Es hat ja Gesprächsangebote von Trump gegeben und auch Avancen zumindest von Außenminister Mohammad Jawad Zarif, über einen Gefangenenaustausch zu reden. Könnte das zu einem umfassenden amerikanisch-iranischen Abkommen führen, mit dem der Konflikt zwischen den beiden Ländern nach 40 Jahren beigelegt wird?

Perthes: Wenn es auf beiden Seiten die Bereitschaft zu bilateralen Verhandlungen gäbe, über die gesamte Bandbreite von Themen, bei denen es Dissens gibt, dann können wir als Europäer das nur unterstützen. Ich sehe das aber nicht als wahrscheinlichste Variante an.

Meine Einschätzung und auch die der Verhandler des Atomabkommens war, dass wir es nicht schaffen, mit den Iranern über die ganze Bandbreite von Themen zu sprechen. In dem Moment, wo die Amerikaner die Bewaffnung der Hisbollah oder Unterstützung für die Huthis auf den Tisch bringen, werden die Iraner sagen, ja da reden wir darüber. Dann reden wir aber auch darüber, was Saudi-Arabien in Jemen macht oder darüber, was Israel im Gazastreifen macht oder im Westjordanland - und über Jerusalem. Diese Liste lässt sich fortsetzen. Das führt dann zu nichts, das hatten wir in 13 Jahren Verhandlungen schon mal.

Das andere Szenario ist ja noch mehr Druck, noch mehr Sanktionen. Was ist denn Ihrer Einschätzung nach das Ziel dieser Kampagne der Amerikaner?

Perthes: Die Amerikaner wollen einen Regimewechsel in Iran, ohne ihn so zu nennen. Trump hat sich ja durchaus deutlich von der Regimewechsel-Politik von George W. Bush distanziert. Wenn man nach anderen Begriffen sucht, könnte man sagen, die Amerikaner wollen einen Regimekollaps in Iran herbeiführen. Und die Europäer sollten gegenüber Washington ganz klar sagen, dass sie eine auf "Regimekollaps" in Teheran gerichtete Politik in keiner Weise unterstützen werden.

Irans Präsident Rohani trifft Vertreter der politischen Elite des Landes in Teheran; Foto: Etemadonline
Den Zusammenbruch der Führung in Teheran ökonomisch erzwingen: "Die Amerikaner wollen einen Regimewechsel in Iran, ohne ihn so zu nennen. Trump hat sich ja durchaus deutlich von der Regimewechsel-Politik von George W. Bush distanziert. Wenn man nach anderen Begriffen sucht, könnte man sagen, die Amerikaner wollen einen Regimekollaps in Iran herbeiführen", meint Volker Perthes.

Ist das realistisch, das Regime in einen Zusammenbruch zu treiben?

Perthes: Es ist nicht auszuschließen, aber ich würde es für eine sehr gefährliche Strategie halten und eine, die aller Wahrscheinlichkeit nach keinen Erfolg verspricht. Wenn es etwa zu Brotunruhen käme, würden die Sicherheitskräfte der Islamischen Republik stark genug sein, das in den Griff zu bekommen. So etwas würde eher zu einer Verhärtung des Systems führen und nicht zu einem demokratisch-liberalen System oder dazu, dass Iran Amerika gegenüber freundlich gesonnen ist.

Es gibt noch ein anderes Szenario, das durch die Verlegung eines amerikanischen Flugzeugträgers Richtung Persischer Golf wieder in den Blickpunkt gerückt ist: eine militärische Auseinandersetzung. Ist das Eskalationspotenzial schon wieder so hoch, dass die Region in einen neuen Krieg schlittern könnte?

Perthes: Die Gefahr für Zwischenfälle wächst gerade enorm, die Gefahr von Missverständnissen. Wenn ein amerikanischer Flottenverband im Golf unterwegs ist und dort auf die Revolutionsgarden trifft, dann kann das ganz schnell gehen. Da fährt ein iranisches Schnellboot zu nah an eine amerikanische Fregatte heran, dann fühlt sich jemand bedroht und eröffnet das Feuer, und dann folgt eine Antischiffsrakete. Das ist nicht ein Szenario, wo irgendjemand bewusst einen Krieg will. Aber wir haben unheimliche Spannungen und zwei Seiten, die nicht miteinander reden. Und dann können solche Vorfälle eskalieren. Das gilt etwa genauso für den Irak. Dort sind 5.200 amerikanische Soldaten stationiert, und wir haben dort Revolutionsgarden und schiitische Milizen, die loyal zu Iran sind. Aus solchen Vorfällen kann sich eine Eskalationsspirale ergeben. Was Trump sicher nicht will, das muss man auch sagen, ist eine Invasion in Iran wie Bush im Irak. Seine Strategie ist, so viel Druck zu machen, bis Iran einknickt. Aber auf dem Weg dorthin kann sehr viel schiefgehen, was dann zu militärischen Auseinandersetzungen führen kann. Und beide Seiten riskieren das durchaus bewusst.

Paul-Anton Krüger

© Süddeutsche Zeitung 2019

Professor Volker Perthes, 60, leitet die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Er berät die Bundesregierung und war im Auftrag der UN an Vermittlungsbemühungen für Syrien beteiligt. Er gilt als Kenner des Nahen Ostens und hat bei der SWP die entsprechende Forschungsgruppe geleitet, bevor er die Leitung übernahm.

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