Interview mit dem iranischen Autor Amir Hassan Cheheltan

„Literatur beruht auf Politik und Erotik“

Amir Hassan Cheheltan hat seit 15 Jahren keinen Roman mehr im Iran veröffentlicht. Der 62-jährige Autor will weder auf Politik noch auf Erotik verzichten, wie es die Zensur im Iran vorschreibt. In Deutschland erfreuen sich seine Werke aber steigender Beliebtheit. Acht Bücher von Cheheltan sind bereits auf Deutsch erschienen. Nasrin Bassiri hat sich mit dem Schriftsteller unterhalten.

Herr Cheheltan, Sie schreiben für deutschsprachige Medien und haben zahlreiche Romane in Deutschland veröffentlicht. Warum? Haben Sie Deutschland gewählt oder hat Deutschland Sie ausgesucht?

Amir Hassan Cheheltan: Deutschland hat mich gewählt. Alles begann damit, dass meine Artikel im deutschsprachigen Raum erschienen, der erste vor 20 Jahren in der Süddeutschen Zeitung, als im Iran gerade eine Serie von Morden an Schriftstellern und Oppositionellen verübt wurden. Später sprach der kleine Kirchheim-Verlag in Mainz meine Übersetzerin Susanne Baghestani an und bekundete sein Interesse, einen meiner Romane in deutscher Übersetzung zu veröffentlichen.

Sie leben im Iran, sind aber viel unterwegs.

Amir Hassan Cheheltan: Ich lebe mit meiner Frau in Teheran, bin aber oft auf Reisen und viel in Deutschland. Ich reise gerne und schätze die kulturellen Möglichkeiten in anderen Ländern. Ich habe zwei Jahre mit einem Stipendium vom „International Parliament of Writers“ in Italien gelebt. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) hat mir einen Aufenthalt in Deutschland ermöglicht. Sechs Monate lang war ich auf Einladung der Heinrich-Böll-Stiftung Gast der Villa Aurora in Los Angeles. Und ich halte mich auf Lesereisen oft für kürzere Zeit in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien auf.

In den vergangenen Jahrzehnten wurden zahlreiche iranische Romane in andere Sprachen übersetzt. Es scheint aber, dass Sie den Rekord halten. Woran liegt das?

Amir Hassan Cheheltan: Mir fällt es schwer, zu sagen, was meine Arbeit von den Texten anderer Autoren unterscheidet. Meine Romane spielen im städtischen Milieu. Vielleicht sind sie wegen meiner Erzählsprache einfacher zu übersetzen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich durch meine Artikel in den Medien präsenter bin als meine Schriftstellerkollegen.

„Der Kalligraph von Isfahan“ von Amir Hassan Cheheltan. Foto:  C.H. Beck
Der 2015 erschienene Roman „Der Kalligraph von Isfahan“ ist Amir Hassan Cheheltans populärstes Buch in deutscher Sprache. Der Roman spielt während der Belagerung Isfahans durch afghanische Truppen im 18. Jahrhundert. Die Kalligrafie wird zur Metapher für die Freiheit des Geistes in Zeiten der Gewaltherrschaft.

Iraner und Weltbürger

Sie schreiben auf Farsi und Ihre Geschichten spielen im persischen Sprachraum. Dennoch haben Sie Weltbürger im Blick – wie schaffen Sie diesen Spagat?

Amir Hassan Cheheltan: Natürlich bin ich in erster Linie Iraner. Meine Sprache ist Persisch, ich kann in keiner anderen Sprache der Welt eine Erzählung schreiben. Ich bin im Iran aufgewachsen und sozialisiert worden und verstehe die Welt auf Persisch.

Aber ich habe als Autor nicht nur meine Landsleute im Blick, mit denen ich die Sprache und viele Sorgen teile. Denkt man ausschließlich lokal, dann zieht man eine Trennlinie zwischen „uns“ und „den anderen“.

Dabei teilen wir doch alle, ganz gleich, wo wir herkommen, Sorgen und Nöte. Liebe, Einsamkeit, Auswanderung oder Trennung sind Themen für alle Menschen. Das verbindet den Bürger eines Landes mit globalen Weltbürgern. Die Welt ist heute nicht nur wirtschaftlich zusammengewachsen; es geht nicht mehr an, dass wir uns kulturell und literarisch isolieren. Ich sehe mich als Weltbürger.

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