Interview mit dem Filmemacher Samir

Eine irakische Odyssee

In seiner beeindruckenden 3D-Dokumentation "Iraqi Odyssey" verknüpft der in Bagdad geborene Regisseur Samir persönliche Geschichten aus seiner Verwandtschaft mit Archivaufnahmen, die die Geschichte des Irak erzählen – von der osmanischen Ära bis zur Machtübernahme Saddam Husseins. Igal Avidan hat sich mit dem Regisseur unterhalten.

Wie kommt es, dass Sie keinen Nachnamen führen und nur mit Samir angesprochen werden?

Samir: Ich heiße eigentlich Samir Jamal al-Din. Den Familiennamen Jamal al-Din hat mein Großvater gewissermaßen erfunden, weil er in die irakische Stadt Nadschaf zog, wo er islamisches Recht studierte. Deswegen heißt unsere Familie Jamal al-Din, was auf Arabisch "Schönheit der Religion" heißt. Als Samir bezeichnete man in vorislamischer Zeit denjenigen, der in der Wüste seinen Stammesangehörigen bei Nacht am Lagerfeuer Geschichten erzählte. Und weil ich nicht jeden Tag sagen wollte: "Hallo, ich heiße Schönheit der Religion", sagte ich lieber: "Ich heiße Samir", denn Geschichten weiß ich viele zu erzählen. In meinen beiden ersten Filmen liefen zwar die Credits unter dem Namen Jamal al-Din, aber die Filmkritiker haben das wohl falsch wiedergegeben. Ich heiße seit den 1980er Jahren einfach nur Samir.

Inwieweit wurde Ihr neuer Dokumentarfilm von Ihrem Vorgängerfilm "Forget Baghdad" über die irakisch-jüdischen Kommunisten in Israel inspiriert?

Samir: (lacht) Er war weit mehr als eine Anregung. Er war der kleine Umweg und natürlich der Impetus. Für diese irakischen Juden, die in das ashkenasische (europäisch-jüdische) Israel kamen, war die Frage ihrer arabischen Identität doppelt schwierig. Das interessierte mich.

Wie schwer ist es, einen Film mit den eigenen Verwandten zu drehen?

Samir: Einer der größten Widerstände bedeutete für mich, dass jeder in der Familie befürchtete, ich könnte womöglich Dinge erzählten, die nicht in ihrem Sinn waren. Und wenn ich etwas weglasse hätte das noch schlimmere Folgen haben können, denn das Weglassen von bestimmten Episoden oder Details sagt ja noch viel mehr aus.

Ich musste das Vertrauen meiner Familie gewinnen, weil sie im Westen sehr gut Bescheid wissen, dass hier meistens die Psychologisierung der Charaktere im Mittelpunkt steht – das im Westen eine ganze Medienindustrie danach trachtet, Menschen quasi bis auf die Unterhosen auszuziehen! Davor hatten sie Angst.

Warum beginnen Sie Ihre Geschichte mit Ihrem Großvater?

Samir: Mein Großvater wurde noch auf der anderen Seite des iranisch-irakischen Grenzflusses Schatt al-Arab geboren, auf vormals iranischem Gebiet, im damaligen Emirat von Mohammerah. An diesem Punkt beginne ich unsere Familiengeschichte im Film zu erzählen. Mein Großvater wurde allein durch das Studium des islamischen Rechts in Nadschaf zu einem freiheitlichen Denker. Er kam zu dem Schluss, dass wir Freiheit und Demokratie brauchen und dass seine Kinder zu Neugier auf die Welt erzogen werden müssen und nicht indoktriniert werden dürften.

Ist das auch der Grund dafür, weshalb er sowie Ihre Verwandten, die ja offiziell Schiiten waren, in Mischehen eingingen?

