsbegleitend studieren und für internationale Organisationen im Land arbeiten. Im Winter 2019 fand im jordanischen Amman eine von uns organisierte Winter School mit deutschen und jemenitischen Studierenden statt; im vergangenen Jahr lief aufgrund der Pandemie alles digital.

Aber hier haben wir dennoch 25 junge Frauen und Männer in einem Seminar zu Fragen des Wiederaufbaus unterrichtet. Doch leider liegt das aktuelle Projekt nun für ein paar Wochen auf Eis. Wir warten auf eine Verlängerung der DAAD-Förderung, erst danach kann es weitergehen.

Wie muss ich mir ein solches Studium mitten im Krieg vorstellen?

Heinze: Wir sind von „Post-conflict Reconstruction“ nicht so weit entfernt, wie das auf den ersten Blick scheint. Nicht alle Regionen sind gleich stark von Zerstörungen und Kriegshandlungen betroffen. Die östlichen Landesteile etwa waren gar nicht von militärischen Auseinandersetzungen geprägt. Und im Süden finden jetzt schon Wiederaufbauprojekte statt, beispielsweise in Regionen, aus denen die Huthis vertrieben worden sind. Auch in der Hafenstadt Aden ist das zum Teil der Fall.

Welche Themen diskutieren Sie konkret in Ihren Seminaren?

Heinze: Es geht um das gesamte politische und gesellschaftliche Leben: Von ökonomischen Aspekten über gute Regierungsführung bis hin zu Nachhaltigkeit, Stichwort green recovery (nachhaltige Erholung nach den Krieg). Auch Versöhnung, Traumabewältigung und Fragen einer Übergangsjustiz zählen zu unseren Themen. Besonders eine Reform des Sicherheitssektors ist wichtig, an dieses Thema traut sich sonst niemand heran, darüber darf im Jemen überhaupt nicht geredet werden.

Nach einem Luftangriff der saudischen Militärkoalition bergen Helfer Tote aus den Trümmern eines Gefängnisses im Jemen; Foto: Hani Al-Ansi/dpa/picture-alliance
Wenig Beachtung für den Jemenkonflikt: Für Marie-Christine Heinze ist das weniger einer Ignoranz geschuldet als der Tatsache, dass es sich um einen hochkomplexen und schwer verständlichen Konflikt handelt. Es gäbe kaum deutsche Journalistinnen und Journalisten, die sich mit den Hintergründen auskennen. Außerdem sei bei vielen Deutschen eine Art Sättigungsgefühl eingetreten, was Krisen in anderen Teilen der Welt betrifft. "Das ist bedauerlich, denn dieser Krieg geht uns schon deshalb etwas an, weil die Bundesregierung Waffenlieferungen an kriegsführende Staaten zu verantworten hat,“ sagt Heinze.

Warum ist das ein so sensibles Thema?

Heinze: Es gibt keinerlei parlamentarische Kontrolle des Sicherheitssektors. Ähnlich wie in anderen arabischen und nordafrikanischen Ländern haben Polizei und Militär eine große Machtfülle und bilden fast eine Art Staat im Staate. In der Vergangenheit wurden hochrangige Posten im Sicherheitssektor mit Verwandten und Freunden des Präsidenten besetzt. Das System galt als unantastbar. Aber in einem Transitionsprozess muss man auch über solche Fragen reden können – auch wenn es Jahrzehnte dauern kann, bis sich etwas ändert.

Westliche Konzepte helfen nicht weiter

Wie könnte eine sinnvolle Reform des Sicherheitssektors aussehen?

Heinze: Es gibt im Jemen viele Stämme, die auf lokaler Ebene für Sicherheit sorgen. Sie könnten einbezogen werden. In einem so armen Land wie dem Jemen sollte nicht alles Geld ins Polizei- und Militärbudget fließen, wie es momentan der Fall ist. Die Regierung sollte stattdessen andere, sinnvolle Investitionen tätigen und die Sicherheitsstrukturen, die es auf lokaler Ebene gibt, nutzen und einbinden.

Das würde auch dabei helfen, Vertrauen zwischen Staat und Bevölkerung wachsen zu lassen. Nötig ist außerdem ein Umdenken in den Köpfen: Die Sicherheitskräfte müssen die Sicherheit der Bevölkerung gewährleisten – nicht die des Regimes.

Nun ist es natürlich eine Elite, mit der Sie zusammenarbeiten. Wie kommt all das an den Mann und an die Frau, die vielleicht in erster Linie ums Überleben kämpfen?

