Islamophobie ist ein Kernelement der Hindutva-Ideologie. Wie wirkt sich das, abgesehen von der Anwendung brachialer Gewalt im Alltag, auf die 150 Millionen Muslime in Indien aus? Erheben deren Organisationen öffentlich die Stimme gegen Diskriminierung und die Politik der Regierung?

Roy: Sie sind zwar gut organisiert, haben aber natürlich große Angst. Und sobald sie öffentlich Kritik üben, isolieren sie sich mehr und mehr. Weil die Leute dann sagen: "Oh, schau' sie dir an – sie sind organisiert, also sind sie auch gefährlich." Der Raum, in dem sie sich bewegen, ist eng und angstbesetzt. Diese Enge spiegelte sich auch im vergangenen Wahlkampf wider: Die Kongresspartei spricht nicht über Muslime. Denn sie weiß, dass sie sofort als “muslimische” Partei bezeichnet würde. Also muss nun auch die Kongresspartei zeigen, wie "hinduistisch" sie ist.

Wie würden Sie die Rolle der internationalen Gemeinschaft in Hinblick auf Modis Regierungspolitik beschreiben?

Roy: Die USA hatten Modi nach dem Gujarat-Pogrom von 2002 ein Visum verweigert. Aber nachdem er Premierminister wurde, war er viele Male dort und hat sämtliche Präsidenten umarmt. Der Westen ist opportunistisch. Für ihn ist Indien ein riesiger Markt, und Indien erscheint als eine Art wunderbares Investitionsziel. Deshalb musste Modi irgendwie weiß gewaschen werden. Moral ist wie ein Rezeptbuch. Sie richtet sich nach den Zutaten, die verfügbar sind. Und nach den Aktienkursen.

Letztes Mal trafen wir uns im Jahr 2009, kurz vor den damaligen Parlamentswahlen. Haben Sie irgendwelche Erwartungen an das Ergebnis der aktuellen Wahlen zur Lok Sabha?

Roy: Indien ist heute ein anderer Ort, es ist viel gefährlicher als noch vor zehn Jahren. Denn das gesamte Ausmaß an Hass – ein Hass, der sich hier mehr und mehr angesammelt hat  –, die unzähligen Lügen, gefälschten Botschaften, die Änderungen der Lehrpläne, nicht von heute auf morgen verschwinden werden. Dieser aufgestaute Hass existiert bis heute und wird irgendwann einmal explodieren. Ganz unabhängig davon, was bei diesen Wahlen herauskommt.

Das Interview führte Dominik Müller.

© Qantara.de 2019

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