Interview mit dem tunesischen Autor Habib Selmi

"Die Tunesier sind reif genug"

Der bekannte tunesische Schriftsteller und Journalist Habib Selmi berichtet im Gespräch mit Volker Kaminski über die schwierige Situation von Kulturschaffenden in seiner Heimat und sein neuestes literarisches Werk.

In Ihrem Roman "Die Frauen von al-Bassatin" schildert der Ich-Erzähler Taufik einen Besuch bei der Familie seines Bruders in Tunis. Taufik lebt als Dozent in Paris, ist mit einer Französin verheiratet, empfindet aber mit seiner muslimischen Heimat und seinen traditionell lebenden Verwandten eine tiefe Verbundenheit. Entspricht diese Spaltung Ihrer eigenen Erfahrung?

Habib Selmi: Man kann sagen, dass Taufiks Konflikt auch der meinige ist. Aber diesen Konflikt kennen viele Araber, nämlich zwei Kulturen anzugehören. Ich bejahe diese Situation vollständig und finde sie – abgesehen von einigen Schwierigkeiten – bereichernd und konstruktiv. Im Übrigen unterscheiden sich die muslimischen Werte meiner Meinung nach nicht grundlegend von den abendländischen.

Buchcover des Romans Die Frauen von al-Bassatin im Lenos-Verlag
Bestandsaufnahme der Bewegungen in den Tiefen der tunesischen Gesellschaft: Habib Selmis neuer Roman "Die Frauen von al-Bassatin" erschien 2013 auf Deutsch im Lenos-Verlag.

Alle großen Kulturen besitzen nahezu die gleichen Werte (Gleichheit, Freiheit, Gerechtigkeit, Anerkennung des anderen), und die grundlegenden Texte der arabisch-muslimischen Zivilisation einschließlich des Korans preisen die "universellen" Werte. Das Problem ist, dass die Muslime selbst (vor allem die fanatischen) diese Werte nicht kennen oder sie aus politischen oder ideologischen Gründen ignorieren.

Der Roman ist im Original 2010 erschienen – vor dem Volksaufstand, der zum Sturz von Ben Ali führte. Konnten Sie sich beim Schreiben des Romans vorstellen, dass Volksaufstände in der arabischen Welt so nah waren?

Selmi: Viele Kritiker haben den prophetischen Aspekt meines Romans unterstrichen. Einige haben sogar behauptet, mein Roman habe den arabischen Frühling vorausgesagt. Ich glaube aber nicht, dass ein Schriftsteller ein Prophet sein kann. Ich habe lediglich die Bewegungen in den Tiefen der tunesischen Gesellschaft genau beobachtet – einer Gesellschaft, die am Rand einer Explosion stand. 22 Jahre Diktatur unter Ben Ali haben das Land fast ruiniert. Alles war verkommen: die Politik, die Wirtschaft, die Kultur. Die Korruption – in der Epoche von Bourguiba noch begrenzt – hatte sich zuletzt überall ausgebreitet, nicht zu vergessen die Unterdrückung der Presse und die tägliche Verletzung der Menschenrechte.

Haben Sie Kontakte zu Schriftstellern in Tunesien? Wie ist deren Situation vor Ort unter der "Ennahda"-Regierung?

Selmi: Ich bin oft in Tunesien und habe Kontakt mit tunesischen Schriftstellern. Sie sind in einer schwierigen Situation, denn die Regierung missbilligt nicht nur die Literatur, sondern jede künstlerische Äußerung. Wir dürfen nicht vergessen, dass "Ennahda" eine islamistische Bewegung ist, und wie bei allen diesen Bewegungen werden Kunst, Literatur und Kultur nicht mit Wohlwollen betrachtet. Die Pressefreiheit ist die einzige Errungenschaft der Revolution von 2011. Die "Ennahda" versucht mit allen Mitteln, d.h. durch Einschüchterung, Klagen oder sogar Inhaftierung, den Journalisten diese Freiheit zu nehmen. Aber sie kämpfen hartnäckig für die Pressefreiheit.

Die Gesellschaft Tunesiens, wie sie im Roman geschildert wird, scheint zwiegespalten. Einerseits herrscht strenge Gläubigkeit, es gibt Personen, die sogar die Einführung der Scharia fordern, andererseits schauen die Menschen sehnsüchtig Richtung Westen und wünschen sich mehr persönliche Freiheiten und materiellen Wohlstand. In welche Richtung bewegt sich Ihrer Meinung nach derzeit die gesellschaftliche Entwicklung Tunesiens?

