Interview mit dem türkischen Theologen İhsan Eliaçık

Mit dem Koran für soziale Gerechtigkeit

Der Publizist und Koran-Exeget İhsan Eliaçık ist der erste Verfechter eines "islamischen Sozialismus" in der Türkei. In seinen Lehren kritisiert er die neoliberale Politik der AKP und plädiert für eine sozialistische Lesart des Koran. Mit ihm sprach Ceyda Nurtsch.

Bei den Protesten um den Gezi-Park im Sommer 2013 waren Sie und ihre Gruppe der "Antikapitalistischen Muslime" in der ersten Reihe mit dabei. Im darauffolgenden Fastenmonat Ramadan haben Sie die sogenannten "Bodentafeln" organisiert, die alle Menschen zum gemeinsamen Fastenbrechen einluden. Was waren ihre Erfahrungen in diesen Monaten?

İhsan Eliaçık: Bei den Protesten auf dem Taksim-Platz haben wir 19 Tage im Gezi-Park gezeltet und dort auch gemeinsam mit den Menschen dort gekämpft. Die Gezi-Proteste haben uns gezeigt, dass wir als Gesellschaft nur zusammenhalten müssen, um etwas zu erreichen. Gezi war ein Gesellschaftsprojekt, in der sich die unterschiedlichen Kräfte ausbalancierten. Einer fremden Autorität bedurfte es dabei nicht. Dieser Gemeinschaftssinn ist etwas Neues in der Türkei, denn bislang existierte nur ein bestimmtes Herrschaftsverständnis, das Andersdenkenden keinen Platz einräumte.

Die jungen Leute, die mit uns auf dem Platz waren, lehnten sich gegen Autoritarismus, Totalitarismus und das Patriarchat auf. Für sie verkörpert Erdoğan einen konservativen und darüber hinaus grantigen, verständnislosen Vater. Sie denken, dass sie ihre Identität nur finden können, wenn sie sich gegen ihn auflehnen. Wir verstehen es als unsere Aufgabe, auf der Seite der Unterdrückten zu stehen. Deswegen waren wir dabei. Die Gerüchte, junge Leute hätten in Moscheen Alkohol getrunken oder Frauen mit Kopftuch seien über die Straßen geschleift worden, sind Lügen, die von der Zivilpolizei und Geheimdienstorganisationen bewusst in Umlauf gebracht wurden.

Seit etwa fünf Jahren sind Sie mit ihrer Gruppe der "Antikapitalistischen Muslime" ein scharfer Kritiker der AKP-Regierung. Was genau kritisieren Sie?

Eliaçık: Auf der politischen Ebene kritisieren wir, dass die AKP nicht die Politik ändert, sondern sich der Politik anpasst. Auch gibt es keinerlei Veränderung was Ethik, Religion und Wirtschaft angeht. Hinsichtlich der Wirtschaft des Landes unterzieht die AKP der kapitalistischen Ordnung lediglich eine "rituelle Waschung". Die Vertreter der Partei Erdoğans haben keinerlei Plan, keine alternativen Konzepte.

Proteste am Rande des Gezi-Parks in Istanbul im Juni 2013; Foto: Gaia Anderson
"Gleichheit, Solidarität und Revolution": "Die Gezi-Proteste haben uns gezeigt, dass wir als Gesellschaft nur zusammenhalten müssen, um etwas zu erreichen. Gezi war ein Gesellschaftsprojekt, in der sich die unterschiedlichen Kräfte ausbalancierten", meint İhsan Eliaçık.

Was wir bislang von der AKP gesehen haben ist, dass sie ihre privilegierte Position benutzt, um eine reiche Klasse zu begünstigen und zu etablieren. Auch in ihrer Außenpolitik nehmen sie einen Platz neben den Starken ein. Einerseits sind sie Teil der NATO, andererseits zeigen sie sich solidarisch mit den Menschen in Gaza oder Afghanistan, die mit Bomben attackiert werden.

Sie verbinden Islam und Koran mit einer neuen Kapitalismus-Kritik in der Türkei. Worin bestehen die theoretischen Grundlagen für Ihre Thesen?

Eliaçık: Als wir am 1. Mai 2012 nach einer Gedenkveranstaltung für die umgekommenen Arbeiter zum Taksim-Platz gezogen sind um dort zu demonstrieren, war das wirklich ein Novum - sowohl in der religiösen als auch in der sozialistischen Geschichte der Türkei. Wir stehen mit den linken Gruppierungen der Türkei im Dialog, doch wir repräsentieren sie nicht. Ebenso wenig repräsentieren wir alle religiösen Gruppen.

