Interview mit dem indischen Schriftsteller Rahman Abbas

Die gesellschaftliche Spaltung überwinden

Seitdem die Hindunationalisten immer stärker geworden sind, setzen sich vermehrt Indiens Schriftsteller kritisch mit dem Phänomen auseinander. So auch der in Bombay lebende Rahman Abbas, der auf Urdu schreibt und für seinen Roman "Rohzin" den höchsten Literaturpreis Indiens erhielt. Mit ihm sprach Dominik Müller.

Als 20-Jähriger haben Sie die sogenannten "Bombay Riots" von 1992/93 miterlebt. Wie haben diese Unruhen Ihr literarisches Werk beeinflusst?

Rahman Abbas: Nachts waren überall Feuer zu sehen. Randalierer hatten die muslimischen Viertel ins Visier genommen, Häuser wurden zerstört, Menschen getötet. Die Polizei unternahm nichts. Zum ersten Mal in meinem jungen Leben spürte ich, wie sich etwas zwischen mich und meine Hindu-Freunde schlich, mit denen ich aufgewachsen bin. Hindus und Muslime sahen sich als Gegner, überall in Bombay. Sie begannen, sich gegenseitig zu hassen. Erst viele Jahre später ließ das wieder nach.

Mein erster Roman, "Nakhalistan Ki Talash", hatte meine Identitätskrise zum Gegenstand, die daraus folgte. Damals wurde mir klar, in welche Familie ich geboren wurde. Vorher hatte es keine besondere Rolle gespielt, ob man nun muslimisch, hinduistisch oder sonst was war. Auch in diesem Roman spürt ein muslimischer Junge zum ersten Mal, warum es für ihn keine Sicherheit gibt. Die "Bombay Riots" und das, was heute in Indien passiert, drängen einer bestimmten Gemeinschaft eine Identität auf. Auch Menschen wie ich, die dafür bekannt sind, dass sie sogar ihre eigene Gemeinschaft und ihr theologisches System kritisieren, werden einfach nur als Muslime betrachtet. Die Juden in Deutschland müssen sich damals ähnlich gefühlt haben.

Für Ihren ersten Roman wurden Sie sogar einige Tage in Polizeigewahrsam genommen. Wie kam es dazu?

Radikale Hindus zerstören am 6. Dezember 1992 die Babri-Moschee in Ayodhya; Foto: Getty Images/AFP/D .E. Curran
Fanal für den Beginn der "Bombay Riots": Radikale Hindus zerstörten am 6. Dezember 1992 die 1528 erbaute Babri-Moschee in Ayodhya im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh, um an deren Stelle zu Ehren des Hindu-Gottes Rama einen Tempel zu errichten. Die dadurch entstandenen Unruhen forderten im ganzen Land rund 1.200 Menschenleben.

Abbas: Konservative Muslime in Maharashtra hielten meinen Roman für ein obszönes Buch. Auf Grundlage eines Gesetzes, das noch aus der Kolonialzeit stammt, wurde ich angeklagt und verlor auf Drängen meiner Gegner auch noch meinen Lehrauftrag für Urdu-Unterricht an einem College.

Sie behaupteten, ich hätte einen schlechten Einfluss auf die Jugend. Sie sahen das islamische Wertesystem in Frage gestellt, denn in meinem Roman gibt es eine Traumsequenz, in der mein junger Protagonist sich in der Gefängniszelle, kurz vor seiner geplanten Hinrichtung, an die schönsten Momente mit seiner Geliebten erinnert.

In einer weiteren Szene beschreibe ich, wie er auf einem Universitätscampus seine Freundin leidenschaftlich küsst. Aber Küssen ist für viele muslimische Menschen immer noch ein Akt der Obszönität, so lange man nicht verheiratet ist. Und selbst dann kannst du deine Frau nicht in der Öffentlichkeit küssen. Das Verfahren hing mehr als zehn Jahre in der Luft. Erst 2016 wurde ich freigesprochen.

2016 forderte die staatliche Agentur zur Förderung des Urdu, der "National Council for Promotion of Urdu Language" (NCPUL), Urdu-Schriftsteller zur Selbstzensur auf. Sie führten die Proteste gegen diese Richtlinie an. Was war passiert?

Abbas: Seit Mitte der 1990er Jahre fördert die NCPUL Urdu-Schriftsteller und ihre Bücher. Zwanzig Jahre nach ihrer Gründung forderte sie die Autoren in einem Brief auf, dass ihre Bücher nicht gegen die Politik der Regierung oder gegen das Interesse der Nation gerichtet sein sollten. Auch sollten sie nichts schreiben, was Konflikte zwischen den Religionsgemeinschaften schüren könnte. Sollte ein Autor dagegen verstoßen, müsse er die gewährte finanzielle Unterstützung zurückzahlen.

Buchcover "Die Stadt, das Meer, die Liebe" von Rahman Abbas im Draupadi-Verlag
Der 47-jährige Autor Rahman Abbas lebt in Bombay und schreibt auf Urdu, einer der 24 indischen Amtssprachen, die vor allem von den 150 Millionen Muslimen in Indien gesprochen wird. 2018 wurde sein Roman „Rohzin“ mit dem Sahitya Akademi Award ausgezeichnet. Der Roman erschien auf Deutsch im Draupadi-Verlag unter dem Titel "Die Stadt, das Meer, die Liebe".

