Interview mit dem Anthropologen Dieter Haller

Tanger - vom Ende einer kosmopolitischen Ära

Vor zwei Jahren erschien die Studie "Tanger, der Hafen, die Geister, die Lust. Eine Ethnographie" des deutschen Anthropologen Dieter Haller. Die Journalistin Karima Ahdad sprach mit dem Forscher über den historischen Wandel der Stadt und den Konflikt zwischen Einheimischen und Zugezogenen.

Herr Haller, inwiefern hat sich Tanger in den zwei Jahren seit dem Erscheinen ihres Buches verändert?

Dieter Haller: Man kann zwei Ebenen unterscheiden, auf denen sich ein Wandel vollzogen hat – zum einen kulturell und zum anderen politisch. Einerseits finde ich, dass konservative Einstellungen mittlerweile viel prominenter geworden sind. Als ich vor zwei Jahren in Tanger war, gab es nicht viele schwarzgekleidete, vollverschleierte Frauen auf der Straße. Jetzt sieht man sie überall. Schon damals hegten ja viele Menschen den Wunsch, ein konservativeres Leben zu führen. Offensichtlich wurde das nun in die Tat umgesetzt.

Andererseits zeigt sich der Wandel auch inpunkto Architektur und Städtebau, der Hafengegend und an den Stränden. Mittlerweile sind Attraktionen wie die "Tanja Marina Bay" und die Corniche entstanden. Ich denke, dass die Stadt langsam aber sicher einer Teilung entgegensteuert. Mir ist zum Beispiel aufgefallen, dass die Nachtclubs, die früher ganz selbstverständlich zum Stadtbild gehörten, mittlerweile an eher versteckten Orten zu finden sind - weit weg von den Augen der Fußgänger.

Und es wird viel investiert, um die Stadt aufzuhübschen. Auch die Einwohner sind darauf bedacht, ihre Viertel sauber und in Stand zu halten, oder sie durch Begrünung und andere Maßnahmen zu verschönern. Das alles erinnert mich an Italien in den 1960er Jahren. Damals wurde die Gesellschaft dort konsumorientierter, gleichzeitig aber auch konservativer.

Buchcover "Tanger, der Hafen, die Geister, die Lust. Eine Ethnographie" von Dieter Haller; Quelle: Transcript Verlag
Im Mittelpunkt des Buches stehen die Bewohner der Stadt: Wie gehen sie mit den Veränderungen um und wie erinnern sie sich an die kosmopolitische Vergangenheit? Welche Rolle spielen dabei die Geistwesen, welche die Trancebruderschaften?

Warum haben Sie sich gerade Tanger als Gegenstand ihrer Studie ausgesucht? Wieso ist Ihre Wahl nicht auf eine andere Stadt in Marokko, oder auch in einem anderen Land des Maghreb gefallen?

Haller: Zum einen hatte es fachliche Gründe. Ich hatte Anfang der 1980er Jahre bereits eine Studie in Spanien gemacht und dann in Gibraltar geforscht. Insbesondere dort sprachen alle über die Grenze, Tanger und Marokko. Einerseits fand ich, dass es wichtig wäre, mehr über diese Stadt und die Beziehungen zu erfahren, die beide Seiten auf verschiedensten Ebenen verbinden. Andererseits lernte ich Tanger durch die Werke der europäischen Schriftsteller als Mythos kennen. Auch das hat mich angetrieben, die Stadt genauer zu erforschen.

In Gibraltar leben Menschen verschiedenster Religionen eng zusammen. In meinen Gesprächen dort erzählten sie mir immer wieder, dass auch Tanger früher für das Zusammenleben von Muslimen, Juden und Christen bekannt war. Und für mich war das sehr bedeutsam, denn ich habe noch nie an so etwas wie eine homogene Identität und die fein säuberliche Trennung der Religionen geglaubt.

Als Anthropologe sind mir nicht die ideologischen Diskurse wichtig. Was zählt, ist die alltägliche Praxis der Menschen und wie sie leben.

In einem anderen Interview sprachen Sie von einer "Sünde", die Sie im Zusammenhang mit der Nostalgie begangen hätten – also jener verklärenden Sehnsucht, die das Bild der Europäer von Tanger prägt und so anziehend für sie macht. Können Sie genauer erklären, was Sie damit meinen?

Haller: Diese nostalgische Sehnsucht hängt mit der Faszination für das Zusammenleben der Kulturen und Religionen zusammen. Als mir in Gibraltar erzählt wurde, dass auch Tanger einst eine Stadt der Koexistenz war, wurde diese Sehnsucht in mir angesprochen. Städte mit einer solchen Geschichte haben eine große Anziehungskraft auf mich. Insofern war es für mich schwierig, mich während meiner Forschung von der Geschichte und dem Blick der Europäer auf die Stadt freizumachen.

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