Interview mit dem israelischen Künstler Guy Briller

Der "Jerulin-Prozess"

Vor zwei Jahren verließ Guy Briller Jerusalem und zog nach Berlin. Felix Koltermann sprach mit ihm über seine umfangreiche künstlerische Tätigkeit in der Heiligen Stadt, seine neuen Erfahrungen in Berlin und über Fragen der Zugehörigkeit.

Guy Briller, Sie haben viele Jahre lang in Jerusalem gelebt, und mit Ihren Kunstprojekten eine tiefe Verbindung zu diesem Ort geschaffen. Warum ist die Stadt für Sie so interessant?

Guy Briller: Eins der Dinge, die mich bei meinen Beobachtungen über Jerusalem so inspiriert haben, war das Missverhältnis zwischen Versprechen und Wirklichkeit. Die Essenz des Wortes "Jerusalem" auf Hebräisch ist "Eins" oder "Einheit". Also ist das Versprechen der Stadt sehr groß. In gewissem Sinne ist hier der Monotheismus stärker und bedeutsamer präsent als anderswo auf der Welt. Es ist einer der Orte, die es uns ermöglichen nachzudenken, in denen ich mich als "ich selbst" sehen kann, als "Eins". Die Wurzel dessen liegt irgendwo im uralten Mythos des Judentums verborgen, und danach im Christentum und im Islam. Aber die Wirklichkeit ist fast genau das Gegenteil. Diese Gegensätzlichkeit hat mir ein enormes Aktionsfeld eröffnet – die Möglichkeit, Wege zu beschreiben, auf denen man das Offensichtliche durchbrechen und sehen kann, was sich dahinter verbirgt.

Welche Themen reflektieren Ihre Arbeit?

Briller: Ich habe viel über die Teilungslinie zwischen Ost- und Westjerusalem gearbeitet. Zu den Ergebnissen zählt ein Projekt, das ich "Nie-Mands-Land" genannt habe. Ich habe einige Zeit damit verbracht, dieses "Nie-Mands-Land" in Jerusalem wieder aufzubauen und mit einigen anderen Künstlern dort Werke zu schaffen. Ein Projekt war beispielsweise eine Videoinstallation mit sieben Bildschirmen, bei der man sich fühlt, als sei man in einem Kontrollraum und könnte die Handlungen der Künstler im "Nie-Mands-Land" beobachten. Dann gab es ein Projekt, das ich 1998 in Jerusalem begonnen und "Zuhören" genannt habe. Ich nahm einen Plan der Stadt und habe ihm ein Ohr hinzugefügt. Ich wollte die Menschen dazu motivieren, zuzuhören und zu erforschen, was sie noch nicht kennen.

Vor zwei Jahren haben Sie Ihr Heimatland verlassen, um in Berlin zu leben. Warum sind Sie dorthin gezogen?

ELAQSA; Foto: Guy Briller
Unikum "ELAQSA" in Jerusalem: Guy Briller, geboren 1970 in Dimona, Israel, ist ein interdisziplinärer Künstler. Er hat seit Mitte der 90er Jahre Jerusalem zum Hauptthema seiner Kunst gemacht.

Briller: Anfangs war dies, wie viele Dinge im Leben, noch keine klare Entscheidung. Nach einigen Jahren intensiver künstlerischer Arbeit merkte ich, dass ich eine andere Perspektive brauchte. Also ging ich mit meiner Familie auf eine zehnmonatige Reise. Eigentlich wollten wir zurückkehren, aber ein Teil der Idee hinter der Reise war auch die Möglichkeit, dass wir eine andere Heimat finden. Nach Stationen in Indien, Spanien und Portugal war Berlin unser letztes Ziel. Ich war das erste Mal in Deutschland, ganz zu schweigen von Berlin. Vor der Landung nahm ich mir vor, dass ich, sollte ich mich nach ein paar Tagen nicht wohl fühlen, das Land verlassen würde. Aber irgendetwas ist passiert, und nach einer Woche dachte ich, "Wow!" Ich war begeistert von diesem Ort. Es war genau das Gegenteil von dem, was ich erwartet und befürchtet hatte.

Wovor hatten Sie in Berlin Angst, bevor Sie dorthin kamen?

Briller: Ich wusste überhaupt nichts. Ich hatte keinerlei visuelles Verständnis der Stadt und wusste kaum etwas über Deutschland. Als jemand, der in Israel geboren und aufgewachsen ist, wurde ich ständig mit diesen zwölf Jahren konfrontiert, über die niemand redet, und ich hatte genug von der ganzen Zionistengeschichte. Den größten Teil meines Lebens habe ich mich nicht für die Stadt interessiert, bis ich schließlich herkam. Ich habe alles getan, um diese bohrenden Fragen über die Verbindungen zwischen dem Judentum und der deutschen Kultur zu vermeiden.

Jetzt weiß ich warum, denn jetzt, wo ich tatsächlich hier bin, ist die Beschäftigung mit diesem Thema viel interessanter. Ich kann auf eine Weise darin eintauchen, die mir in Israel aufgrund der Vorurteile, mit denen ich aufgewachsen bin, garantiert nicht möglich gewesen wäre.

War diese neue Perspektive auch eine Inspiration für Ihr Projekt "Jerulin", an dem Sie momentan arbeiten?

