Der andere Aspekt ist natürlich Kompensation von Heimat. Wenn Sie an eine mobile Gesellschaft denken, wenn sie an Migrationen denken, heißt das, dass man Heimat im Sinne von Vertrautheit irgendwo anders wieder kompensieren muss. In Nord- und Südamerika etwa gibt es viele Nachbildungen der Orte, von denen die Leute herkamen, also zum Beispiel auch viele deutsche Zentren, die gewissermaßen Heimat simulieren - meist eine Heimat, die es in der Heimat selbst nie gegeben hat. Aber man kann sich auch neue Heimaten aufbauen. Wenn man ganz böse wäre, könnte man sagen: Die Nachfahren polnischer Auswanderer, die im 19. Jahrhundert ins Ruhrgebiet gekommen sind, konnten hundert Jahre später über "Polacken" schimpfen.

Weshalb greift denn jetzt gerade die deutsche Politik diesen Begriff Heimat auf? In Bayern gibt es seit 2014 ein Heimatministerium, in Nordrhein-Westfalen seit 2017. Jüngst wurde auch auf Bundesebene ein solches Ministerium gegründet.

Innenminister Horst Seehofer (CSU); Foto: Imago/J.Heinrich
Armin Nassehi: "Der Heimatminister wird derzeit nicht müde, ohne Not zu betonen, dass 'der Islam nicht zu Deutschland gehört'. Ich halte das für eine alberne Form von Politik, für eine pure und zugleich misslungene Symbolpolitik."

Nassehi: Man kann es ja ein bisschen humorig interpretieren und sagen, dass das Interessanteste daran ist, dass jetzt ein katholischer Bayer Heimatminister im protestantischen Preußen geworden ist. Es ist ein hartes Schicksal für den guten Herrn Seehofer.

Aber man kann es auch ernsthaft sagen: Das erste Heimatministerium gab es tatsächlich hier in Bayern unter dem Finanz- und Heimatminister Söder, und seine Aufgabe bestand interessanterweise gar nicht mal darin, irgendwelche romantischen Heimatvorstellungen zu pflegen, sondern sich um ähnliche Lebensverhältnisse in Stadt und Land zu kümmern. Es ist ja durchaus ein honoriges Ziel, das zu machen. Das bedeutet in Bayern vor allem: Breitbandausbau und Umgehungsstraßen. Spannenderweise wird das mit dem Heimatbegriff aufgeblasen.

Und wie wird der Heimatbegriff über dieses - wie Sie sagen – honorige Ziel hinaus verwendet?

Nassehi: Zurzeit wird dieser Heimatbegriff eher verwendet, um identitätspolitische Fragen zu adressieren. Ich sehe darin letztlich den Versuch einer AfD-Verhinderungs-Strategie: Wenn die jetzt über das Eigene reden, dann machen wir das auch. Und dann wird der Innenminister zugleich auch ein Heimatminister. Genau genommen ist das eine lächerliche Form von Symbolpolitik. Wenn man genau hinguckt, brauchen wir alles, nur kein Heimatministerium. Das ist ja kein Ressort, das man tatsächlich bespielen kann. Vielleicht sollte man darüber nachdenken, was man in der Gesellschaft tun muss, dass sich die Leute so fühlen, dass sie nicht legitimieren müssen da zu sein. Und da würden mir schon ein paar Dinge einfallen.

Aber das würde ich nicht mit dem Heimatbegriff aufladen, der ja gleichzeitig auch noch taktische Deutschtümelei sein soll, weil der Heimatminister derzeit nicht müde wird, ohne Not zu betonen: "Der Islam gehört nicht zu Deutschland." Das ist eigentlich eine alberne Form von Politik. Ich halte das wirklich für pure und zugleich misslungene Symbolpolitik.

Das Gespräch führte Klaus Krämer.

© Deutsche Welle 2018

Prof. Armin Nassehi (geb. 1960) übernahm 1998 den Lehrstuhl für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seine Aufgabengebiete umfassen Kultursoziologie, Politische Soziologie, Religionssoziologie sowie Wissens- und Wissenschaftssoziologie. Seit 2012 ist er Herausgeber der Kulturzeitschrift "Kursbuch".

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