Interview mit dem Ex-DITIB-Vorsitzenden Yilmaz Kilic

"Jetzt mussten wir Stopp sagen"

Der Moscheeverband DITIB steht seit Langem in der Kritik. Nun ist der gesamte Vorstand des Landesverbandes Niedersachsen und Bremen zurückgetreten. Im Interview mit Hülya Topcu erläutert der Ex-Vorsitzende Yilmaz Kilic die Gründe.

Herr Kilic, nicht nur Sie als Vorsitzender der DITIB in Niedersachsen und Bremen haben Ihr Amt niedergelegt. Der gesamte Vorstand des Landesverbandes ist geschlossen zurückgetreten. Wie ist es dazu gekommen?

Yilmaz Kilic: Neben dem Landesvorstand sind auch die Vorsitzenden der Frauen-, Jugend- und Elterngruppe im Landesverband Niedersachsen und Bremen zurückgetreten. In der Vergangenheit habe ich schon mehrmals zur Sprache gebracht, dass ich mit der Entwicklung der DITIB unzufrieden bin. Sowohl gegenüber der Zentrale in Köln als auch gegenüber Ankara habe ich deutlich gemacht, dass sich unsere Struktur und unsere Arbeit den heutigen Bedürfnissen der hier lebenden Menschen anpassen müssen.

Bei unserer letzten Vereinssitzung am 29. Januar 2017 hat der damalige Attaché für religiöse Angelegenheiten des türkischen Generalkonsulats in Hannover alles in seiner Macht stehende getan, damit wir nicht gewählt wurden. Er schmiedete Intrigen und schlug andere Kandidaten vor. Trotzdem oder auch gerade deshalb wurden wir wiedergewählt. Doch das Vertrauen zwischen uns war zerstört. Und so fingen die Verleumdungen an. Man reichte Beschwerde in der Türkei ein. Wir haben das alles in einem Bericht festgehalten und an die Zentrale der DITIB in Köln und auch nach Ankara weitergegeben. Doch es kam nicht zu dem Ergebnis, das wir uns eigentlich erhofft haben. Also dachten wir uns: Wenn schon die Zentrale uns nicht vertraut, können wir auch gleich aufhören - was wir dann auch taten.

Welche Probleme hatten Sie mit dem Religionsattaché im Hannoveraner Generalkonsulat?

Kilic: Das Problem war der Attaché an sich. Früher hatte die DITIB keine Organisationseinheiten in den verschiedenen Bundesländern. Alles wurde vom jeweiligen Religionsattaché organisiert. Das änderte sich vor knapp vier Jahren. Jetzt haben wir Landesverbände, die in den einzelnen Bundesländern aktiv sind. Sie sind in ständigem Austausch mit den Deutschen. Das gefällt unserem Attaché nicht. Das gilt nicht nur für Niedersachsen und Hannover. Die anderen Bundesländer haben mit ihren Attachés ähnliche Probleme.

Wir können dem Attaché nicht täglich über unsere Arbeit Bericht erstatten. Er kann als religiöse Autorität gerne zu uns kommen und an unseren Aktivitäten teilnehmen. Aber ein türkischer Religionsattaché darf sich nicht in unsere inneren Angelegenheiten einmischen. Andernfalls distanzieren sich die Landesverbände von ihm. Als religiöse Autorität sollte er sich selbstverständlich für die Verhandlungen zwischen der DITIB in den Bundesländern und den Deutschen interessieren. Wenn er sich aber einmischt, gibt es Ärger. Unser Attaché hat das immer wieder gemacht und wir haben das lange stillschweigend hingenommen. Aber jetzt mussten wir "Stopp" sagen.

Deutsche und türkische Fahne neben dem Banner der Ditib an der Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld; Foto: DW
Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion, kurz DITIB, ist für mehr als 900 Moscheen in Deutschland zuständig. Unter anderem die Nähe zum türkischen Ministerium für Religiöse Angelegenheiten (Diyanet) sorgt seit Langem in Deutschland für Unmut. In der Vergangenheit sollen einige aus der Türkei entsandte DITIB-Imame Gemeindemitglieder ausspioniert haben, die angeblich der Gülen-Bewegung nahestehen. Die Kritik aus Deutschland ließ nicht lange auf sich warten. Forderungen wurden laut, die DITIB vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen. Mit dem Rücktritt des DITIB-Vorstands des Landesverbandes Niedersachsen und Bremen steht das Vorgehen des Moscheenverbandes und dessen Nähe zur türkischen Regierung erneut im Fokus.

Wie hat die DITIB-Zentrale in Köln auf ihre Vorschläge, die Struktur und die Organisation zu erneuern, und auf ihre Auseinandersetzung mit dem Attaché reagiert?

