Der algerische Islamwissenschaftler Said Djabelkhir; Foto Ryad Kramdi/AFP
Interview mit dem algerischen Islamwissenschaftler Said Djabelkhir

Das islamische Recht neu denken

Der algerische Islamwissenschaftler Said Djabelkhir wurde wegen "Beleidigung des Islam“ zu drei Jahren Haft verurteilt. Er selbst weist die Vorwürfe entschieden zurück und verweist auf seine Perspektive als Wissenschaftler. Im Interview mit Ismail Assam spricht er sich dafür aus, den gesamten religiösen Kanon einer kritischen Revision zu unterziehen.

Ein algerisches Gericht hat Sie zu drei Jahren Haft verurteilt. Können Sie das Urteil erläutern?

Said Djabelkhir: Für eine juristische Einordnung des Urteils fehlt mir die fachliche Kompetenz. Ich persönlich war aber sehr überrascht von seiner Härte. Im Wortlaut des Urteils finden sich keine expliziten Ausführungen zum Strafvollzug. Das Urteil ist zwar bereits in Kraft getreten, allerdings ohne konkrete Haftanweisung. Deswegen befinde ich mich aktuell auf freiem Fuß und bereite mit meiner Verteidigung die Revision gegen das Urteil vor.

Viele Ihrer Positionen haben in der Vergangenheit zu scharfen Kontroversen geführt. Die Hadsch-Pilgerfahrt sei ein heidnisches Ritual und ob jemand im Ramadan fasten will, sei eine persönliche Entscheidung. Für Aussagen wie diese werden Sie von Ihren Gegnern der Blasphemie bezichtigt. Wie sehen Sie das?

Djabelkhir: Die Kläger und ihre Anwälte drehen mir die Worte im Mund um. Sie halten sich nicht bei dem auf, was ich tatsächlich sage, sondern verdrehen einzelne meiner Aussagen und verlieren sich in Spekulationen über meine vermeintliche Intention. Was die Hadsch angeht, so habe ich aus historischer Perspektive darüber gesprochen: Die Hadsch ist ein Ritual, dessen Ursprünge bis in die vorislamische Zeit reichen. Ähnlich verhält es sich mit einzelnen Teilen des Rituals, wie etwa dem Lauf zwischen den Hügeln as-Safa und al-Marwa, der bereits in heidnischem Kontext praktiziert wurde. Auch die zweite Koransure Al-Baqara (Die Kuh) in Vers 158 und die 22. Sure Al-Hadsch (Die Pilgerfahrt) in Vers 67, sowie verschiedene Korankommentare greifen diese Fragestellung auf.

Ich erzähle hier also nichts Neues - viele vor mir haben diesen Zusammenhang bereits beschrieben. Im Fall des Laufes zwischen den Hügeln as-Safa und al-Marwa äußerten die Gläubigen gegenüber dem Propheten Mohammed zunächst Bedenken, sie zögerten, diesen Brauch in die muslimische Tradition aufzunehmen, weil sie ihn bereits vor dem Islam praktiziert hätten. Der Prophet selbst betete vor der Hidschra (dem Auszug aus Mekka nach Medina) in der Kaaba, dem zentralen Heiligtum der Muslime, in der sich bis zum Tag der Eroberung Mekkas (629 n.Chr.) noch heidnische Götzenbilder befanden.

 

Fasten ist eine freiwillige Entscheiduing

Was das Fasten betrifft, so wurde ich in einer Fernseh-Show auf ein paar Jugendliche angesprochen, die sich während des Ramadan nicht regelkonform verhalten hatten und daraufhin Probleme mit den Sicherheitsbehörden bekamen. Meine Antwort darauf war, dass das Fasten in der Frühzeit des Islam auf freiwilliger Basis praktiziert wurde. Eine verbreitete Auslegung des Verses 184 der Sure Al-Baqara (Die Kuh) bestätigt dies. Ausnahmslos alle Interpretationen kommen zu dem Schluss, dass die Gefährten des Propheten im Ramadan freiwillig fasteten. Wer sich gegen das Fasten entschied und keine legitime (Scharia-konforme) Begründung vorbringen konnte, war dazu angehalten, eine Fidya (Ausgleichszahlung) zu leisten.

Hat das etwas mit der Fatwa zu tun, die Sie erlassen haben?

