Interview mit der Anwältin Asma Jahangir

Pakistans gesellschaftliche Tabus überwinden

Weil sie die Menschenrechte in Pakistan verteidigt, schützt und stärkt – oft in sehr schwierigen und komplexen Situationen und unter großem persönlichen Risiko –, wurde die Menschenrechtsanwältin Asma Jahangir jüngst mit dem diesjährigen Alternativen Nobelpreis geehrt. Roma Rajpal Weiss hat sich mit ihr unterhalten.

Welche Bedeutung hat der diesjährige Alternative Nobelpreis für Sie persönlich und für Ihre Arbeit?

Asma Jahangir: Wenn meine Arbeit auf diese Weise anerkannt wird, verleiht einem das natürlich eine lautere Stimme – nicht nur mir, sondern allen südasiatischen Menschenrechtsaktivisten, weshalb ich diesen Preis auch nicht in erster Linie als persönliche Anerkennung betrachte, sondern als Anerkennung für alle Menschen, die sich unter wirklich schwierigen Bedingungen in der Region engagieren, vor allem natürlich in meinem Heimatland Pakistan.

Was meinen Sie genau, wenn Sie von schwierigen Bedingungen sprechen?

Jahangir: Zunächst einmal sind die Bedingungen schwierig, weil wir es in Pakistan mit einer traditionell ausgerichteten Gesellschaft zu tun haben. Zudem haben wir lange Zeit unter einer Diktatur gelebt. Und bis heute befinden wir uns politisch in einer sehr fragilen Übergangsphase: zwischen religiösem Extremismus und Militanz. Auch ist die Meinungsfreiheit in einigen Bereichen eingeschränkt – alles Tabus, die man immer wieder brechen muss, was jedoch auch sehr gefährlich ist.

Was muss am dringendsten getan werden, um die Lage der Frau in Pakistan grundlegend zu verbessern?

Jahangir: Ich denke, auf dem Gebiet der Frauenrechte muss sich sehr vieles ändern, doch vor allem muss sich die Einstellung ändern, dass sich eine Frau dem Mann gegenüber stets unterzuordnen hat. Noch immer herrscht blankes Entsetzen, wenn Pakistans Frauen etwas Großartiges für ihre Rechte leisten – von Benazir Bhutto bis hin zu Malala Yousafzai. Wenn pakistanischen Frauen gesellschaftliche Anerkennung zuteil wird, empört das oft extreme Lobbyisten, weil ihnen etwas gelingt, was den Männern eben nicht gelungen ist. Ein weiteres grundsätzliches Problem ist, dass die Gewalt gegen Frauen weiter grassiert, auch wenn die Regierung alles Mögliche unternimmt, um sie einzudämmen. Ich denke, dass Pakistans Männer endlich lernen müssen, dass es in ihrem eigenen Interesse liegt, Frauen nicht zu diskriminieren und ihnen ihre Würde zu lassen.

Wie wollen Sie dieses Umdenken erreichen und in welchen Institutionen müsste man Ihrer Ansicht nach ansetzen, um gegen Frauendiskriminierung vorzugehen?

Von links nach rechts: Asma Jahangir, Bill McKibben, Alan Rusbridger und Basil Fernando; Foto: Wolfgang Schmidt/Right Livelihood Award Foundation
Couragriert und engagiert: Die pakistanische Menschenrechtsanwältin Asma Jahangir erhielt Anfang Dezember den Alternativen Nobelpreis gemeinsam mit dem US-Whistleblower Edward Snowden, dem aus Sri Lanka stammenden Menschenrechtler Basil Fernando und dem US-Umweltschützer Bill McKibben in Stockholm.

Jahangir: Das muss schon in der Schule beginnen und dort in den Lehrplänen verankert werden. Wenn wir uns die Lehrpläne der Schulen anschauen, finden wir dort immer nur Sätze wie "das Haus des Mädchens" und "das Dorf des Jungen", oder "die Mutter kocht" und "der Vater geht zur Arbeit", wo doch in Wirklichkeit schon viele Frauen berufstätig sind. Ich glaube, es gibt in Pakistan, aber auch in den meisten anderen Ländern auf der Welt, kaum eine Frau, die nicht arbeitet. Tatsächlich arbeiten die Frauen wahrscheinlich sogar mehr als die Männer, aber dies wird weder anerkannt noch entsprechend wertgeschätzt.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Religion, dass Frauen in Pakistan nicht die gleichen Rechte haben wie die Männer?

Jahangir: Eine sehr große Rolle. Jede Restriktion gründet sich auf die Religion und wird mit ihr gerechtfertigt. Wenn Frauen die gleichen Rechte innerhalb der Familien haben, wird dies auch mit der Religion begründet. In Pakistan gibt es in vielen Bereichen diskriminierende Gesetze, und auch diese wurden im Namen der Religion erlassen. Darüber hinaus sind es aber auch soziale Bräuche, wie zum Beispiel bestimmte Kleidervorschriften, die den Frauen immer wieder vor Augen führen, dass, egal ob es um ihre Kleidung geht, um ihre Ehe, um ihre Bewegungsfreiheit oder Meinungsfreiheit, nicht sie es sind, die über sich selbst bestimmen können. Dies alles geschieht im Namen der Tradition und Religion.

