Sind sich dann Seehofer und manche Verbandsfunktionäre, die sich über seine Aussage empören, nicht in gewisser Art und Weise ähnlich? Wenn man sich als "deutscher Muslim" bezeichnet, wie Sie es tun, dann erntet man von beiden Seiten irritierte Blicke. Die eine Seite sieht im Islam per se etwas Fremdes, die andere Seite begreift die Selbstverortung als "deutscher Muslim" automatisch als Zurückweisung der türkischen Identität. Wie sehen Sie das?

Zaimoglu: Sie sind tatsächlich Brüder im Geiste, denn es sind Identitätshöker. Ein deutscher Muslim, so er denn die Augen aufreißt und sich nicht versteckt, wird ganz sicher nicht bemüht sein, für eine überkommene Identität zu kämpfen. Einbildung ist im Grunde genommen das Schlagwort der Stunde. Denn wir haben es bei den Streithähnen eigentlich nur mit Menschen zu tun, deren Argumentationen eigentlich längst überkommen sind. Wir dürfen uns wirklich nicht irremachen lassen, doch leider tun es viele.

Auf dem Markt da draußen wird um Stimmen und um Seelen gefeilscht. Doch nun sollte man sich bitte schön von diesem Lärm abwenden. Das tun zwar auch viele, aber leider Gottes gibt es eben auch Muslime, die immer noch einem reaktionären Bild von Heimatverbundenheit anhängen. Was kommt für mich als Muslim zuallererst? Das ist die Hingabe an den einen Gott. Der Realitätsverlust und die Wahnverstrickung haben in der Vergangenheit dazu geführt, dass die Muslime gewissermaßen nicht vom Fleck gekommen sind. Dieser Realitätsverlust, diese Wahnverstrickung kam aber nicht von außen, das waren nicht die bösen Europäer…

Wir haben in den letzten Jahren unzählige Islamdebatten erlebt, die politische Landschaft hat sich mit der AfD verändert, aber auch das türkisch-identitäre Gedankengut ist insbesondere in den letzten Jahren sichtbarer geworden. Welche Perspektiven haben Ihrer Ansicht nach die in Deutschland lebenden Muslime in dieser gegenwärtig spannungsgeladenen Atmosphäre?

Minarett und Kuppel einer Moschee in Berlin; Foto: Archivbild/Paul Zinken/dpa
Feridun Zaimoglu: "Was kommt für mich als Muslim zuallererst? Das ist die Hingabe an den einen Gott. Der Realitätsverlust und die Wahnverstrickung haben in der Vergangenheit dazu geführt, dass die Muslime gewissermaßen nicht vom Fleck gekommen sind. Dieser Realitätsverlust, diese Wahnverstrickung kam aber nicht von außen, das waren nicht die bösen Europäer…"

Zaimoglu: Ein Muslim kann kein Identitärer sein. Punkt. Ein Muslim kann keine Lust empfinden, Teil eines ideologischen Konzepts zu sein. Ich habe mich in der Vergangenheit immer wieder darüber ausgelassen, dass es heute ganz sicher nicht darum geht, Kontur zu gewinnen, indem man sich zum Gespenst der Vergangenheit erklärt. Wir sind keine Geister. Ich sehe tatsächlich das identitäre Moment, übrigens nicht nur bei den Türken, Kurden und bei den deutschstämmigen Deutschen, sondern auch bei den Russlanddeutschen und Polnischstämmigen. Ich sehe bei allen ein Beklopptheitssyndrom. Unter diesem Beklopptheitssydrom verstehe ich den Wahn, sich als Diaspora zu sehen. Himmelherrgott nochmal! Ein türkischstämmiger Deutscher, der hier in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, sollte nicht so feige sein, sich der Wirklichkeit zu entziehen, sondern er sollte – und dazu gehört auch kein großer Mut – einfach mal die eigenen Verhältnisse verstehen. Die Flucht vor der Wirklichkeit führt den Menschen nur dazu, dass er zur Salzsäule erstarrt. Diese konservierten Heimatgefilde in manchen Parallelgesellschaften zeugen ja davon, wohin es führt, wenn man die Augen vor der Fülle der Fakten verschließt.

Man hat insbesondere in den letzten Jahren das Gefühl, dass muslimische Verbände unter dem Eindruck des Rechtspopulismus und auch ganz aktuell der zunehmenden Übergriffe auf Moscheen und Muslime sich einer gewissen Marginalisierung fügen, und einige nehmen diese Marginalisierung auch an.

