Wie schwierig war es für Sie, die Filme sowie die Menschen, die darin vorkommen, ausfindig zu machen?

Ghani: Die Suche nach Teilen des Filmmaterials war kompliziert. Vieles davon befand sich im Afghan-Film-Archiv in Kabul. Andere Teile wurden in einigen ehemaligen Staaten der Sowjetunion gelagert. Ich habe in Moskau recherchiert und hatte einige Kollegen in Usbekistan und Tadschikistan, die dort für mich arbeiteten. Filmmaterial von Afghan Film gab es auch in Indien und in London. Doch am Ende waren wir sehr erstaunt, dass die Mehrheit der Filme im Afghan-Film-Archiv zu finden war. Allerdings wurden sie dort nie katalogisiert, weshalb wir das übernahmen. Niemand hatte je danach gesucht, deshalb konnte auch niemand die Filme finden.

Einige Menschen kritisieren den Umstand, dass das Archiv von Afghan Film mittlerweile in den Präsidentenpalast umgezogen ist. In diesem Kontext wird natürlich auch hervorgehoben, dass Ashraf Ghani, Afghanistans gegenwärtiger Präsident, ihr Vater ist. Wie kam es zu diesem Schritt?

Ghani: Afghan Film hatte ja seinen ursprünglichen Sitz verloren. Eine Übergangslösung bestand darin, in das Gebäude des Nationalarchivs umzuziehen. Hierbei handelt es sich um ein neues Gebäude, welches erst vor Kurzem errichtet wurde. Es handelt sich um das einzige Gebäude, welches die passenden Konditionen für die Lagerung anbietet. Es gibt klimatisierende Räume und Vakuum verschließbare Kabinen. Außerdem ist es sehr sicher. Die Bedingungen zur Lagerung von Filmmaterial sind perfekt. Schlecht ist wiederum die Tatsache, dass das Gebäude Teil des Präsidentenpalasts ist, was bedeutet, dass die Filme praktisch unzugänglich sind.

Es heißt, dass eine Digitalisierung des Filmarchivs geplant ist. Wann wird das passieren?

Ghani: Das Gute daran ist, dass das Nationalarchiv dies so schnell wie möglich umsetzen will. Alles wird digitalisiert, was auch für afghanische Filme von Vorteil sein wird. Wenn es darum geht, die Filme der Öffentlichkeit zu präsentieren, denke ich, dass dies die ultimative Lösung ist. Von dem an verschiedenen Orten gelagerten Material sollten so viele Kopien wie möglich angefertigt werden.

Denken Sie, dass die Filme weiterhin gefährdet sein könnten, etwa wenn eine andere Regierung in Afghanistan an die Macht kommt?

Ghani: Ich denke, dass dies weiterhin im Raum steht. Das ist auch einer der Gründe, weshalb die Digitalisierung schnell vonstatten gehen muss. Wenn es nach mir ginge, würde ich die Filme auch gerne online sehen. Allerdings teilt nicht jeder diese Meinung. Einige Menschen denken etwa, dass ein derartiger Massenzugang den Wert der Filme herabsetzen würde. Ich denke allerdings, dass man die Filme nur erhalten kann, wenn die Menschen sie kennen. Ebenso wichtig ist es, die Filme mit der afghanischen Öffentlichkeit zu teilen, vor allem, weil ein wirklicher Versöhnungsprozess nach den 1980er Jahren und dem Sturz der kommunistischen Regierungen bislang noch nicht stattgefunden hat. Es wäre eine gute Idee, das Filmmaterial für eine solche Initiative zu nutzen. Ähnliches geschah auch in anderen Staaten wie Südafrika. Wir können diese Filme verwenden, um einen Prozess des Geschichtenerzählens und Erinnerns zu starten.

Emran Feroz

© Qantara.de 2019

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