Nicht gegen das eigene Land zu schreiben - das kann ich akzeptieren. Aber es ist mein Grundrecht, die Regierung zu kritisieren. Es ist sogar die Pflicht eines Schriftstellers, sich einer Politik zu widersetzen, die sich gegen die Bevölkerung richtet.

Viele Schriftsteller sind daraufhin zusammen gekommen, auch viele ältere Schriftsteller aus Nordindien, Neu Delhi und anderen Teilen Indiens. Wir haben die Regierung aufgefordert, diese Richtlinie zurückzuziehen. Nach unzähligen Zeitungsartikeln und Parlamentsdebatten über unsere Initiative sind sie unserer Forderung schließlich nachgekommen.

Wie ordnen Sie den Vorstoß der NCPUL ein?

Abbas: Das ist Totalitarismus. George Orwell hat es beschrieben, auch Kafka hatte Angst davor: Du weißt nicht, was dein Verbrechen sein wird, und du wirst ein Jahrzehnt brauchen, um zu verstehen, was dein Verbrechen war. Autoren können nicht mehr frei denken, geschweige denn, sich frei ausdrücken.

Dabei ist Urdu eine sehr liberale und weltliche Sprache. Urdu-Poesie feiert die Existenz Gottes und kritisiert sie zugleich. Es ist die einzige indische Sprache, die so offen Wein, Whiskey und Liebe feiert.

Urdu ist eigentlich eng mit einer liberalen Haltung verbunden. Wenn man sie nur mit einer bestimmten Religion verbindet, wird man ihr nicht gerecht. Denn ohne Urdu ist Hindi unvollständig und umgekehrt. Zusammen ergibt es eine Sprache: das alte Hindustani. Aber die Politik hat die indische Gesellschaft nicht nur entlang der Religionen gespalten, sondern auch entlang ihrer Sprachgrenzen.

In den vergangenen Jahren sind mehrere Schriftsteller und Intellektuelle ermordet worden, die sich als Kritiker der hindu-nationalistischen Hindutva-Bewegung profiliert hatten. Grassiert die Angst in Ihren Kreisen?

Abbas: Die eher unbekannten Schriftsteller werden von ihnen nicht ins Visier genommen; diejenigen, die bisher ermordet worden sind, wie z.B. M.M. Kalburgi, gehörten zu den Top-Schriftstellern Indiens. Wir wissen, dass die Mörder einen hindu-nationalistischen Hintergrund haben. Und diese Regierung schützt die Beschuldigten, leitet keine rechtlichen Schritte ein.

Andere Teile der Bevölkerung, vor allem Minderheiten, sind noch viel mehr betroffen: So stellen sich führende Politiker der Regierungspartei schützend vor Täter, die Verbrechen gegen Minderheiten - Dalits, Christen oder Muslime - begangen haben.

"Ein Ort des Friedens und der Schönheit" - der Sufi-Schrein Haji Ali Dargah, Bombay; Foto: Dominik Müller
Wo die Menschheit als eins gesehen wird: In vielen Sufi-Schreinen Indiens kommen alle möglichen Menschen zusammen. Nicht nur von verschiedenen muslimischen Gemeinschaften, auch Hindus, Sikhs und Dalits. Diese Schreine sind offen, es gibt kein rigides Verständnis von Gott. Diese Tradition hat es in Indien immer gegeben, so Abbas. Im Haji-Ali-Dargah-Schrein trifft der Protagonist seines letzten Romans "Rohzin" regelmäßig seine Freundin. Es ist ein Ort des Friedens und der Schönheit.

Der heutige Premierminister Narendra Modi ist sogar mitverantwortlich für die Pogrome von Gujarat: Als er damals den Bundesstaat regierte, ließ er die Leute gewähren, die sich dort tagelang an der muslimischen Minderheit vergangen hatten. Diese Hindutva-Fanatiker sind die Brüder der Taliban. Sie wollen diese Gesellschaft spalten. Wir Schriftsteller wollen diese Gesellschaft schützen, ihre Verfassung verteidigen, die unsere Identität als Inder ausmacht.

Sie besuchen regelmäßig den Haji-Ali-Dargah-Schrein in Bombay. Auch in Ihrem letzten preisgekrönten Roman spielt er eine gewichtige Rolle. Was fasziniert Sie daran?

Abbas: In vielen dieser Sufi-Schreine kommen alle möglichen Menschen zusammen. Nicht nur von verschiedenen muslimischen Gemeinschaften, auch Hindus, Sikhs und Dalits. Diese Schreine sind offen, es gibt kein rigides Verständnis von Gott. Die Menschheit wird als eins gesehen. Diese Tradition hat es in Indien immer gegeben. Im Haji-Ali-Dargah-Schrein trifft der Protagonist meines letzten Romans "Rohzin" regelmäßig seine Freundin. Es ist ein Ort des Friedens und der Schönheit. Bombay hat auch diese Tradition, und sie ist sehr stark.

Das Interview führte Dominik Müller.

© Qantara.de 2019

Rahman Abbas, geboren 1972, studierte Urdu und Englische Literatur an der University of Mumbai. Sein erster Roman Nakhalistan Ki Talash sorgte für große Kontroversen in Indien und führte zu einem Strafverfahren wegen "Obszönität", das erst 2016 mit einem Freispruch beendet wurde. Abbas gewann zwei Mal den "Sahitya Akademi Award", 2011 für seinen dritten Roman "Khuda Ke Saaye Mein Ankh Micholi" und erneut 2017 für "Die Stadt, das Meer, die Liebe".

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.