Darf man sich denn auf Ihre Skulptur setzen?

Forouhar: Es geht bei meinen Arbeiten durchaus um Berührung, ich arbeite mit Bällen, Ballons, gemusterten Stofftüchern - es geht mir darum, den Alltag umzudrehen, ihn mit einer anderen Art der Wahrnehmung zu durchbrechen. Ich habe "Countdown" aber nicht als Nutzgegenstand oder als Möbel entworfen und bin auch nicht verantwortlich dafür, was andere Menschen oder Sammler mit meiner Kunst machen.

Schon bei meiner letzten Reise nach Iran hatte ich wegen dieser Fotos Termine bei der Staatsanwaltschaft, aber ich hatte gehofft, dass sich die Lage beruhigt hätte. Jetzt stehe ich am 25. November vor Gericht wegen "Beleidigung des Sakrosankten" und "Propaganda gegen das System", was übrigens ein schwer greifbarer Vorwurf ist, schließlich kann jede Kritik so ausgelegt werden.

Und wie wird Propaganda geahndet?

Forouhar: Auf beide meiner Anklagepunkte steht Haftstrafe. Die Mindeststrafe für Propaganda gegen das System ist ein Jahr Haft, das kann sich aber schnell erhöhen. Natürlich hoffe ich, dass die Verhandlung zu meinen Gunsten ausgeht, und es gibt auch die Möglichkeit der Revision. Gestern habe ich mit meiner Anwältin Akteneinsicht genommen - die Dreistigkeit der Gegenseite geht wirklich über die Grenzen meines Verstandes.

Jetzt haben Sie es mit genau den Behörden zu tun, die hinter der Ermordung Ihrer Eltern stehen.

Forouhar: Das ist die verdrehte Realität. Dass ich drei Tage nach dem Jahrestag, an den ich erinnern wollte, jetzt selbst vor Gericht stehe. Ich weiß nicht, ob ich jetzt - wie geplant - weiter reisen kann, eigentlich müsste ich von hier aus nach Athen fahren, wo ich eingeladen bin zu einer Auftragsarbeit

Warum bleiben Sie dabei, nach Iran zu fahren. Sie leben und arbeiten doch schon seit Anfang der Neunzigerjahre in Deutschland?

Forouhar: Es ist das Land, in dem ich aufgewachsen bin. Ein Großteil meiner Kindheitserinnerungen, vieles das mich geformt hat, hat mit diesem Land zu tun. Ich arbeite als Künstlerin intensiv mit dem Thema Erinnerung. Außerdem fühle ich mich der mühseligen, alltäglichen Arbeit vieler Menschen hier verbunden, die sich um ein demokratischeres und besseres System bemühen. Ich bin Teil dieser Bewegung, die mit Beharrlichkeit und Ausdauer ihre Rechte zurückerobern will. Und es geht mir auch um die Erinnerungsarbeit wegen der Ermordung meiner Eltern; ihr Haus ist ein Erinnerungsort, das will ich aufrechterhalten. Und dieses Recht will ich mir von diesem System nicht nehmen lassen, das mir schon meine Eltern genommen hat.

Catrin Lorch

© Süddeutsche Zeitung 2017

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