Samir: Mein Großvater, der der neuen Mittelschichten angehörte, gab all seinen Kindern die Freiheit, zu heiraten wen sie wollten. Meine Tante heiratete einen Kurden, meine Cousine einen Christen, eine andere Tante einen Sunniten, mein Vater eine Christin. Aber zu jener Zeit war der religiöse Hintergrund kein Thema. Man fragte niemanden, welcher Konfession er oder sie angehörte. Diese intellektuelle Mittelschicht, sie sich nicht mehr in religiöser Hinsicht bevormunden ließ, umfasste in den 1950er Jahren bereits eine Million Menschen, bei einer Einwohnerzahl von rund fünf bis sechs Millionen Irakis.

Die Zeiten haben sich gründlich gewandelt. In der irakischen Hauptstadt mussten Sie sogar aus Sicherheitsgründen das Auto wechseln, um in einen anderen Stadtteil Bagdads zu gelangen.

Samir: Ich hatte Ende 2013 in Nadschaf recherchiert. Im Anschluss fuhren wir nach Bagdad, wo ich mich mit meiner Halbschwester und meinen Cousins und Cousinen verabredet hatte, die, obgleich schiitischen Hintergrunds, in einem überwiegend von Sunniten bewohnten, wohlhabenderen Stadtteil wohnen. Früher war fast ganz Bagdad konfessionell durchmischt, heute gibt es in der Hauptstadt nur noch zwei kleinere Distrikte.

Mein Fahrer, der aus Nadschaf stammte, war überaus nervös. Sichtlich in Panik meinte er: "Jetzt fahren wir gleich in ein sunnitisches Gebiet, wo die Checkpoints von Menschen besetzt sind, die etwas gegen uns Schiiten haben." Wir mussten dann anhalten und die Autoschilder wechseln. Zum Glück passierte nichts, doch diese Angst in den Köpfen ist nach wie vor sehr präsent im Land.

Filmplakat "Iraqi Odyssey" des Regissuers Samir
Die Schicksale der Mitglieder von Samirs irakischer Familie, Hauptakteure einer wahrhaften Odyssee und in der Diaspora lebend, geben die Möglichkeit, sich jenseits aller Klischees mit der Geschichte der arabischen Welt und dem Irak zu befassen. Voraussichtlich im März wird im Irak die Premiere des Films stattfinden.

Wie erklären Sie sich den Zerfall eines sozial gerechten und modernen Landes seit den 1950er und 60er Jahren?

Samir: Nun, mein Film stellt bestimmt keine soziologische Analyse dar. Erklärungen gibt es hierfür jedoch viele: Die Einmischung der Großmächte, die daran mitschuldig waren, begann bereits 1914. Die Engländer zogen damals in den Krieg gegen das Osmanische Reich, um sich die Ölquellen zu sichern. Damals kämpften sie vier Jahre lang, bis sie den Irak unter ihre Kontrolle gebracht hatten. Alles nur, weil die englische Kriegsflotte 1914 von Kohle auf Benzin umgestiegen war. Das Öl ist wirklich der Fluch des Irak.

Der Niedergang des Landes seit den 1950er Jahren hing aber auch mit der hausgemachten irakischen Politik zusammen. Das Land geriet im Kalten Krieg in die Frontlinie zwischen der Sowjetunion und den USA. Das wirkte bis in das Leben jedes einzelnen politischen Aktivisten. Und genau davon erzählt auch der Film am Beispiel meiner Familie, die sich in der kommunistischen Partei engagierte, obwohl sie eigentlich der Mittelklasse angehörte.

Wo fanden Sie die historischen Aufnahmen für Ihren Film?

Samir: Das war ein echtes Problem. Auf der Suche nach geeigneten historischen Bildern sind wir ins irakische Nationalarchiv gefahren. Der Direktor trank mit uns stundenlang Tee und sagte zum Schluss: "Am besten findet Ihr alles auf YouTube!"

Die früheren Aufnahmen vom Parteikongress der Baath-Partei, wo man wirklich sieht, was das für eine faschistisch-nazistisch inspirierte Organisation war – dieses Material habe ich tatsächlich auf YouTube gefunden. Auf diesem Parteikongress des Jahres 1979 übernahm Saddam Hussein die Alleinherrschaft und wollte alle in der Partei eliminieren, die ihm hätten gefährlich werden können.

