Das Regime heizt regionale Gegensätze an

Welches sind die größten Hindernisse auf dem Weg zur Demokratisierung Algeriens?

Arkam: Die Armee muss sich dem Willen des Volkes beugen und ihre Macht an zivile Autoritäten abgeben. Das Regime muss die Unterdrückung politischer Gegner sofort beenden. Außerdem ist die bedingungslose Freilassung all jener, die aus Gewissensgründen im Gefängnis sitzen, wesentlich für jeden Fortschritt.

Hinzu kommt: Das algerische Regime hat jahrelang alles getan, um Misstrauen in den Herzen der Menschen zu säen und die Gesellschaft ethnisch zu entzweien. Anstatt in den Aufbau einer Nation zu investieren, hat die herrschende Elite dafür gesorgt, das Stammesdenken aufrechtzuerhalten. „Spalte, um besser herrschen zu können“, lautete das Leitmotiv. Das macht die Gegensätze zwischen den einzelnen Regionen zu einer der größten Hürden für die Demokratisierung.

 

 

In der Protestbewegung sind die Algerier aber ungeachtet ihrer regionalen Unterschiede zusammengekommen…

Arkam: Ja, und deshalb malt das Regime jetzt erneut das Schreckgespenst des inneren Feindes an die Wand, indem es die Kabylei stigmatisiert. Da in dieser Region seit Jahren häufig protestiert wird, beschuldigt es die Kabylen, die Quelle allen Übels zu sein.

Was sollte sich innerhalb des "Hirak" ändern?

Arkam: Der "Hirak" braucht eine Führungspersönlichkeit mit einer starken demokratischen Opposition hinter sich, die die Schwächen des Regimes genau kennt, um dieses System radikal zu verändern oder es aufzulösen. Denn trotz seiner scheinbaren Stärke weist dieses diktatorische Regime Schwächen auf, wie etwa institutionelle Ineffizienz und persönliche Rivalitäten. Mit der Zeit könnten diese Schwächen dazu führen, das Regime anfälliger für Veränderungen zu machen.

Wie kommt es, dass sich die Welt nicht für die algerische „Revolution des Lächelns“, wie Sie sie nennen, zu interessieren scheint – anders als etwa für Bürgerproteste in Hongkong oder Belarus?

Arkam: Mächtige Staaten sorgen sich vor einer Destabilisierung des algerischen Regimes und insbesondere wohl vor Migrationsströmen, die darauffolgen könnten. Hinzu kommt: Für Europa ist es sehr viel leichter, eigene wirtschaftliche Interessen durchzusetzen, wenn man es mit einem Regime zu tun hat, dem es an Legitimität mangelt. Das ist günstiger als eine Regierung, die gegenüber dem Volk rechenschaftspflichtig ist.

Was in Algerien geschieht, hat direkte Auswirkungen auf den gesamten Maghreb, den Mittelmeerraum und die Sahelzone. Das algerische Regime glaubt nicht an den Wandel, es weigert sich, auf das Volk zu hören. Algerierinnen und Algerier werden daher die Unterstützung aller fortschrittlichen und revolutionären Kräfte der Welt brauchen.

Würden Sie angesichts der Ignoranz im Westen von einer vergessenen Revolution sprechen?

Arkam: Eine militärisch-oligarchische Elite hat dem algerischen Volk seine Freiheit und Unabhängigkeit gestohlen. Sie unterdrückt das Volk seit Jahrzehnten und sorgt dafür, dass die Algerierinnen und Algerier verarmen. Aber diese Revolution wird nicht in Vergessenheit geraten, denn sie hat ein Band der Brüderlichkeit zwischen den Menschen geknüpft, das durch Debatten auf den Straßen, auf öffentlichen Plätzen und in den sozialen Netzwerken gefestigt wurde. Und: Vergessene Revolutionen tendieren dazu, zurückzukehren.

Interview: Elisa Rheinheimer-Chabbi

© Qantara.de 2021

Rabah Arkam ist ein berberisch-algerischer Menschenrechtsaktivist und Ingenieur, der heute in den USA lebt. Er stammt aus der Region Kabylei.

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