Heinze: Meine jemenitischen Kollegen haben etwa im Themenfeld Übergangsjustiz und Versöhnungsprozesse wichtige Ansätze entwickelt, indem sie die Religion einbeziehen, die eine bedeutende Rolle im Jemen spielt. Der Kollege Abdulsalam al-Rubaidi versucht beispielsweise, internationale Konzepte von Gerechtigkeit mit religiösen Gerechtigkeitsvorstellungen zusammen zu bringen und zusammen zu denken. Denn klar ist: Wenn wir da mit unseren westlichen Konzepten ankommen, interessiert das nicht viele Menschen. Von daher ist es toll für mich, von ihm zu lernen.

Welche Rolle spielen jemenitische Frauen bei ziviler Konfliktlösung und Friedensarbeit?

Heinze: Frauen spielen eine ganz wichtige Rolle. Viele Jemenitinnen sind im Laufe des Konflikts berufstätig geworden, sie arbeiten vor allem bei Hilfsorganisationen. Frauen können relativ problemlos in die Haushalte gehen, sich erkundigen, was dort besonders gebraucht wird, und dies dann an die Hilfsorganisationen melden. Für jemenitische Männer wären solche Besuche schwieriger; wenn eine Frau mit ihren Kindern alleine zuhause ist, wäre es aufgrund der Vorstellungen von Ehre und Anstand für einen fremden Mann unmöglich, mit ihr zu sprechen.

Für Frauen ist das auch eine Chance, zum Familienunterhalt beizutragen – sehr zum Leidwesen der jungen Männer. Viele Männer haben das Gefühl, sie würden bei der Verteilung der wenigen Jobs, die es gibt, übergangen. Das ist für sie ein ernsthaftes Problem. Denn von einem Mann wird erwartet, genug Geld zu verdienen, um heiraten und eine Familie ernähren zu können. Doch wie soll das gehen, wenn die Frauen die Jobs bekommen? 

Frauen sind unterrepräsentiert, bewegen aber viel

Politisch haben jemenitische Frauen aber das Nachsehen, oder? Die neue Regierung besteht ja nur aus Männern…

Heinze: Das stimmt, und das hat im Jemen auch für Empörung in den sozialen Netzwerken gesorgt. Einige Feministinnen haben diesen Umstand angeprangert. Andere sehen das pragmatischer und sagen: „Diese Regierung ist ohnehin korrupt – warum sollten wir uns darum streiten, da mit- zumachen? Mit ein, zwei Frauen an der Spitze erreichen wir keine Gleichberechtigung.“

Save the Children Pressebild | Jemen-Krieg; Foto:Save the Children/Sami Jassar Dieser Junge ist bei zwei Luftangriffen schwer verletzt worden
Kinder sind ein besonders häufiges Opfer des Krieges. Der Junge auf dem Bild wurde bei zwei Luftangriffen schwer verletzt. Auch Deutschland liefert Waffen an die kriegführenden Nationen im Jemen, obwohl nach den politischen Grundsätzen der Bundesregierung keine Rüstungsgüter in Spannungsgebiete geliefert werden dürfen. "Wenn wir schon Kriterien und Standards haben zu der Frage, in welche Länder Rüstungsgüter geliefert werden dürfen, sollten diese auch eingehalten werden“, sagt Marie-Christine Heinze. „Zumal bekannt ist, dass alle in den Krieg involvierten Länder den Tod von Zivilisten in Kauf nehmen.“

Es gab in der Vergangenheit bereits einzelne Politikerinnen an der Spitze, aber das hat die Bedingungen für die Teilhabe von Frauen nicht nachhaltig verbessert. Immerhin: In der Nationalen Dialogkonferenz, die während des letztendlich gescheiterten Übergangsprozesses tagte, wurde eine 30-prozentige Quote für Frauen in Regierungspositionen beschlossen. Mir ist es wichtig zu betonen, dass Frauen im Jemen vielleicht keine weithin sichtbaren, repräsentativen Rollen innehaben, aber dennoch viel bewegen.

In welchen Bereichen?

