Interview mit dem libanesischen Schriftsteller Amin Maalouf

Petrodollars waren stärker als kulturelle Traditionen

Jahrzehnte des Ölexports haben den Nahen Osten kulturell und politisch vollkommen destabilisiert. Jetzt beeinflusst der gestörte politische Diskurs in der arabischen Welt die gegenwärtige Lage des Westens, meint der renommierte Schriftsteller Amin Maalouf im Gespräch mit Lena Bopp.

Monsieur Maalouf, in Ihrem neuen Essay schreiben Sie über die Vereinigten Staaten unter Präsident Trump, den Brexit, den Klimawandel und die Konflikte in der arabischen Welt. Sie betrachten diese unterschiedlichen Themen als Teile eines Puzzles, in dem Sie den "Untergang der Zivilisationen" erkennen. So lautet auch der Titel Ihres Buches. Was verbindet diese Dinge?

Amin Maalouf: Ich hatte seit einigen Jahren Lust, bestimmte Geschehnisse Revue passieren zu lassen und zu dekodieren. Mein Buch beruht zum Teil auf persönlichen Erfahrungen, meiner Kindheit im Libanon, wo ich die Probleme der Region erlebt habe. Ich hatte den Eindruck, dass das, was in den arabischen Ländern geschah, mit dazu beitrug, etwas Ungesundes im Rest der Welt entstehen zu lassen.

Im Buch formulieren Sie das prosaischer und stärker. Sie schreiben: "Von meiner Heimaterde aus ist die Finsternis über die Welt gekommen".

Maalouf: Während des Schreibens habe ich immer wieder innegehalten und mich gefragt, ob ich meine persönlichen Erfahrungen verallgemeinere. Aber es scheint doch, als gebe es Elemente in der gegenwärtigen Entwicklung der Welt, die aus den arabischen Ländern kommen.

Welche?

Maalouf: Ein Beispiel ist der zunehmende Populismus. Die Leute sind viel empfänglicher für Gefahren. Auch die Beunruhigung in Verbindung mit der Einwanderung. Das Bedürfnis, sich zu schützen, das teils berechtigt ist und teils von bestimmten politischen Kräften ausgenutzt wird, steht in klarer Verbindung mit den Turbulenzen in der arabischen Welt.

Welche Rolle spielte das Öl?

Maalouf: In der arabischen Welt verschafften die Petrodollars bestimmten traditionellen Gesellschaften einen Einfluss, den sie anderen Gesellschaften genommen haben. Vor allem Saudi-Arabien hat an Einfluss gewonnen, während etwa Ägypten, das kein Öl hatte, aber intellektuell und politisch eine wichtige Rolle spielte, seine Bedeutung schwinden sah. Die Instabilität, die die Petrodollars in viele Länder der Gegend brachten, etwa in den Irak, hatte Auswirkungen auf die ganze Welt. Überdies war die Ölkrise der siebziger Jahre ein entscheidender Faktor bei der Entwicklung einer neuen Mentalität im Westen, die in einer anderen Wirtschaftspolitik, dem Thatcherismus, Ausdruck fand.

Sie schreiben von einer "suizidalen Hoffnungslosigkeit", die in der arabischen Welt nach der Niederlage gegen Israel im Sechstagekrieg im Jahr 1967 entstand. Warum erholte sich die arabische Welt von dieser Niederlage nie? Sie erwähnen auch Beispiele anderer Länder, die nach großen Niederlagen wieder aufgestanden sind, etwa Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg oder Südkorea nach dem Korea-Krieg.

Maalouf: Der Panarabismus, der unter dem damaligen ägyptischen Präsidenten Nasser die vielversprechendste Ideologie war, die Erwartungen und Energien weckte, wurde durch die Niederlage vollkommen weggefegt. Nasser starb kurz nach dem Krieg, es gab niemanden, der seine Nachfolge antreten konnte. Stattdessen wurde der Weg frei für einen Nationalismus, der eine starke religiöse Komponente hatte. Aber der radikale Islamismus, der sich von den Ölstaaten ausbreitete, sorgte in den arabischen Gesellschaften für Spannungen und Spaltungen. Das sah man deutlich anhand des "Arabischen Frühlings".

