Hatten Sie vor der Revolution den Eindruck, dass das unabhängige Theater ein Publikum fand?

Kadour: Meiner Meinung nach hat die Kulturszene in Damaskus nicht sehr viel zu bieten. Wir hatten nur drei oder vier Theater, wo es Aufführungen gab, die nur während einer, zwei, höchstens drei Wochen stattfanden. Die Anzahl der professionellen Theaterleute und Kulturakteure war sehr gering und die Besucherzahl war auch sehr begrenzt. Oft sah man immer nur dieselben Gesichter. Dann wurde Damaskus 2008 zur arabischen Kulturhauptstadt gewählt, ein nationales Großereignis.

Damals wurden sehr große finanzielle Mittel hierfür bereitgestellt, es gab einen Ausschuss für die Organisation der Veranstaltungen, ohne die Einmischung des Ministeriums für Kultur. Wir hatten mit diesem Ausschuss kooperiert und erhielten auch Fördermittel. Das Regime wollte der ganzen Welt zeigen, dass es in Syrien eine dynamische Kulturszene gab. 2008 wurden auf einmal Hunderte Konzerte, Ausstellungen, Aufführungen und Filme präsentiert… Das alles war zum Teil nichts anderes als ein schöner Schein, und nach 2008 war denn auch alles verschwunden. Eine längerfristige Perspektive gab es nicht.

Wie hat das Publikum auf die Flut der neuen Stücke der Jahre 2000 reagiert?

Kadour: Man hat uns beobachtet, manchmal auch angegriffen. Wenn ich heute an diese Zeit zurückdenke, glaube ich, dass das vielleicht ein Indikator für grundlegendere gesellschaftliche Veränderungen war. Es ist ja kein Zufall, dass wir zehn Jahre vor der Revolution mit dem Schreiben begonnen haben. Ich glaube, wir waren das Resultat eines langen sozialen und politischen Prozesses, aber das war uns in jenem Moment noch nicht bewusst.

Hat Sie die Revolution in Syrien überrascht?

Friedliche Proteste von Anhängern der "Freien Syrischen Armee" gegen das Assad-Regime am 4. März 2016 in Marat Numan, Provinz Idlib; Foto: Reuters/K. Ashawi
Syrische Revolution als Paukenschlag und Fanal gegen das Assad-Regime: "Ich glaube, der Aufstand hat alle überrascht, doch gleichzeitig gab es immer auch die Einsicht in die Notwendigkeit einer Revolution. Als sie ihren Anfang nahm, waren wir zunächst nur friedliche Demonstranten auf der Straße. Heute haben wir es immer noch mit einer Diktatur zu tun, wobei jetzt noch zahlreiche extremistische Gruppen dazukommen sind", so Kadour.

Kadour: Ich glaube, sie hat alle überrascht, doch gleichzeitig gab es immer auch die Einsicht in die Notwendigkeit einer Revolution. Wir waren schließlich kein säkulares Land, was auch immer Baschar al-Assad und sein Vater zu sagen pflegten. Gewiss hatte unser Präsident sein Studium in Großbritannien absolviert, sprach allerlei Fremdsprachen, aber in jener Zeit hat das Regime kein einziges Theater gebaut! Stattdessen wurde die Errichtung von immer mehr Moscheen erlaubt. Bedingt durch ein unvollkommenes Bildungswesen haben sie die Verbreitung von Unwissenheit gefördert.

Nach der Revolution hat Baschar al-Assad versucht die Welt davon zu überzeugen, dass nur er den Terrorismus wirklich bekämpfen könne. Die Europäer haben heute Angst vor dem "Islamischen Staat". Auch ich habe auch Angst davor, aber man darf doch nicht vergessen, dass alles nach und nach passiert ist, über lange Jahre hinweg, damit Syrien zu einer Brutstätte für Islamisten, Extremisten und Unwissende wird. Als die Revolution ihren Anfang nahm, waren wir zunächst nur friedliche Demonstranten auf der Straße. Heute haben wir es immer noch mit einer Diktatur zu tun, wobei jetzt noch zahlreiche extremistische Gruppen dazukommen sind.

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