Interview mit dem tunesischen Musiker Anouar Brahem

"Für Flüchtlinge ist Tunesien nur eine Durchgangsstation"

Nach Ansicht des tunesischen Oud-Virtuosen Anouar Brahem stellt sich die Situation von Flüchtlingen in Tunesien als äußerst heikel dar. Der Staat sei ohnehin schon kaum in der Lage, die Grundbedürfnisse seiner eigenen Bewohner zu erfüllen, geschweige denn die der Flüchtlinge.

Was bedeutet für Sie der Begriff Flüchtling?

Anouar Brahem: Ein Flüchtling ist eine Person, die gezwungen ist, ihr Heim und ihr Land zu verlassen, weil sie sich dort bedroht fühlt und befürchten muss, dort wegen ihrer Nationalität, ihrer Zugehörigkeit zu einer sozialen oder religiösen Gruppe, oder wegen ihrer politischen Ansichten verfolgt zu werden. Flüchtlinge sind generell Personen, die vor Krieg fliehen.

Ist Flucht vor Armut für Sie weniger legitim als Flucht vor Krieg oder politischer Unterdrückung?

Brahem: Ein Flüchtling flieht vor einer drohenden Gefahr. Flüchtlinge, die vor Krieg oder Verfolgung fliehen, sind meist Menschen, die sich zur Flucht entschieden haben, weil sie unmittelbar und schwerwiegend in ihrer körperlichen oder geistigen Unversehrtheit, selbst mit ihrem Leben, bedroht sind. Sie haben keine andere Wahl als zu fliehen. Man könnte meinen, dass Menschen die vor Armut fliehen, nicht dieses Gefühl der unmittelbaren Bedrohung hätten. Aber die Gründe und Bewertungen der Umstände können sehr komplex sein und sind nicht immer auf Anhieb ersichtlich.

Und Flucht vor ökologischen Problemen?

Brahem: Heute scheint es ein neues Verständnis von den Zusammenhängen zwischen Umwelt und Migration zu geben. Jedes Jahr werden Millionen zur Flucht gezwungen, durch Probleme, die einhergehen mit Dürren, Fluten, von steigenden Meeresspiegeln bedrohten Küstenstreifen und andere Phänomene.

Wann hört man auf, Flüchtling zu sein?

Brahem: Ein Mensch hört erst auf, ein Flüchtling zu sein, wenn er eine neue Nationalität angenommen hat und den effektiven Schutz dieses Landes genießt, oder wenn er freiwillig in sein Ursprungsland zurückkehrt, um sich dort dauerhaft niederzulassen.

Gibt es für Sie ein Recht auf Asyl?

Brahem: Dieses Recht existiert und es muss erhalten werden, weil es Millionen von Menschen ermöglicht, vor Krieg und Verfolgung zu fliehen.

Auffanglager für Flüchtlinge in Tunesien; Foto: picture-alliance/dpa
"Die Mehrzahl der Flüchtlinge lebt in einem Parallelsystem, und nur wenige sehen Tunesien als Zielland. Für die Flüchtlinge ist Tunesien vielmehr eine Durchgangsstation, wo sie auf die Rückkehr in ihr Heimatland oder die Weiterreise in ein anderes Land ausharren. Nach Schätzungen halten sich mehr als eine Million Libyer in dem Land mit einer Einwohnerzahl von ungefähr elf Millionen Einwohnern auf", schreibt Brahem.

Wenn ja: ist es bedingungslos, oder kann man es verwirken?

Brahem: Die Voraussetzungen werden in jedem Land durch eine Vielzahl von Vorschriften geregelt. In demokratischen Ländern beruhen diese Regelungen meist auf internationalen Abkommen und sind in der Regel vernünftig durchdacht. Aber in der Praxis sind die Verfahren sehr kompliziert. Diejenigen, die sich entscheiden  ihr Land zu verlassen, leben oft in sehr prekären und fragilen Umständen. Aber selbst wenn Menschen nicht den in internationalen Konventionen oder nationalen Gesetzgebungen definierten Flüchtlingskriterien entsprechen, verdienen sie doch, dass man ihnen Unterstützung und Schutz bietet.

Glauben Sie, dass eine Gesellschaft begrenzt oder unbegrenzt Flüchtlinge aufnehmen kann? Falls begrenzt: worin bestehen diese Grenzen?

Brahem: Die Aufnahme von Flüchtlingen kann manchmal erhebliche Probleme in Bezug auf Gesundheitsversorgung, Infrastruktur und Zugang zu Bildung verursachen. Im Libanon, einem Land mit 4,5 Millionen Einwohnern und 1,5 Millionen Flüchtlingen, ist das zahlenmäßige Verhältnis von Flüchtlingen pro Einwohner weltweit am höchsten.

Gibt es in Ihrem Land privilegierte Flüchtlinge, d.h. solche, die Ihr Land eher aufzunehmen bereit ist als andere? Wenn ja, warum?

Brahem: Nach den Geschehnissen in Libyen erlebten wir in Tunesien wahre Wellen von libyschen Flüchtlingen. Doch obwohl sie recht gut von der lokalen Bevölkerung akzeptiert werden, kann man nicht sagen, dass sie einen privilegierten Flüchtlingsstatus genießen, da ihre Situation weiterhin schwierig ist.

Proteste von Arbeitslosen in Tunis; Foto: DW
Keine Hoffnung auf dauerhaften sozialen Aufschwung: Tunesien leidet unter hoher Arbeitslosigkeit und schwacher Wirtschaftsentwicklung. 2015 und 2016 war das Land Ziel islamistischer Anschläge gewesen, die zu einem starken Einbruch im wichtigen Tourismussektor geführt haben. Die EU wird in diesem Jahr ihre Finanzhilfe für Tunesien verdoppeln, verlangt im Gegenzug insbesondere die Umsetzung von Strukturreformen, eine Verwaltungsreform, den Schutz von Menschenrechten und eine Fortsetzung der Anstrengungen im Kampf gegen Korruption.

Werden Flüchtlinge in Ihrem Land aus Ihrer Sicht gerecht behandelt?

Brahem: Tunesien hat die Genfer Konvention ratifiziert, aber die Flüchtlinge dort leben dennoch unter schwierigen Umständen. Das Aufenthaltsrecht erlaubt ihnen weder Arbeit, noch Zugang zu Fürsorge oder Bildung. Der Staat ist ohnehin schon kaum in der Lage, die Grundbedürfnisse seiner eigenen Bewohner zu erfüllen, geschweige denn die der Flüchtlinge. Darüber hinaus verfügt der tunesische Staat weder über die finanziellen noch die logistischen oder organisatorischen Mittel, um der Situation Herr zu werden. Die Aufnahmestrukturen, die errichtet wurden, werden vom UNHCR und dem tunesischen Roten Halbmond betrieben, die die Grundbedürfnisse sicherstellen. Die Mehrzahl der Flüchtlinge lebt in einem Parallelsystem, und nur wenige sehen Tunesien als Zielland. Für die Flüchtlinge ist Tunesien vielmehr eine Durchgangsstation, wo sie auf die Rückkehr in ihr Heimatland oder die Weiterreise in ein anderes Land ausharren. Nach Schätzungen halten sich mehr als eine Million Libyer in dem Land mit einer Einwohnerzahl von ungefähr elf Millionen Einwohnern auf.

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