Selmi: Ich denke, dass die tunesische Gesellschaft sich anders entwickeln wird als die "Ennahda"-Regierung beabsichtigt. Die Tunesier sind in ihrer großen Mehrheit traditionell, aber sie würden niemals nach mittelalterlichen Gesetzen leben wollen. Sie respektieren den Islam, wollen aber einen toleranten Islam, gemäßigt und offen. Historisch und geographisch betrachtet war Tunesien immer ein Land, das offen war gegenüber anderen Zivilisationen. Diese Haltung ist Teil unserer Identität.

Viele politische Konflikte beziehen sich auf die rechtliche Situation der Frau in der tunesischen Gesellschaft. Tunesien galt vor dem Umsturz als säkularer islamischer Staat, es gab zum Beispiel ein Kopftuchverbot an Schulen und Universitäten. Glauben Sie, dass die Rolle der Frau in Tunesien weiter zurückgedrängt wird oder sehen Sie Anzeichen für Fortschritte in dieser zentralen Frage?

Demonstration tunesischer Frauen gegen Männergewalt in Tunis; Foto: picture alliance/abaca
Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung: Tunesiens Frauen befürchten, dass die Errungenschaften im Kampf für Emanzipation und rechtliche Gleichstellung in Tunesien von der islamistischen "Ennahda" beeinträchtigt oder wieder zurückgenommen werden könnten.

Selmi: In Tunesien tragen gegenwärtig immer mehr Frauen ein Kopftuch, wie Jussra, eine der Hauptfiguren meines Romans. Die "Ennahda" und die Salafisten, zumindest einige unter ihnen, wollen den Frauen sogar das Arbeiten verbieten. Für sie ist der heimische Herd der wahre Ort der Frau. Aber viele Tunesierinnen und Tunesier akzeptieren das nicht. Ein sehr großer Teil der tunesischen Bevölkerung hält an den Rechten der tunesischen Frau fest, die in der arabischen Welt eine Sonderstellung besitzt. Tunesien ist das einzige arabische Land, in dem die Vielehe verboten ist. Kürzlich nahm ich an einer Kundgebung in Tunis teil, auf der die Teilnehmer forderten, den Frauentag zu einem Tag der Frauenrechte zu machen. Der Demonstration schlossen sich mehr als 300.000 Männer und Frauen an.

In Europa wird vor allem der wachsende Einfluss der Salafisten gefürchtet. Wie stark schätzen Sie deren Einflussvermögen ein? Droht eine zunehmende Polarisierung oder Spaltung der Gesellschaft, so wie sie gegenwärtig Ägypten erlebt?

Selmi: Die Salafisten stellen in der Tat eine große Gefahr dar. Sie sind in den letzten Jahren zahlreicher geworden, vor allem nach den arabischen Revolutionen, weil sie von Freiheit und Demokratie profitiert haben. Vermutlich werden sie in den arabischen Ländern ebenso wie im Westen ernsthafte Probleme schaffen, aber ich glaube nicht, dass Tunesien einen ähnlichen Bruch erleben wird wie Ägypten. Und zwar aus dem einfachen Grund, weil dieses durch eine Partei regiert wurde (die Muslimbrüder), Tunesien aber seit dem Sturz von Ben Ali von einer Koalition aus drei Parteien geführt wird, von denen zwei nicht religiös und sozusagen "laizistisch" sind.

Was könnten oder sollten die Europäer Ihrer Meinung nach tun, um die demokratische Entwicklung in Tunesien zu fördern?

Selmi: Zunächst muss Tunesien ökonomisch geholfen werden, denn das Land hat gegenwärtig große Probleme. Wenn die Ökonomie krankt, krankt auch alles andere. Man kann nach so vielen Jahren der Diktatur keine Demokratie in einem Land einführen, wenn sich die Ökonomie in so einem katastrophalen Zustand befindet wie in Tunesien zur Zeit. Um den Rest kümmern sich die Tunesier selbst, sie sind reif genug, das zu tun.

Interview und Übersetzung aus dem Französischen von Volker Kaminski

© Qantara.de 2013 

Der Journalist und Autor Habib Selmi (62) ist einer der wichtigsten tunesischen Schriftsteller arabischer Sprache. Er lebt als Universitätsdozent für Arabisch in Paris. Zuletzt erschien auf Deutsch sein Roman "Die Frauen von al-Bassatin", aus dem er auch auf dem 13. Internationalen Literaturfestival im September 2013 in Berlin las.

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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