Unterstützt die Türkei die Rebellen und HTS auch militärisch oder logistisch?

Bank: Da muss man unterscheiden. Ankara unterstützt direkt die Türkei-nahen Rebellen, die sich unter anderem Nationale Befreiungsfront nennen. Sie bekommen Waffen, Ausbildung und auch Rückzugsmöglichkeiten. Die Dschihadisten von HTS werden nicht direkt von der Türkei unterstützt.

Welche Rolle spielt der Verbündete Iran in Idlib?

Bank: Eines wird in der aktuellen Lage oft vergessen: Der Iran, die libanesische Hisbollah und andere schiitische Kampfverbände kämpfen nicht in Idlib mit. Bei der schnellen Wiedereroberung vormaliger Rebellenhochburgen in 2018 waren sie ziemlich wichtig. In Idlib sind sie nicht vertreten, weil ihre Führer wissen, dass der Kampf um Idlib besonders blutig sein wird. Denn in Idlib herrscht keine massive militärische Asymmetrie zugunsten des Regimes, wie es in der Ghouta oder Daraa 2018 der Fall war.

Gleichzeitig wollen Iran und die Hisbollah eine wichtige Rolle im zukünftigen Syrien spielen. Aber man sieht am Konflikt um Idlib immer mehr, dass Iran und Russland in Syrien nicht unbedingt an einem Strang ziehen. Es gibt keine Übereinkunft zwischen ihnen, wie ein zukünftiges Syrien aussehen soll.

2018 hatten sich die Außenminister Mevlut Cavusoglu (Türkei, l.), Sergej Lawrow (Russland, M.) und Javad Zarif (Iran) auf das Abkommen zu Idlib verständigt
Brüchiger Deal: „Die Einigung über Idlib bestand darin, dass die Türkei mit Hilfe ihrer Beobachtungsposten von außen die Kontrolle über die Provinz behalten konnte. Russland verlangte im Gegenzug von der Türkei, gegen Hayat Tahrir Al Scham (HTS) vorzugehen, analysiert der Syrien-Experte André Bank.

Auch Russland bombardiert Idlib. Moskau müsste daran gelegen sein, dass Assad und sein Regime schnell wieder das gesamte Land kontrollieren.

Bank: Ich glaube nicht, dass Russland bei diesen Bombardements ausschließlich mitmacht, um die gesamte Region wiederzuerobern. Die russischen Bombardements sollen kurzfristig den Druck auf die Türkei erhöhen, damit die Türkei verstärkt HTS bekämpft, und damit neue Verhandlungen beginnen können. Russland möchte perspektivisch seine Truppen in Syrien deutlich verringern. Denn der Einsatz ist teuer und in Russland nicht bei allen beliebt.

Verbrannte Erde, das ganze Programm

Ist die Lage in Idlib durch die Stärke von Dschihadisten und Rebellen sowie durch die verschiedenen politischen Interessen also komplexer geworden?

Bank: Es ist vielen Akteuren klar, dass Idlib nochmal eine andere Nummer ist im Vergleich zu den anderen bereits eroberten Rebellenhochburgen. Nur mit Bombardements aus der Luft wird es nicht gelingen, diese Region wieder einzunehmen. Das ist es aber, was bisher passiert. Und diese Bombardements sind extrem brutal: Streubombeneinsätze in Wohngebieten, Bombardements von Schulen, Krankenhäusern, Bäckereien.

 

 

Leidtragende ist die Zivilbevölkerung. Kann sie sich überhaupt schützen?

Bank: Es ist das ganze Programm der verbrannten Erde, das man aus den Vorjahren in Syrien schon kennt. Ziel ist es, den Menschen das Leben zur Hölle zu machen. Viele Zivilisten - Familien, Kinder und alte Menschen - fliehen in den Norden der Provinz. Damit erhöht sich der Druck auf die Türkei, gegebenenfalls die Grenze zu öffnen oder zumindest humanitäre Hilfe zu leisten. Die Türkei lässt aber die Grenze komplett zu. Für das Assad-Regime geht es weiterhin darum, die Menschen mit massivster Gewalt einzuschüchtern. Assads Bodentruppen sind allerdings sehr geschwächt. Eine Bodenoffensive würde nur funktionieren, wenn man iranische Spezialkräfte und nicht-syrische, schiitische Milizen dabeihätte. Doch diese Milizen machen nicht mit, weil sie wissen, dass viele ihrer Kämpfer sterben würden.

