Niemand kann sich Lebensmittel leisten

Betrachtet man die Zahlen von Hilfsorganisationen zum Jemen, so wird einem schwindelig.  Rund 20 Millionen Menschen haben keinen Zugang zu medizinischer Grundversorgung, mehr als 3,6 Millionen Menschen befinden sich auf der Flucht im eigenen Land, die Ernährungslage ist katastrophal, mehr als eine halbe Million Kleinkinder sind akut unterernährt. Die Welthungerhilfe warnt, in der ersten Jahreshälfte 2021 werde sich die Zahl der Hungernden im Jemen auf 16,2 Millionen erhöhen. Ist daran die saudische Blockade des Hafens von al-Hodeida, durch den wichtige Lebensmittel ins Land gelangen, schuld?

Heinze: Ich finde diese pauschale Verurteilung der saudischen Blockade problematisch. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin in überhaupt kein Fan Saudi-Arabiens. Aber wir müssen fair bleiben: Die Blockade ist nur ein Element in einer sehr viel größeren Gemengelage. Der Jemen muss 90 Prozent seiner Lebensmittel importieren. Aber seit Beginn des Konflikts vor sechs Jahren haben die Importeure zunehmend Schwierigkeiten, Kredite zu erhalten.

Auch steigen die Kosten für Inspektionen und ähnliches und es gibt eine extreme Inflation des jemenitischen Rial, vor allem im Süden des Landes. Da die Menschen oft monatelang auf die Auszahlung ihrer Gehälter warten und die Arbeitslosigkeit dramatisch hoch ist, gibt es einen krassen Rückgang der Kaufkraft. Finanzpolitische Fehler, die gemacht wurden, die Zerstörung der Infrastruktur – da kommt vieles zusammen.

Um es kurz zu machen: Überall im Land liegen die Lebensmittel auf den Märkten zum Verkauf bereit. Aber die Menschen können sie sich schlicht nicht leisten. Und jetzt kommt noch Corona hinzu! Im Jemen weiß man vor lauter Problemen gar nicht, wo man anfangen soll…

Ende Dezember wurde eine neue Regierung vereidigt, in der nun der Norden und der Süden mit einer gleichen Anzahl von Mitgliedern repräsentiert sind. Stimmt Sie das hoffnungsfroh?

Heinze: Nicht wirklich. Die neue Regierung ist in sich gespalten, schon jetzt ist das Misstrauen untereinander groß. Und noch nicht mal in grundlegenden Fragen herrscht Einigkeit. Ein Teil der Minister ist für eine Abspaltung des Südens, ein anderer für die Einheit. Ende Dezember gab es einen versuchten Anschlag auf das neu gebildete Regierungskabinett am Flughafen Aden.

Man hätte glauben können, dieser Anschlag schweißt die Regierungsmitglieder zusammen, aber das Gegenteil ist eingetreten: Die unterschiedlichen Parteien haben sich gegenseitig beschuldigt, hinter dem Anschlag zu stecken. Dennoch setzen viele Jemeniten große Hoffnungen in diese Regierung. Es ist immerhin ein kleiner Fortschritt, dass sich die Lager auf eine Regierung einigen konnten.

Leben in Armut: Ein Mann sucht in Aden im Müll nach Verwertbarem; Foto: picture-alliance/Xinhua News Agency/M.Abdo
Leben in Armut: Ein Mann sucht in der Stadt Aden im Müll nach Verwertbarem. Die extreme Inflation, vor allem im Süden des Landes und eine dramatisch hohe Arbeitslosigkeit haben zu einem krassen Rückgang der Kaufkraft geführt. "Überall im Land liegen die Lebensmittel auf den Märkten zum Verkauf bereit,“ sagt Marie-Christine Heinze. "Aber die Menschen können sie sich schlicht nicht leisten.“

Die große Frage für einen möglichen Friedensprozess lautet jetzt: Werden die Parteien in der Lage sein, eine gemeinsame Friedensdelegation zu stellen, die versucht, eine Lösung mit den Huthis auszuhandeln? Wenn das nicht klappt, ist denkbar, dass es zu einer De-Facto-Teilung des Jemen in einen nördlichen und einen südlichen Staat kommt, ähnlich wie in Somalia.

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