In einer Filmsequenz sieht man Saddam Hussein eine Zigarre rauchend auf der Bühne sitzen...

Samir: …Er nimmt sogar ein Taschentuch zur Hand und tut so, als stimme ihn das alles traurig. Dann sieht man, wie die Leute aufgerufen und einer nach dem anderen aus dem Saal hinausgeführt werden. Draußen wurden sie dann exekutiert. Der Legende nach soll Saddam sie nach dem Parteikongress sogar persönlich erschossen haben. Doch diese schlimmen historischen Begebenheiten habe ich zum Glück in meinem Film immer wieder mit witzigen Erzählungen über meine Familie konterkariert.

Half Ihnen denn diese Ironie angesichts der oft schwierigen Dreharbeiten im Irak?

Samir: Die Herkunft meines Großvaters hat mir in Nadschaf tatsächlich geholfen. Er hatte nach dem Ende seines Studiums zu seinem Vater auf die iranische Seite des Grenzflusses zurückkehren wollen. Auf der Überfahrt, so will es die Familienlegende, wurde der Fährmann wütend, weil er so viele Jungs mit Turban kostenlos transportieren musste. Er jammerte: "Ich kann ja von denen nicht einmal mehr Geld verlangen für die Überfahrt!" Mein Großvater – das spricht für seinen Gerechtigkeitssinn – war so berührt, dass er in der Mitte des Flusses seinen Turban ins Wasser warf und dem Fährmann erklärte: "Sieh, jetzt bin ich kein islamischer Gelehrter mehr – und du musst mein Geld für die Überfahrt nehmen!" Er sollte nach diesem Vorfall nie mehr den Turban tragen und verzichtete fortan auch auf seine religiösen Privilegien.

Ihr Onkel Sabah floh nach dem Militärputsch von 1958 nach Moskau. Später gelang ihm die Flucht mit einem gefälschten Pass in den Westen…

Samir: Mein Onkel war unser Stehaufmännchen. Er schaffte es tatsächlich, mit einem gefälschten Pass von Moskau nach Westdeutschland zu gelangen. Er wurde später sogar im Militärkrankenhaus der Amerikaner in Frankfurt als Augenarzt angestellt, bis dann das FBI auf den Gedanken kam‚ er könnte Kommunist sein, und ihn schließlich rausschmiss.

Warum kehrte Ihr Vater, der mit einer Schweizerin verheiratet war, zurück in den Irak?

Samir: Mein Vater versuchte sich im Land seiner Frau stets perfekt anzupassen und zu integrieren. Doch das gelang ihm nicht. So entschied er sich Ende der 1970er Jahre zurückzukehren. Diesen Fehler musste er mit dem Leben bezahlen – er starb im Iran-Irak-Krieg. Ich war natürlich erstaunt, als ich erfuhr, dass er beabsichtigte in die Diktatur zurückzukehren. Da sagte er mir: "Ich bin so lange hier in der Schweiz, aber ich habe bis heute noch keinen einzigen Freund unter den Schweizern – nur Italiener, Deutsche, Spanier und Inder."

Das Interview führte Igal Avidan.

© Qantara.de 2015

Der Filmemacher Samir wurde 1955 in Bagdad geboren. Er zog in den  1960er Jahren mit seiner Familie in die Schweiz und absolvierte dort nach seinem  Studium an der Zürcher Hochschule der Künste eine Ausbildung zum Schriftsetzer. Seit den frühen 1980er Jahren arbeitet er als Kameramann, Autor und Regisseur. 1994 übernahm Samir mit Filmemacher Werner Schweizer und Produzentin Karin Koch die "Dschoint Ventschr Filmproduktion", die sich auf die Förderung junger Schweizer Talente  konzentriert. Sein Werk umfasst mehr als 40 Kurz- und Langfilme.

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