"Jerulin"-Pass; Foto: Guy Briller
Der "Jerulin-Prozess": Jerusalem trifft Berlin – ein Kunstprojekt des Vergleichs. "Für mich ist eine der interessantesten Verbindungen zwischen Jerusalem und Berlin, dass beide Städte sehr strikt und authentisch in Ost und West aufgeteilt waren – aber natürlich auf sehr unterschiedliche Art. Dies ist ein Aspekt, der für die Wirklichkeit beider Städte höchst relevant ist, und ebenso für ihr Selbstbild und die Probleme, die daraus entstehen", erklärt Briller.

Briller: In gewisser Weise ja. Als ich mich auf meiner einjährigen Reise befand wollte ich eigentlich abschließen und sagen: "Okay, ich war jetzt 20 Jahre lang in Jerusalem und will nun etwas Neues tun." Erst als ich mich hier niederließ, erkannte ich, dass es mein Schicksal war, Jerusalem wieder zum Thema zu machen. Aber ich war nicht mehr dort, wie also sollte ich vorgehen? Und dann entschied ich intuitiv und ziemlich schnell, dass sich meine Kunst mit beiden Städten beschäftigen sollte, nämlich mit "Jerulin". Für mich ist eine der interessantesten Verbindungen zwischen Jerusalem und Berlin, dass beide Städte sehr strikt und authentisch in Ost und West aufgeteilt waren – aber natürlich auf sehr unterschiedliche Art. Dies ist ein Aspekt, der für die Wirklichkeit beider Städte höchst relevant ist, und ebenso für ihr Selbstbild und die Probleme, die daraus entstehen. Dies wollte ich gründlich untersuchen.

Wie ist das Projekt tatsächlich entstanden?

Briller: Zuerst habe ich mich für einen Namen entschieden. Es musste "Jerulin" sein, und keine andere mögliche Kombination. Der zweite Schritt war, ein Symbol herzustellen, das die Embleme beider Städte verbindet, und daraus einen Reisepass zu machen. Von da an habe ich selbst daran geglaubt, da das Projekt plötzlich eine formale Existenz angenommen hatte. Ich erklärte mein Studio zur Botschaft von "Jerulin" und lud andere Künstler ein, mit mir zu forschen und über den "Jerulin"-Prozess zu reflektieren. Und ich entschloss mich, diese Forschungen auf einer Webseite online zu stellen, die nun in gewisser Weise der formale Standort von "Jerulin" ist.

Dann begann ich, darin auf Reisen zu gehen. Die erste Aufgabe war, meine Arbeiten aus Jerusalem durchzusehen und festzustellen, was für mich immer noch interessant war. Dann musste ich mit dem Fahrrad durch Berlin fahren, meine Augen öffnen und mit Menschen sprechen, um einen Eindruck zu bekommen, wo ich eigentlich bin.

Daraus haben sich einige neue Projekte entwickelt. Eins bestand darin, mein Ohr-Projekt aus Jerusalem auf Berlin zu erweitern. Das zweite war, wieder an der Ost-West-Erkundung, am "Nie-Mands-Land" zu arbeiten, um eine weitere Kontinuität zu meiner Arbeit in Jerusalem herzustellen. Und das dritte war meine Erforschung des alten Flughafens Tempelhof, den ich in vielerlei Hinsicht für einen sehr interessanten Ort halte.

Soll "Jerulin" nur auf deiner Webseite bleiben, oder stellst du diese Arbeit auch in Galerien aus?

Guy Brillers Ausstellung in Beit Hagefen, Haifa; Foto: Guy Briller
Ausstellungen an wechselnden Orten: "Kapitel A fand sowohl in Beit Hagefen (Haifa) statt, dem einzigen wirklichen jüdisch-arabischen Kulturzentrum in Israel, als auch in der Zentrale der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin", berichtet Guy Briller.

Briller: Das erste Jahr dieses Projekts – Kapitel A – wurde in einer Ausstellung zusammengefasst: Sie fand sowohl in Beit Hagefen (Haifa) statt, dem einzigen wirklichen jüdisch-arabischen Kulturzentrum in Israel, als auch in der Zentrale der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin, gemeinsam mit einer Veranstaltung zur 50-Jahrfeier der diplomatischen Verbindungen zwischen Israel und Deutschland.

Die Ausstellung hieß "Einige Hinweise auf das kurze Leben und Sterben des Alter-J in Jerulin". Wie du dir vielleicht denkst, kann Alter-J als das Alter Ego des Forschers und Künstlers betrachtet werden, der einige der Hinweise, die er gefunden hat, mit anderen teilt.

Momentan kommen jeden Tag neue Flüchtlinge aus dem Nahen Osten in Berlin an. Inwiefern beeinflusst die Flüchtlingskrise in Europa auch Ihre Arbeit?

Briller: Ich finde es interessant, dass diese Einwanderung Herausforderungen mit sich bringt, die auch mit dem Ost-West-Konflikt in Jerusalem zu tun haben. Das Gewicht dieser Fragen, das Gewicht dieses Konfliktes taucht plötzlich auch hier auf: Es ist, als ob der Kolonialismus zurückschlägt und die Leute hier zum Denken zwingt. Mich selbst lässt es erkennen, dass die Themen, von denen ich annahm, sie hinter mir gelassen zu haben, von der Wirklichkeit eingeholt wurden. Für mich handelt es sich um eine tragische Variante eines "umgekehrten Kolonialismus". Die Themen, die ich in "Jerulin" behandle, gewinnen dadurch an Bedeutung. Nicht nur für mich als ausländischen Künstler, sondern auch für das Publikum.

Felix Koltermann

© Qantara.de 2015

Übersetzt aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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