Kilic: Die Zentrale in Köln ist sehr bürokratisch. Immer wieder kam dir Antwort: "Wir schauen uns das an, wir werden das analysieren, wir finden schon eine Lösung". Doch noch immer gibt es keine Stellungnahme von der Zentrale bezüglich unseres Rücktritts. Ich nehme an, sie denken, "am besten wir stecken unseren Kopf in den Sand, dann wird das schon alles an uns vorüber gehen". Ich war der Vorsitzende einer der größten DITIB-Organisationen auf Landesebene. Wir haben auch Lösungsvorschläge gemacht, aber niemand hat unsere Vorschläge ernst genommen. Die Situation in Köln hat begonnen, unserem Verein und unserer Gemeinde zu schaden.

Woran liegt das? Warum akzeptiert die DITIB-Zentrale nicht Ihren Wunsch nach Erneuerung und Reformen? Welchen Einfluss hat die türkische Regierung?

Kilic: Über Ankara kann ich nichts sagen. Mein Ansprechpartner ist die Zentrale in Köln. Und die steht Veränderungen leider distanziert gegenüber. Sie wollen vermutlich nicht ihre Macht aus den Händen geben. Niedersachsen war nicht das einzige Bundesland, das der DITIB-Zentrale Veränderungen vorgeschlagen hat. Die Deutschen erwarten seit Jahren Veränderungen von uns. Diese Erwartungen sind auch nicht besonders hoch. Diese Veränderungen sind für uns als religiöse Gemeinde notwendig. Aber die Zentrale ist in diesem Punkt nicht aufgeschlossen.

Diyanet-Präsident Mehmet Görmez in Ankara; Foto: picture-alliance/dpa
Alles unter Kontrolle der "Diyanet": Der ehemalige Ditib-Landeschef Yilmaz Kilic hatte nach eigener Aussage seit Jahren einen Kurs der Unabhängigkeit von der türkischen Religionsbehörde gefahren. Der Ditib-Bundesverband und die türkische Religionsbehörde Diyanet hätten jedoch wiederholt versucht, auf seinen Verband Einfluss zu nehmen. In Deutschland gelten die zahlreichen Imame in den Moscheen der Türkisch-Islamischen Union Ditib, die von der türkischen Religionsbehörde Diyanet entsandt und bezahlt werden, als äußerst problematisch.

Das Problem ist Folgendes: Zwischen den Menschen, die aus der Türkei für einen begrenzten Zeitraum hierherkommen und den Türken in Deutschland gibt es Unterschiede. Nur Türken, die hier sozialisiert sind, können die Menschen, die hier leben, verstehen. Natürlich gibt es einige herausragende Leute unter den Geistlichen, den Hodschas, die aus der Türkei zu uns kommen. Und was das Wissen über islamische Theologie angeht, sind die unglaublich gut. Aber Deutschland ist ihnen fremd. Wenn sie Deutschland nicht kennen, können sie hier auch nicht tätig werden. Und wenn Sie es dennoch tun, dann gibt es nur Stress.

Die Kritik an der DITIB hat zugenommen. Deutsche Politiker rufen die DITIB dazu auf, ihre Verbindungen zur türkischen Regierung zu kappen. Was denken Sie über diese Kritik?

Kilic: Zu den Beziehungen zwischen der DITIB und der Türkei kann ich nichts sagen. Das Thema ist zu groß. Darüber muss sich die Zentrale in Köln ihre eigenen Gedanken machen. Ich denke, dass unser Verhältnis zu dem Minister für Religiöse Angelegenheiten in der Türkei intensiviert werden muss. Denn uns fehlt das theologische Fachwissen. Dieses Wissen brauchen wir hier. Wir können hier nicht von einem Tag auf den anderen die ganze Arbeit alleine leisten. Bis wir hier unsere Geistlichen und Imame ausgebildet haben, brauchen wir weiterhin Imame aus der Türkei.

Wir müssen uns sobald wie möglich mit den Verwaltungen auf Landesebene verständigen und in den hiesigen Universitäten, unter unserer Aufsicht, Imame ausbilden. Diese können dann nach fünf oder zehn Jahren in unseren Moscheen ihre Arbeit aufnehmen. DITIB sollte sich aus der Politik raushalten. Als religiöse Gemeinde sollten wir Ansprechpartner für alle sein. Denn es gibt auch außerhalb der Türkei Muslime. Sie alle muss DITIB erreichen. Aber das hat die Zentrale leider nicht verstanden.

Das Interview führte Hülya Topcu.

© Deutsche Welle 2018

Yilmaz Kilic ist Geschäftsmann und war bis zu seinem Rücktritt am vergangenen Wochenende sieben Jahre Vorsitzender des DITIB-Landesverbandes Niedersachsen und Bremen. DITIB ist in beiden Bundesländern der größte Islamverband und vertritt dort mit 85 Gemeinden etwa 160.000 Muslime.

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