Interview mit dem syrischen Schriftsteller Mustafa Khalifa

Die syrische Revolution ist vielschichtiger als irgendein Buch es je sein könnte

"Das Schneckenhaus. Tagebuch eines Voyeurs" von Mustafa Khalifa ist einer der berühmtesten Romane der arabischsprachigen Gefängnisliteratur. Bereits in zehn Sprachen übersetzt, erschien er zuletzt auf Deutsch. Khaled Salameh hat sich mit dem Autor über den Roman, seine Geschichte und das Exil unterhalten.

Durch ein Loch in der Zellenwand beobachtet der Protagonist des Romans "Das Schneckenhaus. Tagebuch eines Voyeurs" das Geschehen auf dem Hof des Gefängnisses von Tadmor, das wie ein monströser Fremdkörper inmitten der syrischen Wüste emporragt. Cineastisch dicht inszeniert werden die Leserinnen und Leser durch seine Augen Zeugen des Lebens in diesem Gefängnis und des Leids seiner Insassen.

Nach dem Abschluss seines Studiums der Regie in Frankreich kehrt die Hauptfigur, ein junger Christ, in seine Heimat Syrien zurück. Direkt nach seiner Ankunft am Flughafen wird er vom Geheimdienst verhaftet und verschwindet für mehr als 13 Jahre im Wüstengefängnis Tadmor. Der Vorwurf: Er soll den Muslimbrüdern angehören.

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Herr Khalifa, immer wieder hört man von jungen Syrerinnen und Syrern, dass Ihr Roman eine Art "Bibel" der Revolution sei. Glauben Sie, dass das Buch ein Stück weit dazu beigetragen hat, sich aus diesem "Schneckenhaus" zu befreien?

Mustafa Khalifa: Ich bin kein großer Freund derartiger Vergleiche. Ich sehe den Roman nicht als eine "Bibel" der syrischen Revolution. Die syrische Revolution ist vielschichtiger als irgendein Buch es je sein könnte. Sie ist das Ergebnis jahrzehntelanger Gewalt, Unterdrückung und Korruption. Vielleicht hat mein Buch aber einige junge Menschen dazu gebracht, sich der Lage bewusst zu werden.

Wieso haben Sie dem Protagonist und Ich-Erzähler keinen Namen gegeben?

Khalifa: Die Geschichte hat mehrere Bezugsebenen. Die wichtigste ist die lokale, syrische, aber auch das Menschliche spielt eine große Rolle. Deswegen tragen die Figuren und Orte keine Namen, außer wenn es unbedingt notwendig ist. Ich wollte die Geschichte zeitlich und örtlich nicht festlegen.

Buchcover "Das Schneckenhaus. Tagebuch eines Voyeurs" im Weidle Verlag
Der Roman "Das Schneckenhaus. Tagebuch eines Voyeurs" wurde 2008 bei Dar Al Adab in Beirut auf Arabisch veröffentlicht und fand insbesondere nach dem Ausbruch des „Arabischen Frühlings“ ein enormes Echo. Die deutsche Fassung, aus dem Arabischen übertragen von Larissa Bender, ist kürzlich im Weidle Verlag erschienen.

Es ging also nicht darum, eine mögliche Zensur zu umgehen?

Khalifa: Daran habe ich keine Sekunde gedacht.

Viele Leserinnen und Leser interpretieren den Ich-Erzähler als eine autobiographische Figur. Wie viel Mustafa Khalifa steckt in Ihrem Protagonisten?

Khalifa: Tatsächlich steckt vieles von mir in dieser Figur. Ihre zentralen Merkmale - Regisseur, Christ, wegen des Vorwurfs der Mitgliedschaft bei den Muslimbrüdern inhaftiert - basieren aber auf einem Freund von mir. Die Hauptfigur ist das Produkt unserer beider Erlebnisse.

Während der Lesung haben Sie über die "Aktualität" des Buches gesprochen. Ist diese Aktualität ein weiterer Faktor dafür, dass Ihr Roman momentan so viele junge Menschen anspricht?

Khalifa: Die Geschichte Syriens ist seit den sechziger Jahren des vergangen Jahrhunderts durch Gefängnisse und Internierung geprägt. Es gibt keine Familie in Syrien, die das nicht schon schmerzlich erleben musste. Selbst Frauen und Kinder werden nicht verschont. Deswegen zieht der Roman die jungen Menschen jetzt, elf Jahre nach seinem Erscheinen, in seinen Bann. Natürlich gibt es darüber hinaus auch noch viele andere Gründe: Manche waren selbst in Haft, können aber ihre Erlebnisse nicht in Worte fassen. Der Roman ist für sie ein Weg, sich nochmal mit ihren eigenen Erfahrungen auseinanderzusetzen.

Ich selbst habe, genauso wie viele andere, das Buch mit einem Mal durchgelesen. Welches erzählerische Geheimnis steckt dahinter?

Khalifa: Das könnte natürlich an meinem Schreibstil oder dem Spannungsbogen liegen. Andererseits fesselt die Geschichte die Leserinnen und Leser vielleicht, weil das Thema so weit von ihrem eigenen Alltag entfernt zu sein scheint. Auch die brutale Konfrontation mit der Erkenntnis, was da mitten in der Gesellschaft, vielleicht sogar in unmittelbarer Nähe in solchen Gefängnissen passiert, während man versucht ein normales Leben zu führen und diese Orte ignoriert, könnte eine Sogwirkung entfalten.

"Das Schneckenhaus" ist bereits auf Französisch, Englisch, Spanisch, Italienisch, Norwegisch, Türkisch, Albanisch und Ungarisch erschienen. Jetzt wurde es ins Deutsche übersetzt. Glauben Sie, dass Ihr Roman, der brutale und detaillierte Gewaltdarstellungen enthält, auch vom deutschen Publikum gelesen wird, das vielleicht an weniger drastische, eher subtile Schilderungen von Gewalt in der Literatur gewöhnt ist?

Khalifa: In jeder Gesellschaft gibt es Menschen, die sich für solch eine Thematik interessieren. Auch im arabischsprachigen Publikum waren nicht alle in der Lage, das Buch bis zum Ende zu lesen. Durch Lesungen und daran anschließende Diskussionen habe ich den Eindruck gewonnen, dass das Buch recht gut angenommen wird. Überrascht war ich, dass so viele Menschen, insbesondere jüngere Syrerinnen und Syrer, bei diesen Lesungen waren.

Ihr selbstgewähltes Exil begann 2006 in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Zwei Jahre später ist "Das Schneckenhaus" erschienen. Hatte das Leben in der Diaspora Einfluss auf den Roman?

Khalifa: Der Roman war schon fertiggestellt, bevor ich Syrien verlassen hatte.

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