Die Strategie des Verschweigens hat ausgedient

Aber selbst die progressivsten muslimischen Länder verfügen über institutionalisierte Fatwa-Räte, was viele Menschen gutheißen. Andernfalls würde die Ausstellung von Fatwas in einem unkontrollierbaren Chaos münden, oder etwa nicht?

Djabelkhir: Das stimmt, die Fatwa ist eine traditionelle Einrichtung. Meiner Auffassung nach als wissenschaftlicher Experte geht die Ära der Fatwa aber zu Ende. Wir brauchen ausgebildete wissenschaftliche Experten, die ratsuchenden Muslimen fundierte, umfassende Informationen und Analysen bereitstellen, ohne den Menschen irgendwelche Aspekte vorzuenthalten. Die Gläubigen können auf dieser Grundlage dann selbst entscheiden. Einige Gelehrte mögen sich an meinen Ausführungen zu den historischen Hintergründen des Fastens gestört haben. Aber diese Strategie des Verschweigens, der bewussten Zurückhaltung von Informationen hat ausgedient. Es ist heutzutage ohnehin alles im Internet nachzulesen.

 

Ebenfalls viel Aufsehen erregt hat Ihr Aufruf, Musikkonzerte in Moscheen zu veranstalten.

Djabelkhir: Alles was ich gesagt habe, war: "Ich wünsche mir, dass mehr Moscheen aus überkommenen Mustern ausbrechen“. Wussten Sie, dass einige Moscheen in der algerischen Region Kabylei Theater- und Kinoaufführungen außerhalb der Gebetszeiten in ihren Räumen anbieten? Andere Moscheen könnten diesem Beispiel folgen und als Kulturzentren auch Räume für Kunst werden.

Aber manche Gelehrte sind damit nicht einverstanden. Sie sind der Auffassung, dass eine solche Nutzung gegen islamische Grundsätze verstößt.

Djabelkhir: Bei Musik gehen die Meinungen auseinander. Einige Gelehrte sind mit Musikdarbietungen in einer  Moschee einverstanden, so wie bereits im 11. Jahrhundert Ibn Hazm, der alle religiösen Überlieferungen (Hadithe) ablehnt, die Musik verbieten und al-Ghazali. Ich persönlich kann kein Verbot von Musik in den Texten erkennen. Wenn Musik halal (erlaubt) ist, warum sollte man sie dann nicht auch in Moscheen spielen?

Sie sagen, die Angriffe gegen Sie kommen vor allem von Anhängern des salafistisch-wahhabitischen Spektrums. Beide Strömungen waren der religiösen Tradition in Algerien früher fremd.

Djabelkhir: So ist es. Der Wahhabismus in Algerien ist ein importiertes Phänomen - das müssen wir uns klarmachen. Nach Angaben historischer Quellen fand er seit den 1920er Jahren hier Einzug.

Einfluss des Wahhabismus in Algerien

Nun gut, welche religiöse Strömung dominiert denn nun in Algerien?

Djabelkhir: Der Wahhabismus ist in den algerischen Medien äußerst dominant, viele TV-Sender und Websites, die zur öffentlichen Meinungsbildung beitragen, sind wahhabitisch orientiert. Die algerische Bevölkerung ist insgesamt eher konservativ, aber nicht wahhabitisch. Durch diese Fernsehsender ist sie jedoch stark einem wahhabitischem Einfluss ausgesetzt.

Die Klage gegen Sie wurde von einer politischen Partei erhoben, nicht etwa von der Staatsanwaltschaft. Könnte das einen Präzedenzfall schaffen, der es Bürgerinnen und Bürgern künftig erlaubt, Religionsgelehrte und Wissenschaftler vor Gericht zu bringen?

Djabelkhir: Dieser Fall öffnet einer verheerenden Entwicklung Tür und Tor. Jeder, der sich an der Meinung eines Experten stößt, kann sich dann aufmachen und eine Klage gegen ihn einreichen. Wo kommen wir denn da hin? Wenn wir so weitermachen, wird die Justiz zu einem Raum, in dem statt der Beilegung von Rechtsstreitigkeiten im Interesse der Bürgerinnen und Bürger kontroverse Ideen verhandelt werden. Der intellektuelle Diskurs gehört in die Medien, in die Universitäten, in kulturelle Einrichtungen, aber doch nicht in die Gerichtssäle.

 

Befürchten Sie ein Erstarken der religiösen Hardliner nach den Massenprotesten der algerischen Hirak-Bewegung? Auch in anderen Ländern, etwa in Tunesien, gab es nach den revolutionären Protestbewegungen einen Aufschwung radikaler, salafistischer Strömungen.

Djabelkhir: Ja, das befürchte ich, sowohl als Wissenschaftler wie auch als algerischer Bürger. Unter Präsident Abdelaziz Bouteflika (1999 - 2019) haben sich die extremistischen Tendenzen im Land verstärkt. Das Phänomen begann bereits zur Amtszeit von Chadli Bendjedid (1979 - 1992) um sich zu greifen. Er holte die Muslimbruderschaft aus dem Mashreq (Osten) ins Land und ließ es zu, dass ihre Ideologie seit den frühen 1980er Jahren über die Kanzeln der Universitäten in Algerien Einzug hielt. Wirklich Fuß fassen konnte diese Strömung allerdings erst unter Bouteflika.

Sie sind ein scharfer Kritiker angesehener Werke der islamischen Jurisprudenz (Fiqh), insbesondere der Hadith-Sammlungen "Sahih al-Buchari“ und "Sahih Muslim“. Sie kritisieren, diese würden viele schwache, inkonsistente Überlieferungen (Hadithe) enthalten, obwohl die Sammlungen in der islamischen Tradition einen hohen Stellenwert genießen. Wie kommen Sie zu Ihrem Urteil?

Djabelkhir: Es bedarf einer kritischen Revision unseres gesamten religiösen Kanons – ich plädiere für ein Umdenken, eine neue Lesart der überlieferten Texte, der etablierten Narrative, der Hadith-Sammlungen, der Korankommentare. Viele Texte sind nicht mehr akzeptabel, weil sie in Widerspruch zu Logik, Vernunft und Wissenschaft stehen. Sie gehen an der heutigen Lebensrealität vorbei und stehen im Gegensatz zu den humanistischen, zivilisatorischen Werten, die die Welt und die Menschheit heute verbinden.

Muslime können nicht in Einklang und Frieden mit dem nicht-muslimischen Teil der Welt leben, solange sie krampfhaft in alten Traditionen verhaftet bleiben und sich weigern, Altes neu zu denken. Wenn wir uns beispielsweise das Werk "Sahih al-Buchari“ ansehen, dann gibt es darin zahlreiche Hadithe, die heutzutage absolut inakzeptabel wären, für Muslime wie Nicht-Muslime gleichermaßen.

Wir müssen uns ohne Scheu vor Veränderung dieser Dinge annehmen. Wir müssen neue Lesarten entwickeln, um in Einklang mit unserer modernen Lebenswelt zu kommen und nicht in beständigem Widerspruch zu anderen Gesellschaften zu leben.

Das Interview führte Ismail Azzam.

© Qantara.de 2021

Aus dem Arabischen übersetzt von Rowena Richter

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