Djabelkhir: Keineswegs. Ich bin nicht dazu befugt, Fatwas zu erlassen, dazu bedarf es einer offiziellen Legitimation. Die Menschen behandeln meine Aussagen so, als hätte ich eine Fatwa ausgesprochen - nichts läge mir ferner. Ich habe mich lediglich aus historischer Perspektive zum Ritual des Fastens geäußert. Ich persönlich glaube auch nicht an das Instrument Fatwa und ihre rechtliche Herleitung. Wenn ich über Fragen des islamischen Rechts spreche, dann aus der Sicht eines Wissenschaftlers, eines Scharia-Experten, während meine Widersacher und ihre Anwälte keine wissenschaftliche Qualifikation auf diesem Gebiet mitbringen.

Warum lehnen Sie die Logik der Fatwas ab?

Djabelkhir: Die Fatwa zwingt den Menschen eine Art religiöse Vormundschaft auf. Wir sollten das anders gestalten. Es sollte beratende Experten geben, die sich auf ihrem Gebiet auskennen und darauf basierend Analysen und Informationen liefern – die Muslime sollen dann mit gesundem Menschenverstand wählen, was für sie richtig ist. Es gibt übrigens sogar Stimmen, die nur Gott allein das Recht zusprechen, Fatwas zu erlassen.

Die Strategie des Verschweigens hat ausgedient

Aber selbst die progressivsten muslimischen Länder verfügen über institutionalisierte Fatwa-Räte, was viele Menschen gutheißen. Andernfalls würde die Ausstellung von Fatwas in einem unkontrollierbaren Chaos münden, oder etwa nicht?

Djabelkhir: Das stimmt, die Fatwa ist eine traditionelle Einrichtung. Meiner Auffassung nach als wissenschaftlicher Experte geht die Ära der Fatwa aber zu Ende. Wir brauchen ausgebildete wissenschaftliche Experten, die ratsuchenden Muslimen fundierte, umfassende Informationen und Analysen bereitstellen, ohne den Menschen irgendwelche Aspekte vorzuenthalten. Die Gläubigen können auf dieser Grundlage dann selbst entscheiden. Einige Gelehrte mögen sich an meinen Ausführungen zu den historischen Hintergründen des Fastens gestört haben. Aber diese Strategie des Verschweigens, der bewussten Zurückhaltung von Informationen hat ausgedient. Es ist heutzutage ohnehin alles im Internet nachzulesen.

 

Ebenfalls viel Aufsehen erregt hat Ihr Aufruf, Musikkonzerte in Moscheen zu veranstalten.

Djabelkhir: Alles was ich gesagt habe, war: "Ich wünsche mir, dass mehr Moscheen aus überkommenen Mustern ausbrechen“. Wussten Sie, dass einige Moscheen in der algerischen Region Kabylei Theater- und Kinoaufführungen außerhalb der Gebetszeiten in ihren Räumen anbieten? Andere Moscheen könnten diesem Beispiel folgen und als Kulturzentren auch Räume für Kunst werden.

Aber manche Gelehrte sind damit nicht einverstanden. Sie sind der Auffassung, dass eine solche Nutzung gegen islamische Grundsätze verstößt.

Djabelkhir: Bei Musik gehen die Meinungen auseinander. Einige Gelehrte sind mit Musikdarbietungen in einer  Moschee einverstanden, so wie bereits im 11. Jahrhundert Ibn Hazm, der alle religiösen Überlieferungen (Hadithe) ablehnt, die Musik verbieten und al-Ghazali. Ich persönlich kann kein Verbot von Musik in den Texten erkennen. Wenn Musik halal (erlaubt) ist, warum sollte man sie dann nicht auch in Moscheen spielen?

Sie sagen, die Angriffe gegen Sie kommen vor allem von Anhängern des salafistisch-wahhabitischen Spektrums. Beide Strömungen waren der religiösen Tradition in Algerien früher fremd.

Djabelkhir: So ist es. Der Wahhabismus in Algerien ist ein importiertes Phänomen - das müssen wir uns klarmachen. Nach Angaben historischer Quellen fand er seit den 1920er Jahren hier Einzug.

Einfluss des Wahhabismus in Algerien

Nun gut, welche religiöse Strömung dominiert denn nun in Algerien?

