Interview mit dem Medienwissenschaftler Thomas Hestermann

"Die einen wollen nicht, die anderen sind nicht geeignet"

Dass immer wieder dieselben Personen als "Islam-Vertreter" in TV-Talks zu Wort kommen, verwundert viele Muslime, ja es verstimmt sie sogar, weil sie sich von diesen Personen nicht vertreten fühlen. Warum fehlen viele Experten und Intellektuelle aus dem islamischen Kulturkreis? Darüber sprach Canan Topçu mit dem Journalismus-Professor Thomas Hestermann.

Herr Hestermann, es gibt kaum einen Tag, an dem sich im deutschen Fernsehen eine Talksendung nicht der Islam-Debatte widmet. Als Zuschauer mit muslimischem Hintergrund gewinnt man den Eindruck, dass die Macher dieser Formate miteinander konkurrieren...  

Thomas Hestermann: Das ist doch positiv! Es wird über den Islam, die Muslime und auch islamistischen Extremismus diskutiert. Diese Themen bewegen derzeit viele Menschen. Der Diskurs wird öffentlich geführt, es wird öffentlich darüber gestritten. Es gibt in den Medien immer Themenkonjunkturen. Derzeit dominieren die Islam-Debatten, irgendwann ist dieser Hype wieder vorbei.

Nach welchen Kriterien wählt die Redaktion einer TV-Talksendung ihre Gäste aus?

Hestermann: Eine Talksendung ist eine Inszenierung, eine Art Theaterstück, bei der es zwar einen Regisseur gibt, aber die Schauspieler ihr Drehbuch selbst mitbringen. Die Redaktionen recherchieren, welche Positionen ihre Gäste an einer anderen Stelle geäußert haben, aber sie können nur ungefähr abschätzen, welche Rolle sie in der Sendung übernehmen werden.

Diese Person muss eine Etikette haben –  etwa ein Amt oder eine bestimmte Funktion haben oder ein Buch geschrieben haben, gut auftreten können und eine klare Position vertreten. Die Redaktionen schauen danach, ob ein Gast eine gewisse Prominenz hat. Dabei kommt die Selbstreferenz ins Spiel. Der Journalismus bildet sich selbst immer wieder ab: Wenn jemand in einer Talk-Sendung eine furiose Position übernommen und gut geredet hat, dann wird er wieder eingeladen. Und solch ein Auftritt veranlasst wiederum andere Talk-Redaktionen, diese Person auch einzuladen.

Es geht also nicht vorrangig darum, neue Gäste zu präsentieren. Allein mit Namen und Gesichtern, die keiner kennt, kann man keine Sendung bewerben – das lässt sich nur sehr dosiert einsetzen. Um das beispielhaft an der Islam-Debatte zu konkretisieren: Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime oder die Religionspädagogin Lamya Kaddor werden immer wieder eingeladen, weil sie medientauglich sind und ihre Positionen auf markante Weise vertreten.

Cem Özdemir (l-r), Parteivorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, Wolfgang Bosbach, Vorsitzender des Innenausschusses des Bundestages (CDU), Moderatorin Maybrit Illner, Lamya Kaddor, Islamwissenschaftlerin, Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes, Elmar Theveßen, Terrorismus-Experte, stellvertretender ZDF-Chefredakteur, Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, aufgenommen am 15.01.2015 während der ZDF-Talksendung "Maybrit Illner" zum Thema: "Krieg der Islamisten - hilflos gegen den Terror?" im ZDF-Hauptstadtstudio im Berliner Zollernhof Unter den Linden. Foto: picture-alliance/dpa/Schindle
Religionspädagogin Lamya Kaddor möchte die Talk-Sendungen nicht überbewerten, dieses Format aber auch nutzen, um als Vermittlerin zwischen extremen Positionen zu wirken. In den Islam-Debatten sieht sie “eine durchaus positive Entwicklung” und bringt diese auch in Zusammenhang mit den öffentlich geführten Diskussionen wie etwa in TV-Talks. “Ich habe den Eindruck, dass sich mehr Menschen im Bezug auf Islam und Muslime differenziert artikulieren und ihre Äußerungen vernünftig klingen”, sagt Kaddor.

Medientauglichkeit ist also das Kriterium, um im Fernsehen für und über Muslime in Deutschland zu sprechen?

