Interview mit dem pakistanischen Sufisänger Faiz Ali Faiz

"Diese Musik macht die Menschen mild"

Er gilt als Nachfolger des großen Nusrat Fateh Ali Khan: Faiz Ali Faiz aus dem pakistanischen Sharaqpur stammt aus einer langen Erblinie von Qawwali-Musikern. Bereits in der siebten Generation übt er den Gesang aus, der durch ekstatische Verzückung Kontakt zu Gott herstellen will. Stefan Franzen hat ihn interviewt.


Faiz Ali Faiz mit seinem Ensemble auf der Bühne; Foto: Wikipedia
"Manchmal wenden sich die Sufis sehr direkt an Gott, manchmal aber verwenden sie auch eine Umschreibung. Letztendlich ist es immer Allah, der angesprochen wird, entweder mit Namen oder zwischen den Zeilen", erklärt Faiz Ali Faiz.

​​ Faiz Ali Faiz, die Musik der Sufi ist in der ganzen islamischen Welt verbreitet, vom Senegal bis Indonesien. Wie würden Sie einem Europäer die Besonderheiten der pakistanischen Sufi-Musik, des Qawwali erklären?

Faiz Ali Faiz: Der Qawwali entstand vor 700 Jahren, als islamische Gelehrte und Heilige auf den Subkontinent kamen. Es ist eine Musik, die als Gruppengesang ausgeführt wird, dazu spielen wir zwei Harmoniums, Rhythmusinstrumente und außerdem klatschen wir zum Rhythmus während wir singen. Die Texte verherrlichen Sufiheilige und den Propheten. Der Charakter der Musik hängt auch immer wesentlich von der Einstellung und den Gefühlen des Publikums ab, denn Qawwali hat sowohl religiöse als auch profane Züge. Er startete in den Tempeln, heutzutage wird er jedoch auch in Konzerthallen gespielt. Doch ganz gleich ob weltlich oder göttlich, die Botschaft des Qawwali ist immer Liebe.

Die Sufis versuchen durch die Musik in einen Zustand der Verzückung, der Einheit mit dem Höchsten zu gelangen. Wie geschieht das?

Faiz: Während des Gesangs verwenden wir ein konstantes rhythmisches Klatschen und Perkussionsinstrumente, wir kreieren somit eine zyklische Struktur und wiederholen unablässig heilige Worte und einige Verse aus der Sufipoesie. Diese heiligen Worte richten sich direkt an die Zuhörer, die aufgefordert werden, sich zusammen mit uns Musikern in Trance zu begeben.

In den Versen wird oft die Sehnsucht nach einer oder einem Geliebten zum Ausdruck gebracht und die Verzweiflung, von dieser Person getrennt zu sein. Wie entstand dieses eigenartige Spannungsfeld zwischen irdischer und göttlicher Liebe?

​​ Faiz: Manchmal wenden sich die Sufis sehr direkt an Gott, manchmal aber verwenden sie auch eine Umschreibung. Letztendlich ist es immer Allah, der angesprochen wird, entweder mit Namen oder zwischen den Zeilen. Das hängt ebenfalls vom Publikum ab, das vor uns sitzt: Sie mögen es als Ansprache eines geliebten Menschen auffassen, doch die ursprünglichen Texte der Sufipoesie sind immer Allah zugewandt.

Die Regionen, in der Qawwali gesungen wird, zählt heute zu den gefährlichsten der Welt, die fundamentalistischen Strömungen sind dort sehr stark. Kann der Qawwali dazu beitragen, den Menschen ein friedliches Bild des Islam zu vermitteln?

Faiz: Qawwali ist überhaupt das beste Instrument, eine friedvolle Koexistenz zwischen den Menschen zu propagieren, wenn man ihr inmitten all dieser Konflikte eine Chance und Raum gibt, sich zu entfalten. Diese Musik kann die Leute mild stimmen. Wenn wir musizieren oder Poesie rezitieren, geht es direkt in die Herzen der Menschen. Qawwali verbreitet keinerlei Gefühle der Verletzung oder Bedrohung.

Sie werden oft als Nachfolger von Nusrat Fateh Ali Khan bezeichnet, dem großen Qawwali-Sänger, der 1997 verstorben ist. Ehrt Sie dieser Titel oder setzen Sie sich mit Ihrer Art des Qawwali von ihm ab, folgen einer anderen Schule?

Faiz: Als ich meine eigene Qawwali-Gruppe startete, war der größte Einfluss ganz klar Nusrat Fateh Ali Khan. Daneben habe ich auch von einem Meister gelernt, der ein Zeitgenosse seines Vaters war.

Wie kam die Kooperation mit Titi Robin zustande?

​​Faiz: Meine Plattenfirma Accords Croisés stellte mich Robin vor. Wir haben uns in Frankreich getroffen, ich habe mir seine Musik angehört und gleich gemerkt, dass sie sehr orientalische Züge hat. Ich dachte mir, dass wir sehr gut etwas zusammen auf die Beine stellen könnten. Wir probierten unsere Gemeinsamkeiten in einer halbstündigen Session aus, ich rezitierte ein paar Verse und er spielte dazu. Danach haben wir es mit meiner Qawwali-Gruppe auf die Bühne übertragen und das Publikum mochte es sehr. Das hat uns ermutigt, ein großes Projekt daraus zu machen.

Haben Sie die traditionelle Spielart in der Zusammenarbeit mit Robin verändert?

Faiz: Titi Robin hat die Musik geschrieben und es hat sich herausgestellt, dass ich in meinem traditionellen Stil nicht viel ändern musste, um mich in diese Stücke einzubringen. Es gibt ein paar Passagen in den Kompositionen, in denen ich versucht habe, leichte Neuerungen, Abwandlungen zu integrieren. Es sind semi-klassische Passagen, die aber stets im Qawwali-Stil bleiben.

Vor fünf Jahren waren Sie bereits an einem transkulturellen Programm, dem Qawwali-Flamenco-Projekt beteiligt, außerdem haben Sie mit amerikanischen Gospelmusikern gesungen. Ist Qawwali eine Musik, die gut mit in anderen Kulturen harmoniert?

Faiz: Die spirituellen Musiker, die Qawwali vor 700 Jahren geformt haben, haben diesen Stil so angelegt, dass er sehr aufnahmefähig und empfänglich für andere Genres ist. Wir können die semi-klassische Musik aus Nordindien, den Tumri, die gesungene Sufipoesie, die sich Kafi nennt oder auch die Liebeslyrik, den Ghazal in den Qawwali integrieren. Der Qawwali ist deshalb mehr als andere Stile vom Subkontinent wie geschaffen dafür, in einem Weltmusik-Kontext eine große Rolle zu spielen. Wie mir meine Erfahrung in der Zusammenarbeit mit internationalen Musikern gezeigt hat, wird die Sprache dabei zweitrangig. Ich spreche nicht die Sprache der Flamenco-Musiker, und ich spreche auch nicht die Sprache von Thierry Robin. Doch über die Musik verstehen wir uns blendend.

Stefan Franzen

© Qantara.de 2010

Redaktion: Lewis Gropp/Qantara.de

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