Es gab in vielen Ländern ein echtes Streben, politische Institutionen zu demokratisieren, Gesellschaften zu modernisieren, aber die starke islamistische Komponente der Proteste verhinderte, dass sich dieses Streben konkretisierte. Außerdem haben die Terroranschläge einiger islamistischer Bewegungen dem Bild der Araber in der Welt schwer geschadet und sie in eine nie dagewesene Isolation geführt. Die Araber befinden sich nicht nur im Konflikt mit dem Westen, sondern auch mit großen Ländern, die früher zu den Alliierten von Nasser zählten, wie Indien, China und Russland.

Israelische Soldaten mit Bild Gamal Abdel Nassers nach der Eroberung des Sinais im Sechstagekrieg; Foto: picture-alliance
Der Sechstagekrieg als politische Zäsur für die arabische Welt: "Der Panarabismus, der unter dem damaligen ägyptischen Präsidenten Nasser die vielversprechendste Ideologie war, die Erwartungen und Energien weckte, wurde durch die Niederlage vollkommen weggefegt. Nasser starb kurz nach dem Krieg, es gab niemanden, der seine Nachfolge antreten konnte. Stattdessen wurde der Weg frei für einen Nationalismus, der eine starke religiöse Komponente hatte", meint Amin Maalouf.

Sie sehen in der Radikalisierung einen Überbietungswettbewerb, den Sie sogar als charakteristisch für das politische Leben der arabischen Welt bezeichnen.

Maalouf: Ich glaube, dass es etwas Gestörtes im politischen Diskurs gibt, man kann nicht vernünftig über die Optionen sprechen, die man hat. Es gibt bestimmte Schlagworte – und sofort sind die Leute paralysiert von der Angst, marginalisiert zu werden oder als Verräter zu gelten. Nie fragt man: Welche Richtung wollen wir einschlagen, was wollen wir aufbauen? Die Diskussion wird paralysiert von Slogans, die sich mit Hilfe demagogischer Überbietung durchsetzen und eine rationale Debatte verhindern.

Trotzdem erzählen Sie in den autobiographisch gefärbten Passagen Ihres Buches von Ihren frühen Jahren im Libanon, in dem Sie eine Form des Zusammenlebens zwischen den Konfessionen erlebten, die nicht nur den arabischen Ländern, sondern der ganzen Welt als Modell hätte dienen können. Bedeutet das nicht, der Levante eine Bedeutung zu verleihen, die sie nicht hat und nie haben konnte? Und hat es dieses Ideal des Zusammenlebens tatsächlich gegeben? Es wirkt so unwahrscheinlich, wenn man sich die Levante heutzutage anschaut.

Maalouf: Es gab sicher nie einen Moment, in dem die Dinge auf wundersame Weise gut liefen. Aber ich wuchs in Ras Beirut auf, nicht weit von der American University of Beirut, in einer Umgebung, in der Menschen aus verschiedenen Gemeinschaften und fremden Ländern lebten, viele Professoren und Studenten. Es gab ein bestimmtes Niveau an Kenntnissen. Und es gab eine Form von Koexistenz, die ich nie wieder vorgefunden habe. Ich denke, es gab modellhafte Elemente.

Wie hätten diese Elemente andernorts eine Wirkung entfalten sollen?

Maalouf: Es gibt so wenige starke Modelle! Wenn der Libanon ein funktionierendes System hätte entwickeln können, hätte das sicher geholfen, die Region nach oben zu ziehen, statt dass sie nach unten gezogen wurde. Außerdem ist diese Gegend nicht irgendeine Weltgegend. Sie ist der Ursprungsort der drei monotheistischen Weltreligionen, und sie ist eine Art Vitrine. Wenn es in dieser Gegend mit ihrer Geschichte und ihren Schwierigkeiten ein echtes Zusammenleben gegeben hätte, hätte das auf andere Regionen ausgestrahlt.

