Wie gehen Menschen mit dieser Art von Diskriminierung um?

Hyökki: In meiner Forschung habe ich herausgefunden, dass viele meiner Interviewpartner äußerst resilient sind. Ich war davon ausgegangen, dass Islamophobie das Leben von Konvertiten sehr schwer macht. Stattdessen jedoch sehen viele diese Erfahrungen als Prüfung von Gott oder Schulung in Geduld. Sie fragen sich: Wie kann ich am besten nicht-aggressiv auf diskriminierendes Verhalten reagieren? Kann ich Menschen mit Argumenten schlagen? Ich habe gesehen, dass finnische Muslime bereit sind, der Ungerechtigkeit die ihnen widerfährt, entgegenzutreten, anstatt sich in die passive Opferrolle zu begeben.

Wie sehen Sie die Debatten um Kopftuch und Verschleierung, die in vielen europäischen Ländern vorherrschen?

Hyökki: Ich möchte für jedermanns Recht eintreten, das zu tragen was er oder sie will. Ich verschleiere mein Gesicht nicht, habe jedoch Freundinnen die dies aus spirituellen Gründen tun. Ich denke, dass oft mit zweierlei Maß gemessen wird: Einerseits wird Individualismus als kulturelle Norm hochgehalten: "Sei du selbst!" Andererseits scheint die Gesellschaft nicht bereit zu sein, mit ein paar verschleierten Frauen fertig zu werden. Im letzten Jahrhundert waren es die Punks. Letztendlich geht es doch nur um ein Kleidungsstück. Wenn dieses jedoch mit Religion zu tun hat, wird es plötzlich problematisch. Ein anderes Beispiel: Es wird viel über Polygamie im Islam gesprochen. Das moderne Lifestyle-Konzept der Polyamorie jedoch erscheint vielen als akzeptabel. Sobald du etwas aus religiösen Gründen tust, wird es zum Problem. Europa hat ein Problem mit Religion.

Islamkritiker argumentieren häufig, dass Muslime jegliche Form von Kritik am Islam als Islamophobie ablehnen. Was halten Sie davon?

Hyökki: Hier besteht eine feine Abgrenzung. Etwas zu kritisieren, bedeutet, in einem Dialog zu sein. In einer Diskussion geht es darum, den anderen zu respektieren. Wenn man jedoch eine diffamierende Sprache verwendet oder den anderen entmenschlicht, dann ist das keine Kritik mehr. Jeder kann kritisieren und etwas infrage stellen. Kritik sollte jedoch mit einer Offenheit einhergehen, Entgegnungen und Erklärungen von der Gegenseite anzunehmen und womöglich die andere Seite zu akzeptieren oder sogar seine eigene Meinung am Ende zu revidieren.

Welche Wege gibt es, der Islamophobie entgegenzutreten?

Hyökki: Islamophobie kann man nicht auf einer Einbahnstraße entgegentreten. Muslime können etwas unternehmen, aber Nicht-Muslime müssen etwas unternehmen. Das ist der Unterschied. Als Muslimin muss ich mich nicht in die Straße stellen und Menschen fragen, ob sie etwas über den Islam hören wollen. Natürlich kann mir jeder, der wissbegierig ist, Fragen stellen. Tatsächlich jedoch gibt es immer eine Gruppe von Menschen, die kein Interesse hat und nicht lernen will. Diese Leute werden immer sagen, dass Muslime nicht genügend unternehmen.

Islamophobie muss ernst genommen werden und Teil des Lehrplans werden. Wir müssen Studenten beibringen, dass eine Beziehung zwischen Islamophobie und anderen Formen von Diskriminierung wie Antisemitismus, Eurozentrismus und Rassismus existiert. Auf gesetzlicher Ebene haben viele europäische Staaten Islamophobie bisher nicht als etwas erkannt, das gesetzlich geahndet werden kann. Wenn dies der Fall wäre, könnte die Polizei Fälle von Hassverbrechen besser verfolgen.

Wie denken Sie kann Ihre Forschung zum Kampf gegen Islamfeindlichkeit beitragen?

Hyökki: Als Akademikerin sehe ich meine Rolle darin, den üblichen Narrativen etwas entgegenzusetzen. Ich möchte meine akademischen Bemühen mit sozialem Aktivismus verbinden. Ich versuche, der muslimischen Community etwas zurückzugeben und sehe mich dabei selbst als kritische Forscherin. Gegenüber meinen Forschungssubjekten bin ich rechenschaftspflichtig. Ich möchte die Nuancen, die es gibt, vermitteln. Obwohl ich momentan in der Türkei lebe, stehe ich mit dem muslimischen Studentennetzwerk in Finnland in Verbindung. Ich versuche so oft wie möglich, den Mund aufzumachen, auf Konferenzen, bei Diskussionen und auf Podien. Mein Traum ist, dass mein Land zu einem Ort wird, der für jeden inklusiv ist. Staatsbürgerschaft und Zugehörigkeit sollten nicht an Religion, Ethnie oder Geschlecht geknüpft werden. Dies ist mein langfristiges Ziel als Akademikerin.

Das Interview führte Marian Brehmer.

© Qantara.de 2018

Die Islamophobie-Forscherin Linda Hyökki ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Islam und internationale Beziehungen der Sabahattin Zaim Universität Istanbul und Doktorandin am "Institut für Allianz der Zivilisationen" der Ibn Haldun Universität.

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