An seinem Grab in Damaskus wird Ibn Arabi bis heute wie ein Heiliger verehrt. Menschen kommen mit ihren Anliegen und bitten ihn um Rat. Aber wie steht es um seine intellektuelle Seite?

Morris: Ibn Arabi wird auf drei verschiedene Arten verstanden. Als "Sidi Mohieddin" wird er als einer der Heiligen von Damaskus verehrt. Darüber hinaus müssen wir zwischen der arabisch sprechenden und der islamischen Welt insgesamt unterscheiden.

Wo man arabisch sprach, konnten viele Menschen zumindest einige seiner Bücher lesen. Gelehrte, Prediger und Sufi-Lehrer haben seine spirituellen Kommentare zum Koran und den Hadithen verwendet. Im Osmanischen Reich und in Asien dagegen konnten ihn nur Intellektuelle lesen, die klassisches Arabisch beherrschten und die religiösen Grundlagen kannten. Dort war sein Einfluss zunächst intellektuell und wirkte dann über Dichter, die ihn in lokale Sprachen übertrugen. Ibn Arabi wurde hier im Wesentlichen durch Poesie und Musik für eine breite Schicht populär.

Ibn Arabi ist bekannt für seine tolerante Haltung gegenüber anderen Religionen. Wie wurde diese Botschaft zu seiner Zeit aufgenommen?

Morris:  Die multi-religiösen Reiche der Osmanen und Mongolen in Indien haben seine Lehren propagiert, weil Ibn Arabi spirituelle Verschiedenheit schätzt und betont, dass spirituelle Erfahrungen für jeden Menschen einzigartig sind.

Er (und viele andere Sufi-Lehrer) konzentriert sich auf die Pflichten, die allen Menschen spirituell, ethisch und intellektuell gemeinsam sind, nicht auf das, was Menschen trennt. Eine tiefe Verbundenheit zwischen Menschen ist auch heute notwendig, um eine globale Zivilisation zu schaffen, die wahrhaft menschlich ist.

Gleichzeitig versteht Ibn Arabi den Koran wortwörtlich?

Morris: Er versteht den Koran absolut buchstabengetreu, aber so einfach ist das nicht. Denn Ibn Arabis Verständnis des Koran beruht auf der arabischen Sprache, deren Wortwurzeln viele miteinander verbundene Bedeutungen haben. Das ist so ungefähr das Gegenteil von dem, was man normalerweise meint, wenn von einem wörtlichen Textverständnis die Rede ist.

Tatsächlich hat das Arabisch des Koran unglaublich viele Facetten und Dimensionen. Jeder Abschnitt ist mit allen anderen Textabschnitten verwoben. Ibn Arabis Verständnis erlaubt es uns, Bedeutungen zu sehen, die in den vorherrschenden Vorstellungen nicht vorkamen und die Ibn Arabi für einen neuen Kontext angepasst hat. Das wortwörtliche, göttlich inspirierte Verständnis ist bei ihm gleichzeitig ein spirituelles Verständnis, das für jeden einzelnen Menschen unterschiedlich eingefärbt ist.

Wie bekannt sind seine Ideen in der arabischen Welt heute?

Morris: Etwa die Hälfte seiner rund 600 Schriften hat die Zeiten überdauert. Sein Hauptwerk "Al Futuhat al Makkiya" (Mekkanische Eröffnungen) umfasst viele kürzere Schriften und ist für Leser in der ganzen Welt verfügbar. Ein anderes wichtiges Werk ist "Fusus al Hikam" (Die Weisheit der Propheten),  aber auch dieses Buch enthält viele Anspielungen auf andere Werke und klassische religiöse Texte, die es schwer zu lesen machen.

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