Wird im Nahen Osten heute auch Forschung zu Ibn Arabi betrieben?

Morris: In allen muslimisch geprägten Ländern (nicht nur in der arabischen Welt) gibt es neben dem traditionellen Studium der Texte in Sufi-Zirkeln ein wachsendes Interesse an Universitäten, Ibn Arabi zu studieren und zu lehren. Das ist sicher keine zufällige Entwicklung. Denn die Lehren von Ibn Arabi mit ihrem spezifischen Zugang zum Koran und zu den Hadithen bilden die produktivste Antwort auf heute weit verbreitete, vereinfachende religiös-politische Ideologien.

Aber ist nicht Ibn Arabis Fokus auf der individuellen Spiritualität auch eine Herausforderung für den orthodoxen Islam?

Morris: Auch wenn ich den Begriff "orthodox" in Bezug auf den Islam problematisch finde: Die führenden Köpfe von Al-Azhar sind häufig sehr profunde Kenner der Schriften von Ibn Arabi (und anderen Sufis). In der Türkei gilt Ibn Arabi heute sogar als sehr "orthodox" (in dem Sinne, dass ihn die Regierung propagiert). In einer beliebten Serie auf Netflix in der Türkei über die Ursprünge der Osmanen mit dem Titel "Ertugrul" ist Ibn Arabi eine Art "Superheld", der stets in Krisensituationen auftaucht und den Tag rettet.

Im Iran folgen alle großen mystischen Poeten den Ideen Ibn Arabis. Wichtige zeitgenössische Intellektuelle verbreiten seine Schriften. Er wird sowohl (wenn auch aus unterschiedlichen Gründen) von orthodoxen Klerikern als auch in der breiten Bevölkerung verehrt. In muslimischen Ländern von Senegal bis Indonesien sind seine Ideen heute populär und gewinnen eher noch mehr an Einfluss.

Nutzen reformorientierte islamische Theologen Ibn Arabi als Referenzpunkt?

Morris: Reform heute umfasst auch den Arabischen Frühling mit der Leidenschaft und den Hoffnungen einer breiten Mehrheit der Bevölkerung. Hierbei inspiriert Ibn Arabi sicher viele Menschen. Aber für ihn bedeutet Reform (islah) zuallererst den Wandel des eigenen Herzens und der eigenen Anschauungen darüber, wie wir uns in unseren Familien und Gemeinschaften verhalten.  

Wir dürfen nicht vergessen, dass große Teile der arabischen Intellektuellen heute im Exil in Europa, den USA oder in Asien leben. Diese gut ausgebildeten Menschen wollen etwas, das sie mit ihrer religiösen Tradition verbindet und gleichzeitig in der modernen Welt funktioniert. Das kann Ibn Arabi ihnen geben.

Das Interview führte Claudia Mende.

© Qantara.de 2019

Die Redaktion empfiehlt