Interview mit dem Künstler Kaya Behkalam

Das Gedächtnis der ägyptischen Revolution bewahren

Mit seinem digitalen Kunstprojekt Augmented Archive will der Künstler Kaya Behkalam eine Art subversives Archiv anlegen, das die Geschichte der ägyptischen Revolution von 2011 aus der Perspektive der Bürger beschreibt. Mithilfe der App können Nutzer die Orte der Proteste aufsuchen und deren Geschichte kennenlernen. Eslam Anwar sprach mit Kaya Behkalam über sein Projekt.

Herr Behkalam, wie sind Sie auf die Idee zu Augmented Archive gekommen?

Kaya Behkalam: Wer über historische Dokumente verfügt, bestimmt auch die Geschichtsschreibung und die Bedeutung wichtiger Ereignisse im kollektiven Gedächtnis. Zunächst stand deshalb die Frage im Raum, wie man mit der Fülle an Videomaterial umgehen kann, das nach der Revolution vom 25. Januar 2011 in Kairo entstanden ist. Wie kann man die Dokumentation historischer Ereignisse im Zeitalter der Digitalisierung neu definieren?

Das kollektive Gedächtnis ist hart umkämpft. Der ägyptische Machtapparat versucht, die Geschichte umzuschreiben und das revolutionäre Erbe der Jugendbewegung, die für den Sturz von Hosni Mubarak gesorgt hat, zu beseitigen.

Ich habe gesehen, wie gründlich der öffentliche Raum in Kairo von nahezu allem gereinigt wurde, das an die Revolution erinnert. Ich wollte diese Spuren als wichtige Zeugnisse der Stadtgeschichte bewahren.

Konnten Sie dabei auch an andere Projekte anknüpfen?

Behkalam: Ich habe bereits mit einer Gruppe ägyptischer Journalisten vom Medienkollektiv Mosireen an einem Projekt namens „858“ gearbeitet, einer Open-Source-Plattform als Videobibliothek des Widerstands. Wir haben die Videos von Schauplätzen der Revolution gesammelt. Mosireen hatte schon andere Projekte initiiert, zum Beispiel die Kampagne Kazeboon (deutsch: Lügner), bei der sie öffentlich Videosequenzen von Übergriffen der Militärs auf Demonstranten zeigten.

Diese Art, die Stadt und den öffentlichen Raum wie ein historisches Dokument zu nutzen, hat mich inspiriert. Man kann jetzt durch Kairo laufen und anhand der App die Geschehnisse der Zeit nach 2011 nachvollziehen.

Digitale Archivierung: Mithilfe der App können Nutzer die Orte der Proteste während der  ägyptischen Revolution von 2011 aufsuchen und deren Geschichte kennenlernen.
Digitale Archivierung: Mithilfe der App können Nutzer die Orte der Proteste während der ägyptischen Revolution von 2011 aufsuchen und deren Geschichte kennenlernen.

Gnadenlose Herrschaft über den öffentlichen Raum

Welches waren Ihre größten Schwierigkeiten bei der Realisierung des Projekts?

Behkalam: Eine App zu entwickeln, war absolutes Neuland für mich. Vorher hatte ich nur mit Videos und Filmen zu tun. Bei dem Projekt bin ich sehr stark auf meinen Kompagnon, den Programmierer Farhan Khalid, angewiesen. Erst wenn er mit seiner Arbeit fertig ist, kann ich loslegen. So zu arbeiten, ist ungewohnt für mich. Es hat mich aber auch gezwungen, meine eigene Vorgehensweise zu hinterfragen.

Bei Ihrer künstlerischen Arbeit geht es Ihnen um die Schnittstelle von Politik, Medien und historischer Dokumentation. Wie beurteilen Sie heute, sieben Jahre nach der Revolution, die aktuelle Lage in Ägypten?

Behkalam: Das Projekt spiegelt wider, was ich derzeit für das größte Problem Ägyptens halte: die gnadenlose Herrschaft über den öffentlichen Raum, sei es die Straße oder das Internet. Es gibt in Ägypten keinerlei Raum für kritische oder offene Debatten über die Erfahrungen, Konflikte und Opfer der letzten Jahre. Ich versuche mit meinem Projekt, ein kleines Zeichen zu setzen. Mit Augmented Archive soll es möglich sein, anhand von Dokumenten wie etwa Videos nochmal über diese wichtige Zeit nachzudenken.

Wir haben uns angeschaut, wie Straßen und Plätze in Kairo im heutigen Kontext erscheinen, um zu reflektieren, welchen Stellenwert sie damals hatten und welche Ereignisse sich dort nach 2011 abspielten.

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.