Wie geht es dann in Idlib weiter?

Bank: Meine kurzfristige Prognose lautet, dass es in Idlib einen sehr brutaler Abnutzungskrieg geben wird, in dem die militärischen Geländegewinne für Assad und Russland nicht allzu groß sind. Seit Ende April, also seit über drei Monaten, haben sie bereits Idlib massiv aus der Luft bombardiert, ohne dass sie wesentlich an Territorium gewinnen konnten.

Wie sollte sich der Westen, wie sollten sich die Vereinten Nationen jetzt verhalten?

Bank: Das Schicksal der Menschen in Idlib sollte auch uns etwas angehen. Mein Plädoyer lautet, dass man endlich ernsthaft überlegt, welche Lösungen es für diese circa drei Millionen quasi-eingeschlossenen Menschen geben kann.

Bis jetzt haben alle die Achseln gezuckt, nichts getan.

Bank: In Europa dominiert aktuell leider ein politischer Diskurs, der sich gegen die Aufnahme von Flüchtlingen, gerade auch aus Syrien, wendet. Dabei muss es für die Zivilbevölkerung sichere Fluchtwege aus Idlib geben. Denn sie wird von oben bombardiert und am Boden von brutalen Gewaltakteuren drangsaliert. Zukünftig werden die Menschen potenziell wieder von Assad und seinem Gewaltapparat beherrscht. Und auf der anderen Seite steht das türkische Militär.

André Bank ist kommissarischer Direktor des GIGA-Instituts für Nahost-Studien in Hamburg.

Das Gespräch führte Diana Hodali.

© Deutsche Welle 2019

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.

Leserkommentare zum Artikel: Syrien: "Der Iran kämpft nicht in Idlib"

Schade, dass ein ausgewiesener Experte eine unvollständige Analyse veröffentlichen kann auf Qantara.
Für mich als laienhafte BeobachterIn lässt sich erkennen:
- Die Türkei hat sowohl ein Interesse daran, dass die Provinz Idlib nicht von der Syrischen Regierung zurück erobert wird, als auch daran, die (syrischen) Kurden klein zu halten. Für Russland ist das NATO-Mitglied Türkei langfristig ein strategisch wichtigerer Partner als das geschwächte Syrien, deshalb dürfte Russland hier der Türkei entgegen kommen. Gleichzeitig hat der Syrien-Einsatz in Russland keinen 100%en Rückhalt, Russland hat kein großes Interesse daran, das Assad-Regime bis zum Letzten zu unterstützen (wie auch Herr Bank ausführt).
- Der Deal zwischen der Türkei und Russland dürfte neben dem Waffenstillstand noch andere nicht-veröffentlichte Punkte enthalten, was die Double-bottom-line der türkischen Syrienpolitik (Zurückdrängung der Kurden, Unabhängigkeit der Provinz Idlib vom syrischen Regime) betrifft.
Die derzeitigen russisch-syrischen Angriffe im Nordwesten sind strategisch zu sehen, um den Druck zu erhöhen, HTS zu bekämpfen (siehe auch A. Bank). Bemerkenswerterweise schreiben Präsident Erdogan und die türkischen Regierungsmedien die Angriffe allein dem syrischen Regime zu, ein Indiz, dass das gute Verhältnis zu Russland geschützt werden soll (nicht erwähnt von A. Bank).
Anscheinend bereitet die Türkei Angriffe gegen die nordsyrischen Kurden vor (nicht erwähnt von A. Bank). Eine Absprache mit Russland ist hier wahrscheinlich (Bestandteil des Deals). Es kann vermutet werden, dass im Gegenzug für die syrische Regierung die Highways von Latakia und Damaskus nach Aleppo frei gemacht werden sollen.
- Der Iran war an dem Deal Russland-Türkei nicht beteiligt. Deshalb beteiligen sich iranische Truppen und iranisch kontrollierte Milizen auch nicht an den dortigen Auseinandersetzungen (die von Herrn Bank angeführten Gründe sind -wohlwollend gesprochen- grob vereinfachend).

Benita Schneider10.08.2019 | 12:29 Uhr