Heute sind Sie Palästinas wohl bekanntester Künstler. Häufig werden Sie als "Künstler der Intifada" bezeichnet. Sind Sie ein politischer Künstler?

Mansour: Ich finde, diese Bezeichnungen sind übertrieben. Die Menschen brauchen Helden. Und sie wählten mich. Ich mag das nicht. Als Künstler möchte ich nicht in eine Schublade gesteckt werden. Egal, was ich tue, selbst wenn dies überhaupt nichts mit Politik zu tun hat, sagen alle, das ist politisch! Als Mensch mag das gut für das eigene Ego sein, als Künstler ist es nicht so einfach.

Aber sie waren Teil einer politischen Bewegung …

Mansour: Ich bin nicht politisch aktiv. Ich spiegele in meiner Kunst die Welt, in der ich lebe. Und ich habe nun einmal das Pech, unter der Besatzung zu leben. Ich habe das nicht gewählt. Es wäre aber surrealistisch, unter der Besatzung zu leben und allein schöne Blumen und schöne Frauen zu malen. Das geht nicht. Man muss sein Leben spiegeln. Ich verwende viel Symbolik und die Menschen verstehen, was ich damit meine.

In vielen Ihrer Gemälde findet man eine Frau und eine weiße Taube. Dies ist in der Regel ein Symbol für Frieden, aber auch für Freiheit.

Mansour: Eine freie Taube ist eine Friedenstaube. Wenn man frei ist, gibt es Frieden. Das ist ein und dasselbe. Die Frau ist bei mir zu einem Symbol für Heimat und für die Revolution geworden. Jeder, der ein Gemälde mit einer Frau sieht, erkennt, dass ich darin über Heimat spreche. Je schöner die Frau, umso schöner die Heimat.

Gemälde des palästinensischen Künstlers Suleiman Mansour mit dem Titel "And the Convoy Keeps Going"; Foto: Suleiman Mansour
Symbolträchtige politische Kunst: "Eine freie Taube ist eine Friedenstaube. Wenn man frei ist, gibt es Frieden", so Mansour. "Die Frau ist bei mir zu einem Symbol für Heimat und für die Revolution geworden."

Während der ersten Intifada erklärten Sie, nur noch Materialien aus Palästina zu verwenden. Welche Idee steckte dahinter?

Mansour: Dies war die Philosophie der Intifada – es ging darum, israelische Waren zu boykottieren und unsere eigenen Ressourcen zu nutzen. Die meisten Menschen taten dies damals, sie beackerten ihr eigenes Stück Land. Ich dachte damals, warum machen das nicht auch wir Künstler? Warum suchen wir nicht nach natürlichen Materialien, mit denen wir arbeiten können? Der Lehm kam mir sofort durch Kindheitserinnerungen in den Sinn. Als Kind half ich meiner Großmutter, wenn sie Bienenstöcke und anderes, sogar Öfen aus Lehm baute. Ich war immer dabei. Später wurde mir dann erst klar, dass dies auch eine Symbolik hatte. Als ich Figuren aus Lehm formte und diese Risse bekamen, wurde mir klar, dass dies das menschliche Schicksal spiegelte – Menschen, die in sich zusammenfallen und schließlich verschwinden.

In der zweiten Intifada ging es dann nicht mehr allein um Boykott. Es ging ums Kämpfen. Waren Sie noch Teil der zweiten Intifada?

Mansour: Nein, ich war nicht Teil der zweiten Intifada. Und die zweite Intifada gefiel mir auch gar nicht, weil sie den Menschen aufgestülpt worden war. Sie war gemacht, und nicht wie eine Revolution entstanden. Aber auch wegen der Gewalt. Israel ist militärisch so stark – also schlagen wir sie ausgerechnet auf diesem Gebiet, in dem sie am besten sind? Also wirklich, das ist dumm. Wenn man kämpfen will, sollte man Israel doch versuchen auf einem Gebiet zu schlagen, das ihnen nicht so leicht fällt.

Glauben Sie nach wie vor, dass Israel zu boykottieren, der richtige Weg für die Palästinenser ist? Was halten Sie von der BDS-Bewegung (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen)?

