Interview mit der afghanischen Filmemacherin Mariam Ghani

Von der Macht der Propaganda

In ihrem Dokumentarfilm "What We Left Unfinished" thematisiert die Filmemacherin und Tochter des afghanischen Präsidenten Mariam Ghani die verdrängte Ära des afghanischen Kommunismus und dessen Verhältnis zu Kunst, Kultur und Propaganda. Emran Feroz hat sich mit ihr unterhalten.

Viele Menschen haben noch nie von der Propaganda im Bereich der Kultur während der kommunistischen Herrschaft in Afghanistan gehört. In Ihrer Dokumentation "What We Left Unfinished" behandeln Sie fünf Filme aus jener Zeit. Was hat Sie dazu veranlasst, diese Filme der Öffentlichkeit vorzustellen?

Mariam Ghani: Die Geschichte der kommunistischen Ära in Afghanistan ist kaum zu verstehen. Ich glaube, es gibt bestimmte Dinge, von denen selbst die Menschen in Afghanistan nichts wissen. Außerhalb des Landes wissen die Menschen vielleicht ein wenig über den Kampf zwischen der sowjetischen Armee und den Mudschahedin-Rebellen, aber sie verstehen nichts von der Komplexität und der Dynamik der afghanischen Marionettenregime in Kabul, der Rolle der städtischen Eliten und der Art des Lebens, das die Menschen in den damals von den Kommunisten kontrollierten Städten führten. Die Geschichte über diese Zeit ist sehr verschieden und komplex - und wird selten erzählt.

Sind diese Filme nur Propaganda, oder glauben Sie, dass sie eine gewisse Realität widerspiegeln? Es besteht immer die Möglichkeit, dass einige nostalgisch werden und behaupten, dass es sich um das ursprüngliche Kabul der 1980er Jahre handelte.

Ghani: Sie reflektieren möglicherweise das Leben einer bestimmten Gruppe, die sich selbst als "aufgeklärtes Volk" bezeichnete – all jene intellektuellen Eliten, die sich mit Kunst und Kultur beschäftigten. Sie wollten ein bestimmtes Leben für andere Menschen entwerfen, deshalb haben sie es verfilmt. Besonders gerne zeige ich diese Filme in anderen Ländern. Es ist immer wieder faszinierend, die Reaktionen der Leute zu beobachten, denn die Filme räumen mit vorgefertigten Vorstellungen über Afghanistan auf. Nachdem dem Zeigen des Films, ist es wichtig, die Leute daran zu erinnern, dass auf diese Weise nicht jeder damals gelebt hat, und man muss dazu sagen, dass sie das Filmmaterial nicht für bare Münze nehmen sollen. Doch die Filme zeigen eine faszinierende Vision vom Leben und davon, wie sich manche Menschen das Leben in Afghanistan vorgestellt haben. Solche Bilder sind sehr intensiv.

Filmplakat von Mariam Ghanis " "What We Left Unfinished"; (Vertrieb: Wide House)
Neben der Premiere von "What We Left Unfinished" zeigte Mariam Ghani auf der diesjährigen Berlinale auch drei Filme aus dem afghanischen Filmarchiv, die vom Nationalarchiv im Präsidentenpalast in Kabul und ihrem Team in den USA restauriert und digitalisiert wurden.

Sie haben mehrere Regisseure und Schauspieler aus der damaligen Zeit interviewt. Hatten Sie den Eindruck, dass einige von ihnen die kommunistische Ära in Afghanistan romantisierten und die Brutalitäten der Regime verharmlosen? Als Zuschauer gewinnt man den Eindruck, dass das einzige Interesse dieser Menschen die Produktion ihrer Filme gewesen sei. Ein Regisseur bezeichnete die damalige Zeit etwa als die "goldene Ära des afghanischen Films".

Ghani: Es gab mehrere Widersprüche in den Geschichten, die mir erzählt wurden, und das war einer der größten. Es ist sehr schwierig, von jedem, dem Sie heute diese Fragen stellen, zu erwarten, dass er Ihnen wahrheitsgetreu und exakt sagen kann, wie er sich damals fühlte und welche tatsächliche Position er in Bezug auf das Regime einnahm.

Heutzutage wissen wir, was damals wirklich passierte. Alle verheerenden Fakten sind bekannt; sie waren sich dessen bewusst, als wir miteinander sprachen, insbesondere im Hinblick auf meine eigene Familiengeschichte. Sie waren kaum geneigt, mir zu sagen: "Ich bin ein hartnäckiger Anhänger der afghanischen Kommunisten", weil sie wussten, was die afghanischen Kommunisten mit meiner Familie gemacht hatten.

Worüber sie bereit waren zu reden, war das, was sie als Künstler zu dieser Zeit erreichen konnten, und das war das Wesentliche. Während dieser Zeit hatten die Filmemacher Zugang zu Ressourcen und allen möglichen Privilegien. Das ist der Grund, weshalb sie die damaligen Verhältnisse so romantisieren.

Einige der von mir befragten Personen haben sich einfach an das politische Geschehen angepasst, nur um weiterarbeiten zu können. Andere gingen und beschlossen, im Exil zu leben, nachdem sich die politische Lage geändert hatte.

Dann gab es diejenigen, die es schafften, über viele Jahre hinweg im öffentlichen Dienst zu bleiben. Sie überlebten alle Arten von verschiedenen Regimen und sind in der Tat zu Zeitzeugen geworden.

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