Interview mit der Jemen-Expertin Marie-Christine Heinze

"Wir müssen jetzt schon über den Wiederaufbau nachdenken“

Die Islamwissenschaftlerin und Sozialanthropologin Marie-Christine Heinze leitet ein akademisches Austauschprojekt mit der Universität Sanaa zu “Post-conflict Reconstruction im Jemen“. Im Gespräch mit Elisa Rheinheimer-Chabbi spricht sie über Waffen aus Deutschland, notwendige Reformen und warum es jemenitische Frauen sind, die gesellschaftliche Risse kitten.

Frau Heinze, der Jemen erlebt derzeit eine der schlimmsten humanitären Katastrophen unserer Zeit. Doch in deutschen Medien wird kaum darüber berichtet. Woher kommt diese Ignoranz?

Marie-Christine Heinze: Ich würde es nicht Ignoranz nennen. Wir haben es hier einfach mit einem hochkomplexen und schwer verständlichen Konflikt zu tun. Es gibt kaum deutsche Journalistinnen und Journalisten, die sich mit den Hintergründen auskennen. Der Jemen ist zudem weit weg und es kommen nur wenige Flüchtlinge zu uns, daher ist die Aufmerksamkeit für diesen Konflikt nicht so groß. Und noch etwas spielt eine Rolle: Bei vielen Deutschen ist eine Art Sättigungsgefühl eingetreten, was Krisen in anderen Teilen der Welt betrifft. Das ist bedauerlich, denn dieser Krieg geht uns schon deshalb etwas an, weil die Bundesregierung Waffenlieferungen an kriegsführende Staaten zu verantworten hat.

Einerseits liefert die Bundesregierung Waffen, andererseits zählt Deutschland zu den größten humanitären Geberländern in Jemen...

Heinze: Ja, und 80 Prozent der Bevölkerung sind auf humanitäre Hilfe angewiesen! Die Vereinten Nationen hatten für 2020 rund 3,38 Milliarden US-Dollar an humanitärer Hilfe für Jemen veranschlagt. Doch von diesen dringend benötigten Hilfen waren bis Dezember gerade mal 1,6 Milliarden Dollar eingetroffen. Das liegt unter anderem daran, dass die Golfstaaten, die selbst direkt am Jemenkrieg beteiligt sind, sich teilweise oder vollständig als Geberländer zurückgezogen haben. Laut der UN-Organisation OCHA hatten Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate im Jahr 2018 noch jeweils 25 Millionen US-Dollar an Hilfen geleistet.

Spielt die EU als soft power eine Rolle in diesem Konflikt?

Heinze: In puncto Stabilisierung und Friedensförderung spielt die EU schon eine Rolle im Jemen. Aber sie ist kein global player, der die Macht hätte, den Konflikt zu beenden. Im Jemen gibt es nicht den einen Akteur, der so viel Einfluss hat, dass er alle involvierten Parteien dazu bringen könnte, sich an Abmachungen und Verträge zu halten. Die USA haben sich, genau wie Großbritannien, schon sehr früh auf eine Seite geschlagen.

Jemen | Kind mit Mundschutz trägt Hilfsgüter in Taez; Foto: Getty Images/AFP/A.Al-Basha
Es fehlt an internationalen Hilfsgeldern: "80 Prozent der Bevölkerung im Jemen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen", sagt Marie-Christine Heinze. Die Vereinten Nationen hatten für 2020 rund 3,38 Milliarden US-Dollar an humanitärer Hilfe für Jemen veranschlagt. Von diesen dringend benötigten Hilfen waren bis Dezember gerade mal 1,6 Milliarden Dollar eingetroffen. Das liegt unter anderem daran, dass die Golfstaaten, die selbst direkt am Jemenkrieg beteiligt sind, sich teilweise oder vollständig als Geberländer zurückgezogen haben.

Damit haben sie die Chance vertan, Einfluss auf die andere Seite, die Huthis, ausüben zu können. Donald Trump hat die Huthis während seiner letzten Tage im Amt auf die Terrorliste gesetzt und auch schon vorherige Regierungen haben den Jemen nur unter dem Blickwinkel des Anti-Terrorkampfes gesehen. Ich habe die Hoffnung, dass sich das unter Präsident Biden ändert.

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