Halten Sie es als überzeugter Verfechter der Pluralität für möglich, Pluralität im religiösen Rahmen zu verteidigen? Jede monotheistische Religion versteht sich doch letztlich als der einzig wahre Weg zu Gott, sodass es keinen Raum für wirkliche Pluralität zu geben scheint.

Sorusch: Das ist wohl wahr. Propheten waren nie gute Pluralisten, das ist ein wichtiger Punkt. Lassen Sie mich ein Beispiel nennen: Sie befinden sich auf einem Marktplatz mit verschiedenen Geschäften. Jeder Ladeninhaber wirbt natürlich allein für sein eigenes Geschäft. Das ist ganz selbstverständlich. Niemand wird für das Geschäft eines anderen werben. Jeder versucht, so erfolgreich wie möglich zu sein und so viele Kunden wie möglich zu gewinnen. Doch wie denken die Kunden? Sie stehen auf dem Markt und sehen die vielen Geschäfte, die sie umwerben. Diese Menschen müssen pluralistisch sein. Die Ladeninhaber sind keine Pluralisten, doch der Marktplatz ist ein Ort der Pluralität. Der Prophet des Islam war kein Pluralist, ebenso wenig wie der Prophet des Christentums oder anderer Religionen. Aber ich als Kunde sehe eine Reihe von Geschäften vor mir. Ich kann mir also überlegen, einiges von dem, was ich benötige, in diesem Geschäft und anderes in einem anderen Geschäft zu erwerben. Pluralismus funktioniert nur, wenn alle diese Geschäfte geöffnet und intakt bleiben. Man darf nicht bestimmte Geschäfte schließen und andere geöffnet lassen. Ich bin für Pluralismus. Dies ist die gesellschaftliche Sicht.

Aus theologischer Sicht könnten wir die Frage aus einer weiteren Perspektive betrachten. Sind wir alle gleich - gleich in den Augen Gottes, ohne Rücksicht auf unsere Religion? Es gibt viele Religionen auf der Welt. Darüber hinaus gibt es noch Ideologien, die sich vielleicht nicht als Religion bezeichnen. Was hat also Gott mit ihnen zu tun? Ich weiß es nicht. Schließlich bin ich nicht Gott. Die Antwort sollte allein Gott vorbehalten sein. Vielleicht erkennen wir in unserem anderen Leben, was mit uns geschehen wird. Doch eines kann ich sagen: Solange man wahrhaftig bleibt, wird man gerettet - ganz gleich, ob man nun Christ, Muslim oder etwas anderes ist. Natürlich wird ein Prophet einer bestimmten Religion sagen: Komm zu mir, geh nicht zu den anderen. Aber ich als Kunde auf dem Markt kann wählen, zu wem ich gehe, und solange ich die Wahrheit suche, solange ich ehrlich bin und fair handle, reicht das. Denn der Zweck, das Ziel aller Religionen ist es doch, uns zu ehrlichen Menschen zu machen.

Ich denke, Sufis waren Propheten des Pluralismus. Rumi kann uns beispielsweise viel über Pluralismus erzählen. Er sagte, Licht ist Licht, doch wir haben verschiedene Lampen. Mit verschiedenen Lampen meint er unterschiedliche Religionen. Das Licht im Inneren der Lampe ist das gleiche - ganz egal, ob es von dieser einen Lampe oder von einer anderen stammt. Die Wahrheit steht über Religion und Religiosität. Religionen suchen nach der Wahrheit. Wenn du die Wahrheit findest, musst du ihr folgen.

Ich würde Pluralität gerne noch auf einer anderen Ebene ansprechen. Manche kritisieren, dass Sie nicht über die Probleme und die Lage sprechen, mit der Minderheiten konfrontiert sind. Beispielsweise religiöse Minderheiten wie die Bahai im Iran. Ähnliches gilt für ethnische Minderheiten, wie beispielsweise Kurden und Araber im Iran oder Berber in einigen arabischen Ländern. Sind Sie sich dessen bewusst und gibt es einen Grund, warum Sie dieses Themenfeld meiden?

Sorusch: Erstens hat jeder sein eigenes Forschungs- und Tätigkeitsfeld. Man kann nicht alles machen. Ich habe mein eigenes Fachgebiet, meinen eigenen Wirkungsbereich, mein eigenes Verständnis von der Welt, von meinem Land. Zweitens, was mache ich in Deutschland? Was mache ich in den USA? Ich kann nicht in mein Land zurückkehren. Warum? Weil ich gegen die Ungerechtigkeit in meinem Land und anderswo kämpfe. Eine Ungerechtigkeit, die nicht nur gegen die Bahai und andere Minderheiten gerichtet ist, sondern auch gegen die Muslime selbst. Ich und meine muslimischen Mitmenschen, meine muslimischen Mitstreiter, wir arbeiten für das ganze Land, für das Volk, ohne Diskriminierung, sei es für Kurden, Araber, Bahai oder andere. In meinem Herkunftsland, in unseren Ländern, in den Ländern des Orients werden wir von den Pflichten überwältigt. Unsere Rechte werden von der Bürde der Pflichten unterdrückt und erstickt. Das ist schlecht. Wir müssen daher den Rechten wieder Vorrang vor den Pflichten einräumen.

Hier in Europa gibt es ein Ungleichgewicht. Im Iran und in den arabischen Ländern gibt es ebenfalls ein Ungleichgewicht. Doch die Art des Ungleichgewichts ist eine andere. Im Westen stehen die Rechte vor den Pflichten, während im Orient die Pflichten vor den Rechten stehen. Wir müssen das Gleichgewicht wiederherstellen. Ich und meine Kollegen und Freunde setzen uns für die Rechte aller Menschen ein, die im Iran leben. Ohne jede Diskriminierung, ohne eine bestimmte Position gegenüber einer bestimmten Minderheit, Religion oder ethnischen Zugehörigkeit oder was auch immer. 

Das Interview führte Dara Alani.

© Qantara.de 2018

Aus dem Englischen von Peter Lammers

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