Schreibt man denn anders über das Leben im Gefängnis, wenn man im Ausland lebt?

Khalifa: Wenn man im Geschehen mitten drin ist, ist es schwierig, daraus eine Geschichte zu machen. Der eigene Blickwinkel ist dann doch sehr eingeschränkt. So gesehen schafft das Exil die nötige Distanz, die eigenen Erlebnisse zu reflektieren und alles besser zu verstehen. Natürlich fängt man auch unwillentlich an, Vergleiche zwischen der Heimat und der Diaspora anzustellen.

Welches Gefühl hegen Sie nach 13 Jahren im Ausland gegenüber einem Gefängnis, das solch tiefe Narben in Ihrer Seele hinterlassen hat?

Khalifa: An einige menschliche Begegnungen denke ich manchmal etwas nostalgisch zurück. Ganz ehrlich, ein paar der besten Menschen, mit denen ich je zu tun hatte, habe ich im Gefängnis kennengelernt.

Der eine oder andere würde da vielleicht entgegnen, dass das schon ziemlich nah dran am "Stockholm Syndrom" ist?

Khalifa: (lacht) Ich denke nicht, dass das bei mir krankhaft ist. Aber Syrien bleibt meine Heimat und ich verbinde mit ihr viele Erinnerungen – gute wie schlechte.

Wird Mustafa Khalifa der Gefängnisliteratur verhaftet bleiben, oder werden wir in Zukunft auch andere literarische Genres von Ihnen zu lesen bekommen?

Khalifa: Der Begriff ist mir zu ungenau. Ich habe ja auch die Pflicht, meine Erlebnisse literarisch zu dokumentieren. Vor zwei Jahren habe ich "Raqsat al-Qubur" (Tanz der Gräber) veröffentlicht und darin gibt es nur sehr wenige Bezüge zur Gefängnisliteratur. Wenn man über die syrische Gesellschaft schreibt, kommt das Thema aber letztlich immer irgendwie auf, denn die Gefängnisse sind Teil des Lebens in Syrien.

Die Hauptfigur in Ihrem Roman ist quasi in doppelter Hinsicht ein Gefangener: Er sitzt nicht nur in Haft, er ist auch von den anderen Häftlingen isoliert. Die Islamisten misstrauen ihm, weil sie ihn für einen Spion der Geheimpolizei halten. Warum entwerfen Sie diese doppelt missliche Lage?

Khalifa: Eine solche Konstellation kommt in den syrischen Gefangenenlagern gar nicht so selten vor. Der bloße Verdacht irgendwie in Verbindung mit der Verwaltung zu stehen, reicht, um einen Häftling zu isolieren. Die Wärter versuchen ihrerseits natürlich auch aktiv, Zweifel und Misstrauen unter den Gefangenen zu sähen.

"Das Schneckenhaus. Tagebuch eines Voyeurs" schildert den vertikalen Konflikt zwischen Wärtern und Häftlingen. Im Gefängnis gibt es aber auch noch eine andere Konfliktebene, nämlich die Auseinandersetzungen zwischen den Häftlingen selbst. Dafür gibt es viele Gründe: ideologische Differenzen, religiöse Streitigkeiten, verschiedene Parteizugehörigkeiten, regionale Loyalitäten oder einfach nur persönliche Konflikte. Für die Zukunft habe ich einen weiteren Roman geplant, in dem ich mich dieses Themas annehmen werde.

Sie stehen politisch links, schildern aber in Ihrem Roman die grausame Folter an den Muslimbrüdern. Hie und da hieß es daraufhin, die politischen Häftlinge aus dem linken Lager würden im Vergleich zu den Islamisten "verhätschelt". Wie denken Sie darüber?

Khalifa: Die Bezeichnung "verhätschelt" empfinde ich als unzutreffend. Allerdings kann man schon sagen, dass die einen zwar schlecht behandelt wurden, die anderen aber noch viel schlechter. Nachdem der bewaffnete Konflikt zwischen dem militärischen Arm der Muslimbrüder und dem Regime ausbrach, nahmen Gewalt und Folter gegen die inhaftierten Islamisten im Vergleich zu anderen Gruppen deutlich zu. Generell würde ich sagen, dass die Behandlung der Mitglieder bewaffneter Oppositionsgruppen unabhängig von ihrer ideologischen Verortung grausamer war, als die anderer Oppositioneller. Aber in den syrischen Gefängnissen wird niemand "verhätschelt".

Für mich ist der Schauplatz Ihres Romans ja auch eine Art Hauptfigur in ihrer Geschichte. Was glauben Sie, warum hat der IS das Gefängnis von Tadmor gesprengt?

Khalifa: Ich bin mir nicht ganz sicher, ob die Aufnahmen des IS den politischen Trakt zeigen, in dem meine Geschichte spielt. Ich glaube eher, dass es das Militärgefängnis war, in dem nur Freiwillige und Wehrdienstleistende der syrischen Armee inhaftiert wurden. Es gab viele Gerüchte über eine angebliche Zusammenarbeit des Regimes mit dem IS. Es wurde viel darüber spekuliert, ob das Regime Elemente innerhalb des IS dazu ermutigt hat, das Gefängnis zu sprengen, um seine Verbrechen zu vertuschen. Ich kann das weder bestätigen noch widerlegen.

Denken Sie, und ich frage Sie hier als den politischen Menschen Mustafa Khalifa und nicht den Autor, dass eine Aussöhnung in Syrien derzeit möglich wäre? Kann der Krieg beendet werden, damit die Wunden heilen können?

Khalifa: Ich kenne die innere Verfasstheit des Regimes und seinen Kern, daher schließe ich eine Aussöhnung zwischen den Menschen und den Machthabern aus. Das Regime akzeptiert keine Kompromisse und ist nicht bereit, Zugeständnisse zu machen. Vielleicht unterwirft es sich letztlich sogar vollständig den Kräften aus dem Ausland.

Auch nach acht Jahren Krieg, Zerstörung und Vertreibung ist das Regime bisher keinen einzigen Schritt auf die Menschen in Syrien zugegangen. Unterdessen hat sich das Geschehen in den letzten vier Jahren in einen internationalen und regionalen Konflikt verwandelt. Es ist nicht mehr unser Krieg, aber leider lässt sich ein Teil der Bevölkerung für fremde Interessen instrumentalisieren, denen ein anderer Teil der Syrerinnen und Syrer zum Opfer fällt.

Das Interview führte Khaled Salameh.

© Qantara.de 2019

Aus dem Arabischen von Thomas Heyne

Der Schriftsteller und Autor Mustafa Khalifa wurde 1948 in Dscharabulus in Nordsyrien geboren. In seiner Jugend war er politisch in der verbotenen "Kommunistischen Aktionspartei" aktiv. In der Folge lebte er mehrere Jahre im Untergrund, wurde zwei Mal inhaftiert und verbrachte insgesamt 15 Jahre seines Lebens im Gefängnis. Nach seiner Entlassung wurde ein Ausreiseverbot gegen ihn verhängt, bis er sich schließlich 2006 in die Vereinigten Arabischen Emirate absetzen konnte. Seit mehreren Jahren lebt Khalifa in Paris.

Mustafa Khalifa: "Das Schneckenhaus", aus dem Arabischen von Larissa Bender, Weidle Verlag, Bonn 2019, 312 Seiten, ISBN 9783938803929

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