In welchen anderen sozialen und politischen Bereichen besteht Ihrer Meinung nach weiterer Handlungsbedarf?

Jahangir: Frauenrechte und andere Grundrechte sind eng miteinander verknüpft. Es ist eine Tatsache, dass es in Pakistan eine weit verbreitete Kultur der Straflosigkeit bei Gewaltdelikten gibt, insbesondere wenn es um Gewalt gegen Schwächere geht. Das muss sich ändern. Und das wird man nur erzielen können, wenn die Regierungsführung und mit ihr die politischen Institutionen verbessert werden. Was sich ebenfalls ändern muss, sind herrschende Tabus wie die Meinungsfreiheit – was ja nicht nur die Frauen betrifft, sondern auch die Männer. Auch brauchen wir eine offene Debatte über die Rechte der pakistanischen Frau, ohne dass die Religion und die Tradition hierbei eine Rolle spielen. Auch sollte die positive Rolle der Frau beim Aufbau unserer Gesellschaft angemessen gewürdigt werden.

Mit welchen Projekten sind sie derzeit beschäftigt?

Jahangir: Momentan bin ich an zahlreichen Projekten beteiligt. In einem Fall geht es um die Frage, wie Grundrechte in Pakistan effektiver durchgesetzt und gestärkt werden können. Ich vertrete einige Fälle, bei denen meine Mandanten aufgrund erfundener Anschuldigungen im Gefängnis sitzen – allein aufgrund der Tatsache, dass sie sehr arm sind. Anderen Mandanten wird Gotteslästerung vorgeworfen. Und ich vertrete einige Frauen, die von den Verwandten ihrer Ehemänner verklagt wurden. Da sie keine Möglichkeit sahen, sich rechtlich beraten zu lassen, hatten sie bisher auch keine Aussicht auf ein faires Verfahren. Schließlich arbeite ich auch noch an einigen Fällen, bei denen es um verschwundene Personen in einigen Gebieten Pakistans geht, die teilweise seit drei bis vier Jahren unter dem Vorwurf des Terrorismus festgehalten werden. Zugleich kämpfen wir gegen Anti-Terrorismus-Gesetze, die nicht den internationalen Menschenrechtsstandards entsprechen.

Asma Jahangir, centre, at the regional seminar "Justice for all and impunity for none" in 2011 (photo: Right Livelihood Award Foundation)
Pakistans führende Menschenrechtsanwältin auf einem regionalen Seminar in Lahore: Mit ihrer Arbeit hat sie oft die Schwächsten der Gesellschaft verteidigt - Kinder, arme Menschen und Angehörige religiöser Minderheiten. Obwohl sie mehrfach bedroht und unter Hausarrest gestellt wurde, kämpft sie bis heute gegen die Benachteiligung von Frauen.

Auf welche Probleme stoßen Sie bei Ihrer täglichen Arbeit, wenn es um die Beratung und Unterstützung der Ärmsten der Armen und sozial Schwachen in Pakistan geht?

Jahangir: In einer Reihe von Fällen sind es die Sicherheitskräfte, die gegen einen arbeiten. Leider besteht die größte Herausforderung oft darin, die Gerichte dazu zu bewegen, sich der Sache der Schwachen anzunehmen und dies nicht auf die lange Bank zu schieben. Außerdem werde ich ständig mit religiösen Extremisten konfrontiert und deren Lobby-Verbänden, die meinen, dass wir die sozialen Normen nicht respektieren, wenn wir sagen, dass Ehrenmorde schlicht Verbrechen sind und uns vorwerfen, dass wir die Jugend durch unsere Arbeit verderben. Es existieren also einige gesellschaftliche Gruppen, die offen gegen uns opponieren. Es gibt aber auch viele, die auf unserer Seite stehen. Und tatsächlich haben sich die Zeiten inzwischen geändert, was gewiss auch auf unsere nachhaltige Bewegung zurückzuführen ist. Ehrenmorde sind dafür nur ein Beispiel von vielen. Inzwischen gibt es ein Gesetz, nach dem Ehrenmorde als Verbrechen anzusehen sind.

Das Interview führte Roma Rajpal Weiss.

© Qantara.de 2014

1986 gründete Asma Jahangir in Pakistan das erste Zentrum für Rechtshilfe und nimmt sich seitdem immer wieder komplizierter Fälle an. Zwischen 1998 und 2004 war Jahangir UN-Sonderberichterstatterin für Religions- und Glaubensfreiheit. 2010 wurde sie als erste Frau zur Präsidentin der Anwaltskammer beim Obersten Gerichtshof von Pakistan gewählt. Als eine der Mitbegründerinnen der Menschenrechtskommission in Pakistan engagiert sich die 62-jährige Anwältin seit mehr als drei Jahrzehnten für die Menschenrechte und vertritt heikle Fälle, insbesondere wenn es um Menschen am Rande der pakistanischen Gesellschaft geht.

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