Sie haben gesehen, wie die Dinge im Libanon auseinandergeflogen sind. Sie waren dabei, als 1975 ein Bus angegriffen wurde – bei jener Attacke von Christen auf Palästinenser also, die gemeinhin den Beginn des Bürgerkrieges markiert.

Bürgerkrieg im Libanon; Foto: AP
Der April 1975 als Auftakt des libanesischen Bürgerkriegs zwischen Muslimen und christlichen Milizen. Er dauerte 15 Jahre und kostete mehr als 150.000 Menschen das Leben. Vom Glanz des einst als "Schweiz des Nahen Ostens" gepriesenen Landes blieb nur wenig übrig. Und einen längeren Frieden hat der Libanon seitdem auch nicht wirklich erlangt. Immer wieder ist das Land Opfer innerer Auseinandersetzungen oder äußerer Einmischung geworden.

Maalouf: Als meine Frau und ich heirateten, mieteten wir eine Wohnung in Ain El-Remmaneh, kaum fünfzig Meter entfernt von dem Ort des Angriffs. Eines Morgens, am 13. April 1975, gab es Geschrei auf der Straße, Menschen, die sich offenkundig stritten, auch wenn ich nicht verstand, was sie sagten. Und dann gab es eine Schießerei. Das hat mir wahrscheinlich einen tieferen Eindruck von dem vermittelt, was geschehen würde. Ich habe schnell verstanden, dass sich etwas Schlimmes entwickelte.

Sie leben seit mehr als vierzig Jahren in Frankreich. Haben Sie manchmal darüber nachgedacht zurückzukehren?

Maalouf: Es gab ein, zwei Momente, in denen mir das plausibel vorkam, aber diese Momente vergingen schnell. Als ich ging, wusste ich, dass ich für lange Zeit gehen würde. Wenn man mir in meiner Jugend gesagt hätte, dass ich emigrieren würde, hätte ich das für ausgeschlossen gehalten.

Sie haben in Frankreich viele Literaturpreise gewonnen und sind seit ein paar Jahren auch Mitglied der "Académie française". Es ist gute Tradition in dieser Institution, dass ihre Mitglieder öffentlich zwei, drei Mal abgelehnt werden, bevor man sie schließlich aufnimmt. Ihnen ist das auch passiert. Warum tut man sich das eigentlich an?

Maalouf: Als ich nach Frankreich kam, arbeitete ich erst als Journalist, wie ich es im Libanon auch getan hatte, aber es war immer ein Traum von mir zu schreiben, und als ich einmal damit anfing, entschied ich, dass das mein Leben sein sollte. Und wenn man in Frankreich lebt und schreibt, dann liegt es in der Logik der Dinge, dass man den Prix Goncourt gewinnen und Mitglied der Akademie werden möchte – und ich folgte dieser Logik bis zum Ende.

Als ich das letzte Mal mit einem Mitglied der Akademie sprach, vor etwa zehn Jahren, hieß es, die Arbeit am Wörterbuch gehe voran und man sei beim Buchstaben "R" angelangt ...

Maalouf: Da waren sie auch noch, als ich eingetreten bin. Das war 2012. Wir sind nicht sehr weit vorangekommen, heute Morgen haben wir am Buchstaben "T" gearbeitet. Aber es gibt zwei Versammlungen, und die eine hat den Weg bis zum "W" schon gut freigeräumt, so dass ich erwarte, dass wir in drei, vier Jahren am Ende des Alphabets angekommen sein werden. Aber dann fangen wir wieder von vorne an.

Lena Bopp

© Frankfurter Allgemeine Zeitung 2019

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