Djabelkhir: Der Wahhabismus ist in den algerischen Medien äußerst dominant, viele TV-Sender und Websites, die zur öffentlichen Meinungsbildung beitragen, sind wahhabitisch orientiert. Die algerische Bevölkerung ist insgesamt eher konservativ, aber nicht wahhabitisch. Durch diese Fernsehsender ist sie jedoch stark einem wahhabitischem Einfluss ausgesetzt.

Die Klage gegen Sie wurde von einer politischen Partei erhoben, nicht etwa von der Staatsanwaltschaft. Könnte das einen Präzedenzfall schaffen, der es Bürgerinnen und Bürgern künftig erlaubt, Religionsgelehrte und Wissenschaftler vor Gericht zu bringen?

Djabelkhir: Dieser Fall öffnet einer verheerenden Entwicklung Tür und Tor. Jeder, der sich an der Meinung eines Experten stößt, kann sich dann aufmachen und eine Klage gegen ihn einreichen. Wo kommen wir denn da hin? Wenn wir so weitermachen, wird die Justiz zu einem Raum, in dem statt der Beilegung von Rechtsstreitigkeiten im Interesse der Bürgerinnen und Bürger kontroverse Ideen verhandelt werden. Der intellektuelle Diskurs gehört in die Medien, in die Universitäten, in kulturelle Einrichtungen, aber doch nicht in die Gerichtssäle.

 

Befürchten Sie ein Erstarken der religiösen Hardliner nach den Massenprotesten der algerischen Hirak-Bewegung? Auch in anderen Ländern, etwa in Tunesien, gab es nach den revolutionären Protestbewegungen einen Aufschwung radikaler, salafistischer Strömungen.

Djabelkhir: Ja, das befürchte ich, sowohl als Wissenschaftler wie auch als algerischer Bürger. Unter Präsident Abdelaziz Bouteflika (1999 - 2019) haben sich die extremistischen Tendenzen im Land verstärkt. Das Phänomen begann bereits zur Amtszeit von Chadli Bendjedid (1979 - 1992) um sich zu greifen. Er holte die Muslimbruderschaft aus dem Mashreq (Osten) ins Land und ließ es zu, dass ihre Ideologie seit den frühen 1980er Jahren über die Kanzeln der Universitäten in Algerien Einzug hielt. Wirklich Fuß fassen konnte diese Strömung allerdings erst unter Bouteflika.

Sie sind ein scharfer Kritiker angesehener Werke der islamischen Jurisprudenz (Fiqh), insbesondere der Hadith-Sammlungen "Sahih al-Buchari“ und "Sahih Muslim“. Sie kritisieren, diese würden viele schwache, inkonsistente Überlieferungen (Hadithe) enthalten, obwohl die Sammlungen in der islamischen Tradition einen hohen Stellenwert genießen. Wie kommen Sie zu Ihrem Urteil?

Djabelkhir: Es bedarf einer kritischen Revision unseres gesamten religiösen Kanons – ich plädiere für ein Umdenken, eine neue Lesart der überlieferten Texte, der etablierten Narrative, der Hadith-Sammlungen, der Korankommentare. Viele Texte sind nicht mehr akzeptabel, weil sie in Widerspruch zu Logik, Vernunft und Wissenschaft stehen. Sie gehen an der heutigen Lebensrealität vorbei und stehen im Gegensatz zu den humanistischen, zivilisatorischen Werten, die die Welt und die Menschheit heute verbinden.

Muslime können nicht in Einklang und Frieden mit dem nicht-muslimischen Teil der Welt leben, solange sie krampfhaft in alten Traditionen verhaftet bleiben und sich weigern, Altes neu zu denken. Wenn wir uns beispielsweise das Werk "Sahih al-Buchari“ ansehen, dann gibt es darin zahlreiche Hadithe, die heutzutage absolut inakzeptabel wären, für Muslime wie Nicht-Muslime gleichermaßen.

Wir müssen uns ohne Scheu vor Veränderung dieser Dinge annehmen. Wir müssen neue Lesarten entwickeln, um in Einklang mit unserer modernen Lebenswelt zu kommen und nicht in beständigem Widerspruch zu anderen Gesellschaften zu leben.

Das Interview führte Ismail Azzam.

© Qantara.de 2021

Aus dem Arabischen übersetzt von Rowena Richter

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