Hestermann: Für eine TV-Talksendung spielt die Erzählkraft eine wichtige Rolle. Es gibt zu wenige, die dieses Kriterium erfüllen und Einladungen annehmen. In den Islam-Debatten ist das noch schwieriger als bei anderen Themen. Es gibt viele Personen mit Kompetenz, theologisches Wissen und Kenntnis der gesellschaftlichen Entwicklungen, sie können aber nicht gut sprechen und erklären.

Um als Gast in Frage zu kommen, muss man eloquent sein, gut auftreten können und klare Positionen vertreten – und diese Kriterien erfüllen Talk-Gäste wie Kaddor und Mazyek. Die Redaktionen suchen danach aus, wer etwas zu sagen hat, wer eine eindeutige Meinung vertritt. Es geht nicht vorrangig darum, für wie viele Menschen sie sprechen und welche Gruppen sie repräsentieren.

Die TV-Talk-Sendungen funktionieren nach dem Heiß-Kalt-Muster; zusammengebracht werden interessante Gäste mit klarer Kante und mit polarisierenden Positionen. Dass Personen unverwechselbar sind – das ist wichtig für Medien: Gäste mit USP, unique selling proposition, wie es im Fachjargon heißt, also einem Alleinstellungsmerkmal. 

Das Argument, es gibt nicht viele Muslime, die gut sprechen und gut argumentieren können, kann ich schwer nachvollziehen. Meine Wahrnehmung ist eine andere...

Hestermann: Dass immer dieselben Personen in den Talk-Sendungen präsent sind, hat sicherlich auch etwas damit zu tun, dass viele von denen, die zu Islam-Debatten eingeladen werden, nicht kommen. Sie lehnen ihre Teilnahme ab, weil sie sich vorrangig als Schriftsteller oder Schauspielerinnen oder Politiker verstehen und nicht als Vertreter des Islams – schade, dass sie dann in solchen Debatten fehlen!

Andere lehnen ab, weil sie sich mit dem Format der Sendung nicht anfreunden können, weil sie nicht dauernd unterbrochen werden wollen und mehr Zeit haben möchten, um ihre Argumente auszuführen. Sie möchten komplexe Sachverhalte nicht verknappt in so genannten Sound Bites, also Ton-Häppchen, wiedergeben. Diese Verknappung machen viele Experten und Intellektuelle nicht mit – eben auch viele islamische Theologen, Islamwissenschaftler oder andere Sachkundige. Wenn man sich die genannten Kriterien für den Fernsehauftritt vergegenwärtigt, dann bleiben im Bezug auf die Islam-Debatte nicht viele übrig, mit denen eine Talk-Sendung bestritten werden kann. Die einen wollen nicht, andere sind nicht geeignet.

Der deutsche Vorsitzende des Zentralrates der Muslime Aiman Mazyek (l-r), Islamwissenschaftler und Gefängnisseelsorger Husamuddin Martin Meyer, Journalist und Politikwissenschaftler Ulrich Kraetzer, Moderator Matthias Bongard, NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD), die Journalistin Sounia Siahi und der Schriftsteller Zafer Senocak sind zu Gast in der WDR Talkshow "West ART Talk" am 28.09.2014 in Köln. Foto: picture-alliance/dpa/Galuschka
“Um als Gast in Frage zu kommen, muss man aber auch eloquent sein, klar auftreten und klare Positionen in knapper Form vertreten können”, erklärt Hestermann. “Akteure wie Mazyek und Kaddor sind als Personen unverwechselbar – das ist wichtig fürs Fernsehen.”

Dass immer wieder dieselben Personen als "Islam-Vertreter" in TV-Talks zu Wort kommen, verwundert viele Muslime, ja es verstimmt sie sogar, weil sie sich von diesen Personen nicht vertreten fühlen. Manch einer unterstellt den Machern dieser Sendungen böse Absichten...

Hestermann: Man sollte von Mitarbeitern einer Talk-Redaktion nicht universelles Wissen erwarten und ihnen nicht ideologische Gründe bei der Wahl der Gäste unterstellen. Die Themen der Sendungen müssen sich an der Aktualität orientieren, oft ist die Zeit für eine intensive Vorbereitung nicht da. Eine Redaktion, die heute eine Sendung macht über die Zukunft der Rentenkasse, dann über Konflikte mit Computer-Kids und sich zwischendurch der Frage nach islamistisch motivierter Terrorgefahr widmet, kann nicht alles berücksichtigen. Da wird halt schnell auf die Liste derer zurückgegriffen, die sich als Gäste bewährt haben. Wer die TV-Talk-Sendungen kritisiert, sollte sich auch die Zwänge des Mediums und des Formats vergegenwärtigen. 

