Seit langer Zeit weisen Sie auf die Fusion neoliberaler und rechtsextremer Politikströmungen in Ihrem Land hin. Das passiert nicht nur in Indien, sondern ist heute leider auch in vielen anderen Staaten zu beobachten. Aber in Indien ist diese Verschmelzung sehr weit vorangeschritten. Wie ist es dazu gekommen?

Roy: Darüber schreibe ich seit nunmehr zwanzig Jahren. Es begann in den späten 1980er und zu Beginn der 90er Jahre. Damals, unter der Kongressregierung, wurden zwei Schleusen geöffnet: zum einen durch die Behauptung, die Babri Majiid, die Moschee in Ayodhya, sei in Wirklichkeit der Geburtsort des hinduistischen Gottes Ram. Und zum anderen durch die Öffnung des indischen Marktes. Das hat zwei Arten von Totalitarismus befördert: einen neoliberalen Marktfundamentalismus und diesen religiösen, chauvinistischen Hindutva-Nationalismus. Sie beide umwerben einander. Manchmal erscheinen diese Fundamentalismen zwar als widersprüchlich - der eine als mittelalterlich, der andere als modern. Doch tatsächlich bilden sie ein Liebespaar.

Während des letzten großen Pogroms 2002 in Gujarat war Narendra Modi damals Chefminister dieses Bundesstaates. Mehr als 1.000 Menschen wurden damals getötet, überwiegend Muslime. Bis heute werfen viele Menschenrechtsaktivisten, Juristen und Journalisten Narendra Modi vor, das Blutbad zugelassen und anschließend sogar gerechtfertigt zu haben. Wie konnte es sein, dass große indische und internationale Konzerne wie die Ambanis, Tatas, Mittals, Adanis und sogar Goldman Sachs ausgerechnet auf ihn setzten?

Studenten in Neu Delhi protestieren gegen die politische Einflussnahme der RSS auf dem Campus sowie gegen die willkürliche Änderungen der Lehrpläne; Foto: Dominik Müller
Studenten in Neu Delhi protestieren gegen die politische Einflussnahme der rechtsextremen RSS auf dem Campus sowie gegen die willkürliche Änderungen der Lehrpläne: Zwar können Studierende von ihrem demokratischen Recht auf freie Meinungsäußerung noch Gebrauch machen, viele Muslime scheuen davor in der Öffentlichkeit mittlerweile zurück. "Indiens Muslime sind zwar gut organisiert, haben aber natürlich große Angst. Und sobald sie öffentlich Kritik üben, isolieren sie sich mehr und mehr. Der Raum, in dem sie sich bewegen, ist eng und angstbesetzt", so Arundhati Roy.

Roy: Die neue Wirtschaftspolitik brauchte einen starken Mann, sie brauchte eine Skrupellosigkeit bei der Vertreibung von Menschen, bei der Übernahme von Land, bei der Änderung der Arbeitsgesetze. Als er 2014 für das Amt des Premierministers in den Wahlkampf zog, verschwanden die Safranfarben (Symbol der Hindutva-Anhänger) und er zog einen Geschäftsanzug an. Und traurigerweise feierten dann sogar viele liberale Intellektuelle seine Ankunft als Premierminister auf eine Weise, die ich für beschämend hielt. Sie versuchten, das Massaker von Gujarat auszulöschen, sie taten so, als ob die Hindutva, die Agenda der Hindu-Rechten, der Vergangenheit angehörte.

Die Bharatiya Janata Party (BJP) Modis ist der politische Flügel einer viel größeren politischen Organisation. Worin besteht ihr ideologischer Hintergrund?

Roy: Die BJP ist nicht die Macht in Indien, es ist eine Organisation namens RSS, die "Rashtriya Swayamsevak Sangh", die 1925 nach dem Vorbild von Mussolinis Schwarzhemden gegründet wurde. Ihre Anhänger sprechen offen darüber, Indien zur hinduistischen Nation zu erklären und haben schon immer gesagt, dass die Verfassung geändert werden muss. Und Modi ist - wie fast alle BJP-Minister und Abgeordnete – Mitglied der Organisation. Jede Institution in Indien ist von der RSS durchdrungen worden - ob Armee, Universitäten, Gerichte oder Nachrichtendienste.

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