Mansour:  Mir gefällt BDS. Als sie anfingen, war ich gerade dabei, mit israelischen Künstlern gemeinsame Ausstellungen zu organisieren und gemeinsame Stellungnahmen zu veröffentlichen. Ich gab sie dann immer den Leuten von BDS. Ich bin noch immer mit Omar Barghouti befreundet. Ich mache nicht mehr aktiv mit bei BDS, aber ich unterstütze ihre Sache.

Aber BDS spricht sich explizit gegen gemeinsame Aktivitäten mit Israelis aus. Genau das wird ja häufig kritisiert, dass sie gar keine Diskussion, keine Kontakte zwischen Israelis und Palästinensern mehr zulassen.

"Walled Off Hotel" des britischen Künstlers Banksy in Bethlehem; Foto: Getty Images
Suleiman Mansour zählt zu den bedeutendsten Künstlern Palästinas. Er wurde 1947 in Birzeit geboren. Von 1967 bis 1970 studierte er an der Bezalel Hochschule für Kunst und Design in Jerusalem. Seine Werke wurden in Ausstellungen von Jordanien über Moskau bis New York gezeigt. In seiner Heimat Palästina ist seine Arbeit u.a. im "Walled Off Hotel" des britischen Künstlers Banksy in Bethlehem zu sehen. Er lebt in Jerusalem und arbeitet in Ramallah.

Mansour: Damals, in den 1980er Jahren war das noch nicht so. Wir [die israelischen und palästinensischen Künstler] gaben unsere Stellungnahmen damals direkt an Abu Jihad [Chalil al-Wazir, Mitbegründer der Fatah-Partei und damals Stellvertreter von PLO-Führer Yassir Arafat] und sie gefielen ihm. Erst nachdem klar wurde, dass der ganze Friedensprozess ein Witz war, waren sie dagegen, gemeinsame Sache mit den Israelis zu machen.

Die Ausstellungen wurden missverstanden. In Europa sagten die Besucher immer, ihr seid doch Palästinenser und Israelis und arbeitet zusammen, was soll also der ganze Streit? Natürlich gab es Streit auch unter uns Künstlern. Aber die Leute haben das nicht verstanden. Ich habe bis heute israelische Freunde, Künstlerfreunde. Aber ich habe mich mit diesen Ausstellungen in eine Situation gebracht, in der ich – vor allem in der arabischen Welt – angegriffen wurde. Warum sollte ich das weiterhin tun? Wofür? Um die öffentliche Meinung in Israel zu ändern? Das werde ich ohnehin nicht. So oder so driftet sie immer weiter nach rechts ab. Es ist nutzlos. Ich habe mich selbst in Schwierigkeiten gebracht für nichts und wieder nichts.

Wo denken Sie, könnte ein Weg in die Zukunft beginnen? Was halten Sie von der Zweistaatenlösung?

Mansour: Nicht ohne Jerusalem. 1994/95 lag schon mal ein recht akzeptabler Plan auf dem Verhandlungstisch. Dieser sah Jerusalem als ungeteilte Stadt vor. Der Westen würde von den Israelis regiert, sogar die Klagemauer sollte Teil davon sein, Ostjerusalem aber sollte von den Palästinensern regiert werden. Aber keine Teilung, es sollte eine Stadt bleiben. Diese Lösung wäre für eine Menge Menschen akzeptabel, auch für mich.

In diesem Fall also würden Sie Israel als unabhängigen Staat neben einem Staat Palästina anerkennen?

Mansour: Ja. Wobei ich eine Einstaatenlösung bevorzuge. Vielleicht als Konföderation. Das gibt es an vielen Orten, verschiedene Religionen und Sprachen, aber gleiche Rechte. Wir könnten auch das libanesische Modell akzeptieren. Selbst wenn die Juden zahlenmäßig viel weniger wären als die Palästinenser, könnten sie den Premierminister stellen. Kein Problem, man kann zu einer Lösung kommen. Aber man muss es versuchen. Solange der andere aber in einer so starken Position ist und so viel Unterstützung bekommt, muss er nicht über irgendwelche Lösungen nachdenken.

Das Interview führte Sarah Judith Hofmann.

© Deutsche Welle 2018

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.