Was ich von den Lehren des iranischen Gelehrten Ali Shariati, an dem wir uns unter anderem orientieren, gelernt habe, ist Folgendes: Shariati war kein Koran-Exeget, er sprach kein Arabisch und wie man weiß, studierte er an der Pariser Sorbonne Soziologie, was ihm die Mullahs im Iran dann zum Vorwurf machten. Diese Waffe wollte ich den Hodschas in der Türkei nicht in die Hand geben.

Dr. Ali Shariati, Foto: Wikimedia Commons
Für eine sozialrevolutionäre Lesart des Korans: Dr. Ali Shariati (1933-1977) Ziel war es, den Islam als sozialphilosophische Lehre zu übersetzen. Der Soziologe gilt im Iran als einer der führenden Intellektuellen und Vordenker der Islamischen Revolution von 1979.

Ich analysierte daher in meinem Werk "Der lebende Koran" Sure für Sure sehr genau, um daraus die Argumentation abzuleiten, dass es einen klaren Widerspruch zwischen dem Koran und dem kapitalistischen System gibt. Das fängt schon beim Reichtum an: "Karim" bedeutet Großzügigkeit. Deswegen führten wir bei den Protesten auch Banner mit der Aufschrift: "Das Eigentum gehört Gott. Kapital hau' ab!". Man wirft mir häufig vor, den Islam nur hübsch verpacken zu wollen. Doch für mich basiert Religion auf zwei Grundlagen: Gerechtigkeit und Verteilung von Besitz. Wenn eine Religion Fragen nach Verteilung und Gerechtigkeit nicht stellt, ist das eine tote Religion. Wirklich sozial gerecht wäre es, wenn öffentliche Gelder in Form von Bildung, Gesundheit, Unterkunft, Strom und Wasser an die Menschen zurückfließen würden.

Auch befinden wir uns auf einer Linie mit den Lehren des iranischen Reformgeistlichen Ayatollah Mahmud Taleghani, dem Verfechter des "islamischen Sozialismus". Manchmal werden wir gefragt, ob wir etwas mit der syrischen Baath-Partei zu tun haben. Unsere Antwort ist ganz klar: Die Baath-Parti ist eine Einparteien-Diktatur, die versucht, sich sozialistisch zu gerieren.

Karl Marx hat wohl die beste Definition von Religion geliefert, als er sagte: mit Protest gegen die herrschenden Zustände, mit Verstand gegen geistlose Lebensverhältnisse und mit Herz gegen eine herzlose Welt. Das ist eine sehr poetische Definition von Religion. Shariati nennt das auch die Religion gegen die Religion. Gleichzeitig sagt Marx, Religion kann in den Händen der herrschenden Klasse zum Opium für das Volk werden – und das haben wir zuletzt auch bei den Gezi-Protesten gesehen.

Die Antikapitalistischen Muslime haben sich ja bislang noch nicht zu einer politischen Partei zusammengeschlossen.  Mit welchen Ergebnissen rechnen Sie bei den bevorstehenden Kommunalwahlen im kommenden März?

Eliaçık: Ich denke, dass die AKP an Stimmen verlieren wird. Und das wird sie zum Nachdenken bringen. Was uns die Gezi-Proteste gelehrt haben ist, dass wir weder nach der Identität des Opfers noch des Täters fragen dürfen. Ich meine damit, dass es ist immer leichter ist, in der Opposition als an der Macht zu sein. Und gleichzeitig ist es auch nicht so einfach, in Opposition zu den Menschen aus den eigenen Reihen zu stehen. Und genau das ist es, was wir gerade mit der AKP erleben, der wir ja einst politisch sehr nahe standen.

Die Gezi-Proteste beinhalteten eine gesellschaftspolitische Vision; und es wird nicht leicht sein, diesem Anspruch auch wirklich gebührend Rechnung zu tragen. Der aus den Gezi-Protesten hervorgegangene "Demokratische Kongress der Völker" (HDK) muss diese politische Vielfalt noch reflektieren. Noch sind wir nicht so weit. Es braucht Zeit.

Das Interview führte Ceyda Nurtsch

© Qantara.de 2014

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

Der 1961 in Kayseri geborene Recep İhsan Eliaçık ist Autor und Koran-Exeget. Er formulierte die theoretische Grundlage der Bewegung der "Antikapitalistischen Muslime", die während der Gezi-Proteste zu den sogenannten "Bodentafeln", zum gemeinsamen Fastenbrechen, einluden.

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