Denken Sie, dass die anderen arabischen Gesellschaften wirklich bereit sind, einen solchen Schritt zu machen?

El Saadawi: Sie sind dazu bereit, wenn auch die politischen Systeme und Gesellschaften dieser Länder dazu bereit sind und sich ein progressives Verständnis in den Staaten durchsetzt. All diese Faktoren spielen eine entscheidende Rolle. Das Wichtigste ist, dass sich dieses progressive Denken zusammen mit der Politik weiterentwickelt. Religion muss dabei Privatsache bleiben, sie darf keinen Einfluss auf Politik und Gesellschaft haben.

Glauben Sie, dass die Gleichstellung im Erbrecht ein Meilenstein auf dem Weg zur vollständigen Gleichberechtigung von Mann und Frau in der arabischen Welt ist?

El Saadawi: Das Gesetz wäre ja nicht der erste Vorstoß. Es wurden ja bereits einige Fortschritte erzielt, wir fangen ja keinesfalls bei Null an. Geschichtliche Entwicklungen bauen immer aufeinander auf. Dieser Schritt ist daher einer von vielen, die dazu beitragen, Fortschritte zu erzielen und die Menschen dazu ermutigen, über die Gleichstellung im Erbrecht und die gesetzlichen Regelungen zur Anerkennung der Nachkommenschaft zu diskutieren.

Kritiker meinen, dass es einen Konflikt zwischen den nach geltendem Recht verbrieften Frauenrechten einerseits und der gelebten Realität andererseits gäbe, der hauptsächlich auf die mangelhafte Umsetzung in der gesellschaftlichen Praxis zurückzuführen sei. Was halten Sie von diesem Standpunkt?

El Saadawi: Ich habe Tunesien ja bereits mehrfach besucht und würde sagen, dass die Gesetze dort schon weiter sind als es der gesellschaftlichen Realität der Frau entspricht. Das liegt meines Erachtens daran, dass einerseits politische Führungskräfte wie Essebsi Mut beweisen und sich - wie bereits Habib Bourguiba – für eine progressive Gesetzgebung einsetzt.

Andererseits halten die politischen, religiösen und kulturellen Umstände mit dieser positiven Neuerung nicht mit. In Hinblick auf die Frauenrechte ist die Gesetzgebung zwar progressiv, jedoch können die Frauen weder ihre Rechte ausschöpfen, noch kann die Regierung diese vollständig durchsetzen. Deswegen brauchen wir ein tiefgreifendes kulturelles, intellektuelles und politisches Umdenken, das dieser Hydra den Kopf abschlägt und diejenigen, welche die Religion für ihre Zwecke missbrauchen, ins Mark trifft.

Könnte die Verabschiedung von Gesetzen, die nicht im Einklang mit dem islamischen Recht stehen, nicht zu sozialen und religiösen Konflikten führen? Immerhin geht es hier um fest verankerte kulturelle Gegebenheiten in den arabischen und islamisch geprägten Ländern.

El Saadawi: Gesetze müssen manchmal mit der gesellschaftlichen Realität im Widerspruch stehen. Es gibt nichts, was in Beton gemeißelt ist. Wir leben im 21. Jahrhundert und  sprechen seit 100 Jahren in den immer gleichen Floskeln über die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Wir liegen 100 Jahre zurück und sind die leeren Versprechungen inzwischen leid!

Alles ändert sich irgendwann – und das wird auch in Zukunft der Fall sein. Die Menschen, ob jung oder alt, wollen nicht mehr, dass Religion und Politik missbraucht werden. Sie wollen nicht mehr ausgenutzt werden – weder durch ihre eigenen Herrscher, noch durch Außenstehende. Es besteht kein Zweifel daran, dass es eine Erneuerung des religiösen Diskurses und eine intellektuelle Revolution des religiösen Denkens braucht.

Das Interview führte Imane Mellouk.

© Qantara.de 2019

Nawal El Saadawi ist ägyptische Schriftstellerin und Frauenrechtsaktivistin. Sie gehört zu den Vorkämpferinnen der modernen feministischen Bewegung in der arabischen Welt.

Aus dem Arabischen von Thomas Heyne

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