Interview mit dem französischen Imam Djelloul Seddiki

"Extremisten wollen uns einen Kampf der Kulturen aufzwingen"

Der französische Imam und Direktor des Al-Ghazali-Instituts der Großen Moschee in Paris, Djelloul Seddiki, befürchtet, der Anschlag auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" könnte das gesellschaftliche Klima in Frankreich weiter vergiften und das friedliche Zusammenleben gefährden. Mit ihm sprach Yasser Abumuailek.

Herr Seddiki, welche Folgen wird der Terroranschlag auf die Satire-Zeitschrift "Charlie Hebdo" für die Muslime in Frankreich haben?

Djelloul Seddiki: Ich war jüngst gemeinsam mit einer Delegation französischer Imame beim Papst Franziskus zu Besuch, als wir von dem Terroranschlag auf "Charlie Hebdo" erfuhren.

Dieses Attentat stellt aus meiner Sicht eine Katastrophe dar, denn es bedeutet, dass die Konflikte des Nahen Ostens Frankreich erreicht haben. Natürlich mussten wir mit einer solchen Entwicklung rechnen, aber nicht mit einem derart brutalen Anschlag mit schweren Waffen und so vielen getöteten Journalisten, die für eine freie Presse und den Säkularismus in der französischen Gesellschaft eintreten.

Darüber hinaus stellt dieses Attentat eine Katastrophe dar, weil wir uns – sowie andere Minderheiten in Frankreich – ohnehin in einer schwierigen, aufgeheizten Situation befinden. Daher befürchte ich, dass sich jetzt die öffentliche Meinung gravierend ändern und zu einer Verschärfung der bereits bestehenden Konflikte zwischen der muslimischen Community und der französischen Mehrheitsgesellschaft führen wird.

Von welchen Konflikten sprechen Sie konkret?

Seddiki: Die muslimische Community in Frankreich sieht sich seit Langem mit zwei Konflikten konfrontiert: einem internen Konflikt mit den radikalisierten, fehlgeleiteten jungen Männern und einem externen Konflikt angesichts des herrschenden Medien-Diskurses über den Islam. Was die Schieflage in der medialen Darstellung des Islam angeht, so sind wir es leid, uns jedes Mal gebetsmühlenartig von kriminellen Gewaltakten im Namen des Islam distanzieren zu müssen. Wir sind in erster Linie französische Bürger – genau wie alle anderen Bürger dieser Republik auch – und tragen daher keine Verantwortung für diesen zutiefst gottlosen Anschlag auf die freie Presse des Landes.

Was kann die muslimische Community in Frankreich tun, um diese Schieflage, wie Sie es ausdrücken, zu korrigieren?

Seddiki: Wir müssen zunächst einmal alles dran setzen, dieses negative Reaktionsmuster zu überwinden. Wir müssen davon wegkommen, dass Medien reflexartig die muslimische Community für die barbarischen Taten einzelner Täter verantwortlich machen.

Imam Hassen Chalghoumi, Imam in Seine-Saint-Denis; Foto: Reuters
"Ein gottloser, barbarischer Akt": Genau wie Djelloul Seddiki verurteilte auch Hassen Chalghoumi (m.), Imam in Seine-Saint-Denis, den Anschlag als unislamisch.

Tragischerweise übersehen die meisten Medien, dass die ganz gewöhnlichen Muslime in Frankreich die ersten Opfer des dschihadistischen Terrors sind. Auch weltweit stellen Muslime 90 Prozent der Opfer diverser islamistischer Terrorgruppen dar: in Syrien, im Irak und im Libanon. Und vergessen wir nicht Pakistan, wo kürzlich die Taliban ein Massaker an Kindern verübten.

Hinter diesem feigen Anschlag auf die Zeitschrift "Charlie Hebdo" stecken kriminelle, extremistische Gruppen, die uns einen Zusammenprall der Zivilisationen, einen Kampf der Kulturen, aufzwingen wollen. Schließlich haben einfache Muslime auf politische Konflikte im globalen Kontext und auf die geostrategische Lage der Welt keinen Einfluss.

Diese konfliktbeladenen Ereignisse tragen jedoch dazu bei, dass sich ein Bild vom Islam als "Gewaltreligion" zunehmend verfestigt. Was können Muslime konkret tun, um dieses Zerrbild zu korrigieren?

Seddiki: Das ist leider richtig. Wir müssen auf jeden Fall mehr Aufklärungsarbeit leisten, mehr Offenheit durch Bildungsangebote und eine intensivere Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft in allen europäischen Ländern wagen.