Zaimoglu: Isolation ist Gift. Wer sich selbst ethnisiert, hat ein Problem. Wer nicht Verantwortung übernimmt, sondern davon spricht, dass die Gesellschaft einem Makel und Fehler aufdrückt, der hat ein Problem. Es geht hier um Reifung. Unreifen Persönlichkeiten ist es zu eigen, die Schuld bei anderen zu suchen oder bei anderen abzuladen. Was für die einzelne Person gilt, gilt natürlich in diesem Zusammenhang auch für den Zusammenschluss von Menschen, egal ob sie sich nun an ein religiöses oder identitäres Bild klammern. Man muss da rauskommen. Und dies ist keinesfalls eine Durchhalteparole. Eine Durchhalteparole wäre es, sich darin zu bestärken, weiter zu verhärten und paranoid zu werden.

Ich beobachte diese aufgehende Paranoia übrigens auch bei vielen selbstethnisierten Frauen und Männern, die hier eigentlich ihr selbstgemachtes Elend übergehen. Also noch einmal: rausgehen, klüger werden, vielleicht zur deutschen Nüchternheit zurückfinden.

Das Interview führte Eren Güvercin.

© Qantara.de 2018

Feridun Zaimoglu, geboren 1964 im anatolischen Bolu, lebt seit seinem sechsten Lebensjahr in Deutschland. Er studierte Kunst und Humanmedizin in Kiel. Zu seinen Bestsellern zählen die Romane "Leyla" und "Liebesbrand", zuletzt erschien 2015 "Siebentürmeviertel". Zaimoglu erhielt zahlreiche Literaturauszeichnungen, darunter 2002 den Hebbel-Preis, 2003 den Preis der Jury beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt und 2005 den Adelbert-von-Chamisso-Preis. Im Jahr 2015 war er Stadtschreiber von Mainz, 2016 wurde ihm der Berliner Literaturpreis verliehen. Im gleichen Jahr erhielt Zaimoglu die Ehrenprofessur des Landes Schleswig-Holstein.

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.

Leserkommentare zum Artikel: "Ich sehe bei allen ein Beklopptheitssyndrom"

Es ist erschreckend, wie ein Schriftsteller, wie Zaimoglu sich unbeeindruckt gibt. Sieht er denn nicht wie Herr Seehofer sich anschickt die rechtsradikalen AFD zu überholen?. Wie stark muss noch die rechte Front wachsen bis Herr Zaimoglu gegen den aufkommenden Rassismus Stellung bezieht? Es geht mir nicht primär um den Islam. Ich bin besorgt um den Ruf des Grundgesetztes, ich bin besorgt um die Zukunft meines Deutschland. Langsam wird es mir bewusst, dass es 1936 nicht nur die Faschisten am Vormarsch waren, sondern musste es auch viele Zaimoglu gegeben haben, die unbeeindruckt die antijüdische Agitationen zuschauten.

Dr. Med. Hossei...30.03.2018 | 21:40 Uhr

Was für ein herrlich unaufgeregter und kluger Beitrag in Zeiten der allgemeinen Hysterie! Und ausgewogen noch dazu! Jede Seite kriegt ihren Spiegel vorgehalten! Und nein Herr Kommentator Dr. MED. Hossei! Zaimoglui ist keinesfalls unbeeindruckt und er ist auch nicht in Verbindung zu bringen mit 1936! Das ist einfach nur lächerlich und bestätigt die Thesen des Autors zu den alten Parolen!

Ingrid Wecker02.04.2018 | 22:48 Uhr

Herr Zaimoglu - wie wärs, Sie hätten was Neues zum Thema, ich versuchs :
"DER ISLAM" gehört (nicht) zu Deutschland. Dieser Satz ist beschämend für beide Diskutantan.
"DER ISLAM" gliedert sich in "Glaube im Islam" u. "politischer Islam". (Prof. Khorchide 06.10.17 derStandart)
Genauso heißt es ja auch Religion u. Staat sind getrennt.
Jetzt Herr Zaimoglu versuchen Sie doch "Glaube" u. "politischen Islam" zu definieren, inhaltliche Bedeutung !
Der Glaube hat Religionsfreiheit, der politische Islam nicht !!

Gerd Soldierer07.04.2018 | 23:00 Uhr