Heinze: Frauen spielen immer wieder eine wichtige Rolle in der Konfliktmediation. Sie sind zum Beispiel auch immer wieder an der Schlichtung lokaler Konflikte um Wasser und Land beteiligt. Sie vermitteln beim Austausch von Gefangenen oder sie gehen selbst in Gefängnisse und versorgen Häftlinge mit Essen. Und: Sie versuchen, die Familien, Nachbarschaften und Dörfer zusammenzuhalten. Der Krieg hat tiefe Risse in der Gesellschaft hinterlassen. Diese ziehen sich durch Gemeinden, aber auch durch Familien.

Es sind oft die Frauen, die trotzdem auf persönlicher Ebene Brücken schlagen können. Ein Beispiel: Wenn die Nachbarn politisch anders denken, kann das im Krieg leicht zu Spannungen, Misstrauen und Hass führen. Wenn eine Frau aber trotzdem ihre Nachbarin besucht, fragt, wie sie über die Runden kommt und man sich auf dieser nachbarschaftlichen Ebene gegenseitig unterstützt, trägt das maßgeblich zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei. Das ist kein Aktivismus, sondern alltägliche Arbeit, die aber enorm wichtig ist und deren Bedeutung von uns nicht genügend wahrgenommen wird.

Die Jemen-Expertin Marie-Christine Heinze ist Islamwissenschaftlerin, Friedens- und Konfliktforscherin mit Schwerpunkt Jemen an der Universität Bonn und Vorsitzende von CARPO (Center for Applied Research in Partnership with the Orient).
Die Jemen-Expertin Marie-Christine Heinze ist Islamwissenschaftlerin, Friedens- und Konfliktforscherin mit Schwerpunkt Jemen an der Universität Bonn und Vorsitzende von CARPO (Center for Applied Research in Partnership with the Orient).

Was erwarten Sie in dieser Hinsicht von der internationalen Gemeinschaft?

Heinze: Grundsätzlich benötigt es von außen keine Intervention für diese Art von Arbeit, sie könnte sogar kontraproduktiv sein. Aber Hilfe für Traumabewältigung oder aber die Ermöglichung eines Austauschs unter den Frauen über Nachbarschaftsgrenzen hinweg könnte diese alltägliche Arbeit von Frauen weiter unterstützen.    

Sie arbeiten seit 2008 als Beraterin zu Entwicklung, Frieden und politischem Wandel im Jemen. Ist es nicht frustrierend, Friedensförderung zu betreiben, während die Bundesregierung (über Umwege) Waffen an direkt im Krieg involvierte Staaten wie Saudi-Arabien, Ägypten und die Vereinigten Arabischen Emirate liefert?

Heinze: Klar, das frustriert mich. Wenn wir schon Kriterien und Standards haben zu der Frage, in welche Länder Rüstungsgüter geliefert werden dürfen, sollten diese auch eingehalten werden. Zumal bekannt ist, dass die Vereinigten Arabischen Emirate im Jemen Geheimgefängnisse unterhalten, und dass alle in den Krieg involvierten Länder den Tod von Zivilisten in Kauf nehmen.  

Gab es in den letzten Jahren trotz Krieg auch Lichtblicke, Momente, in denen Sie gemerkt haben: Hier verändert sich etwas zum Guten?

Heinze: (schweigt zunächst). Ich habe kaum Hoffnung, dass der Konflikt in naher Zukunft gelöst werden kann. Aber kleinere Entwicklungen auf lokaler Ebene sind mutmachend, beispielsweise in der Provinz Ma‘rib: Dort gibt es große Öl- und Gasvorkommen, und der lokale Gouverneur hat den Präsidenten davon überzeugt, dass die Einnahmen daraus zum Teil in der Provinz verbleiben sollten.

Das ist gelungen, und plötzlich boomt die Region: Eine Universität ist entstanden, aus einem einst kleinen Städtchen ist eine riesige Stadt mit regem Handel geworden. Das zeigt: Wenn Gelder für lokale Projekte bereitgestellt werden, wenn die richtigen Leute am Hebel sitzen und sie die Freiheit haben zu gestalten, bewegt sich etwas. Das sind in all der Dunkelheit kleine Lichtblicke, auf denen man aufbauen kann.                                                               

Interview: Elisa Rheinheimer-Chabbi

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Marie-Christine Heinze ist Vorsitzende des Forschungszentrums CARPO (Center for Applied Research in Partnership with the Orient) in Bonn. Sie hat Islamwissenschaft, Politikwissenschaft, Völker- und Europarecht sowie Friedens- und Sicherheitsforschung studiert und 2015 an der Universität Bielefeld über materielle Kultur und sozio-politischen Wandel im Jemen promoviert.

 

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