Es gibt viele Zuschauer aus den muslimischen Communities, die haben den Eindruck, dass die Macher der TV-Talksendungen gar kein Interesse daran hätten, die Vielfalt der Stimmen innerhalb der muslimischen Communities wiederzugeben...

Hestermann: Die Neugier im deutschen Journalismus sollte nicht unterschätzt werden – die Neugier der Redakteure an den vier Millionen Menschen mit muslimischen Glauben, die in diesem Land leben und die zu uns gehören. Man will diesen Menschen Gehör geben, ihnen das Wort erteilen. Bisher gibt es eher eine Angebotsknappheit an guten Talk-Gästen. Die einen wollen nicht, die anderen müssen es erst noch trainieren.

Anstatt die Redaktionen wegen der Auswahl der Gäste zu kritisieren, sollten sie es Mayzek, Kaddor und den anderen nachmachen, die derzeit in den Talk-Sendungen präsent sind. Anstatt mit Missmut auf die Stars aus dem Kreis der Muslime im deutschen Fernsehen zu schauen, sollten sie aus den Puschen kommen!

Wenn sich Menschen muslimischen Glaubens durch Personen im deutschen Fernsehen nicht vertreten fühlen, dann sollten sie aktiv werden; entweder sich in den bestehenden Verbänden organisieren, andere Organisationen oder Initiativen gründen. Also nicht jammern, sondern mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen auf sich aufmerksam machen. Sie müssen allerdings ihre Standpunkte gut artikulieren können.

Das Handwerk, gute Fragen zu stellen, kann man übrigens genauso lernen, wie gute Antworten zu geben. Es geht nun einmal im Fernsehen nicht nur um Meinung und Position, sondern auch um Performance und Sprachkompetenz. Das ist wichtig in diesem Medium, davon lebt es. Wenn in einer Talk-Sendung Leute sitzen, die nicht die Zähne auseinanderkriegen, die nicht gut formulieren können und die langweilig daher kommen, dann bleibt kein Zuschauer dran.

Interview: Canan Topçu

© Qantara.de 2015

Thomas Hestermann ist Fernsehjournalist und Professor für Journalismus an der Hochschule Macromedia in Hamburg und Berlin. Er forscht unter anderem zu Gewaltberichterstattung und Fernsehen 2.0. Zuvor war er Moderator beim NDR-Hörfunk und Redaktionsleiter der Talkreihe Tacheles, die von 1999 bis 2014 von Phoenix ausgestrahlt wurde  und sich auch den Themen rund um Islam und Muslime widmete.

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Leserkommentare zum Artikel: "Die einen wollen nicht, die anderen sind nicht geeignet"

Danke für dieses Interview, das Thema hat bei mir einen Nerv getroffen. Ich studiere Nahostwissenschaften und
Islamwissenschaften und angesichts der momentanen Debatte stellt es mir die Nackenhaare auf. Sowohl in den Zeitungen als auch in den Talkshows werden sensible Themen und komplexe Sachverhalte diskutiert, für die es eigentlich ein fundiertes Grundwissen zum Thema braucht. Selbst für mich als "Insider"ist es manchmal schwer zu einer differenzierten Meinung zu kommen, wie soll das dann in der Kürze einer Talkshow oder in der Knappheit eines Zeitungsartikels gelingen? Für Lob und/oder Kritik sollte man wissenwovon man redet, und das tun die Wenigsten. Das was bei den Menschen hängenbleibt, sind Phrasen und Gemeinplätze, ich kann mich immer wieder live davon überzeugen. Ich finde das gefährlich und dem Kampf gegen Islamophobie und xenophoben Ressentiments nicht zuträglich. Aufklärung und Information sind in meinen Augen immer noch die besten Mittel, Vorurteile abzubauen. Aber wer soll das leisten? Wen kann man in die Pflicht nehmen? Die Schulen? die Unis? Die Verbände? Wollen die Leute den Islam überhaupt kennenlernen? Oder reichen die Plattitüden aus dem Fernsehen? Was kann ich selber tun?
Ich sehe gerade nur, das dem Bild des Islam und der arabisch-muslimischen Kultur in Europa die Felle davonschwimmen und das stimmt mich traurig, wütend und vor allem ratlos.

Sabrina Zahren07.02.2015 | 19:10 Uhr