Die Mehrheit der muslimischen Franzosen gehört der vierten Generation an, ihre Muttersprache ist Französisch, ihr Arabisch ist in der Regel nur rudimentär. Im Augenblick lebt die Mehrheit der muslimischen Franzosen am Rande der Gesellschaft, aber wenn wir Teil dieser Gesellschaft sein wollen, dann müssen wir uns mehr um Integration bemühen. Hier können wir sicherlich von den Erfahrungen der jüdischen Community lernen, denn die meisten französischen Juden sind gut integriert, ohne dabei ihre kulturelle und religiöse Identität aufzugeben.

Wie bewerten Sie die Arbeit der muslimischen Verbände in Frankreich angesichts dieser komplexen gesellschaftlichen Gemengelage?

Seddiki: Die meisten muslimischen Verbände in Frankreich wurden in den letzten Jahren gegründet und verfügen nur über bescheidene Ressourcen. Daher können wir von ihnen nicht viel erwarten. Sie leisten zurzeit das, was sie können.

Die französische Gesellschaft ist eine durch und durch laizistische Gesellschaft, die an das Individuum glaubt und nicht an das Kollektiv. Ich bin Verfechter einer klaren Trennung von privat-religiöser und öffentlicher Sphäre. Im heutigen Frankreich kann und soll jeder nach seiner Façon selig werden. Daher müssen wir die Muslime als Individuen stärken und deren Heterogenität akzeptieren. Sie bilden keinen monolithischen Block – nirgendwo.

Interview: Yasser Abumuailek

© Qantara.de 2015

Übersetzung aus dem Arabischen von Loay Mudhoon

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Leserkommentare zum Artikel: "Extremisten wollen uns einen Kampf der Kulturen aufzwingen"

Mir ist nicht ganz klar, was es bedeuten soll, wenn Muslime immer wieder betonen, dass die meisten Opfer der Islamisten Muslime sind. Macht es das etwa weniger schlimm? Und ändert das etwas daran, dass die Islamisten sich auf den Koran, die Sunna und Mohammed berufen? Und sicher kann man die Mehrheit der Muslime in Europa nicht verantwortlich machen für die Greultaten der Islamisten. Aber man darf auch nicht ignorieren, dass die muslimischen Verbände mitzündeln, wenn sie Karikaturen als islamfeindlich und Karikaturisten als Islamhasser bezeichnen. Damit erklären sie sie nämlich zu Feinden des Islam und bestärken die jungen Muslime, dass man etwas unternehmen müsse gegen diese Beleidigungen. Also wenden sie sich den Extremisten zu, die immerhin etwas unternehmen. Auch die gebetsmühlenartige Wiederholdung der vermeintlichen Diskriminierung der Muslime, statt des Hervorhebens der Rechte, die Muslime in Europa geniessen, wird von den Extremisten als Bestätigung empfunden. Natürlich gibt es in Bezug auf die Rechte von Muslimen Verbesserungsbedarf, den gibt es aber für alle Zuwanderer, egal der wievielten Generation. Das hängt nicht so sehr an der Religion, wie manche es uns weißmachen wollen. Auch andere gesellschaftliche Gruppen, wie z.B. Homosexuelle, bekommen einige ihrer Rechte noch vorenthalten. Das kann aber kein Vorwand für Terror sein.

Olaf09.01.2015 | 16:33 Uhr

Ein sehr schönes Interview.
Der Imam Seddiki macht klar, dass Integration und Bewahren der "kulturellen und religiösen Identität" nicht als Widerspruch gesehen werden müssen.
Hoffentlich verstehen das ein paar der irregeleiteten radikalen jungen Muslime.
Hoffentlich auch bemüht sich die Mehrheitsgesellschaft, Voraussetzungen für die Integration einer orientierungssuchenden Jugend zu schaffen (adäquate Arbeistplätze etwa).

benita schneider10.01.2015 | 11:11 Uhr

Integration ist auch eine Bringschuld, liebe Frau Schneider, man muss sich auch integrieren wollen, und genau das vermisse ich bei doch vielen Migranten. Auch nicht-muslimischen Jugendlichen und Erwachsenen wird in diesem Land nichts geschenkt, auch die müssen sich anstrengen. Deutschland ist indes trotzdem immer noch vielleicht das freieste und toleranteste Land dieser Welt, darauf bin ich stolz und lasse es mir nicht vermiesen. Und deshalb wollen doch wohl auch so viele Migranten genau hier hin, denen es hier auch in der Regel wesentlich besser geht als in ihren Ursprungsländern, die hier frei und ungefährdet leben können. Also bitte, nicht immer ist die Gesellschaft oder das Gastland schuld, wenn es mit der Integration nicht klappt. Ich habe lange im muslimischen Ausland gelebt und musste mich dort auch integrieren, das war aber meine ureigene Arbeit. Im übrigen finde ich auch die Aussagen des Imams sehr gut, besonders bemerkenswert aber ist auch seine Aussage zur Integration der französischen Juden.

Ingrid Wecker14.01.2015 | 23:46 Uhr