Mohamed Hashem; Foto: Boris Roessler/dpa/lhe
Interview mit dem ägyptischen Verleger Mohamed Hashem

Die letzte Mauer

Im Gespräch mit Matthias Sailer kritisiert der ägyptische Verleger, Publizist und Menschenrechtsaktivist Mohamed Hashem das neue autoritäre Klima in Ägypten und die Bedrohung der Freiheit durch islamistische Eiferer.

Herr Hashem, wenige Meter von hier entfernt demonstrieren auf dem Tahrirplatz tausende Demonstranten gegen die Muslimbrüder und vor allem gegen die neue Verfassung. Welche Sorge macht Ihnen der zur Abstimmung stehende Verfassungsentwurf?

Mohamed Hashem: Ich habe keine Angst und ich bin - im Gegenteil - sogar  optimistisch. Unter Mubarak existierte eine Art Mauer der Unterdrückung durch die Sicherheitskräfte. Mit dem Zerfall des alten Regimes ist diese Mauer gefallen. Die Zeitspanne vom 11.2.2011 bis zu dem Moment, an dem Mohammed Mursi zum Präsident gewählt worden ist, war eine ziemlich schwierige und blutige Zeit, in der es viele Tote gab. Es war die Zeit, als das Militär die Macht hatte. Die zweite Mauer ist gefallen, als sich das Militär in die Kasernen zurückzog.

Was übrig bleibt, ist die letzte Mauer - nämlich das, was die Muslimbrüder im Moment mit ihrer islamistisch orientierten Verfassung vorhaben. Sie sind gegen Freiheit, gegen Gerechtigkeit, all die Werte, wofür die Revolution steht und sie wollen die Scharia, das islamische Recht, in ihrer eigenen engstirnigen Interpretation in Kraft setzen. Wir sind nicht gegen den Islam. Wenn die revolutionären Kräfte und fast die ganze Bevölkerung gegen dieses Referendum bzw. gegen diese Verfassung sind dann kriegen wir das schon hin. Es bleibt diese letzte Mauer.

Was bedeutet dieser Entwurf für Ihre Arbeit als Verleger kritischer Texte?

Hashem: Das ist ein Schritt um Jahre zurück. Rechte, die wir uns erkämpft hatten, werden uns wieder weggenommen. Die Denkweise der Muslimbrüder ist sehr engstirnig. Für jeden Verfassungsartikel, durch den sie  etwas zugestehen, gibt es dann irgendwo weiter unten in der Verfassung einen weiteren Artikel, der einem das Gegebene wieder wegnimmt: Rechte für Frauen, für Christen, selbst Kinder.

Auf einer Demonstration gegen die Macherweiterung Mursis hält ein Mann Koran und Kreuz in die Höhe, Tahrir-Platz in Kairo, 30. November; Foto: AFP Photo/Gianluigi Guercia
"Es gibt keine rote Linie, wenn es darum geht, unsere Freiheit zurückzugewinnen": Demonstration von Demokratieaktivisten gegen die politische Machterweiterung Mohammed Mursis auf dem Tahrirplatz in Kairo

​​Wir dagegen haben unsere Ideen und unser Leben. Wenn man auf dem Tahrirplatz schwarze Al-Qaida-Fahnen sieht, dann ist das kriminell. Die Leute, die diese Fahnen tragen, müsste man eigentlich einsperren. Jetzt geht es nicht darum, nicht frei publizieren zu können oder nicht frei arbeiten zu können. Jetzt geht es um das Recht, frei zu leben. Natürlich verteidige ich meine Freiheit zu veröffentlichen. Aber zuvor muss ich mich erst mal dagegen verteidigen, dass man mir die Freiheit insgesamt wegnehmen will.

In den letzten Wochen gab es immer wieder Gerichtsverfahren wegen Beleidigung von islamistischen Politikern und auch des Islam. Inwieweit gibt es in Ägypten Zensur und Selbstzensur?

Hashem: Wenn wir kritisieren, dann kritisieren wir sachlich. Die Islamisten sind diejenigen, die einfach Leute aufhetzen, um zu töten. Wer sollte da eigentlich wen vor Gericht bringen? Es geht um unsere Freiheit. Zensur ist da ein untergeordnetes Thema.

In den vergangenen Tagen belagerten hunderte Salafisten Kairos Media-City, wo zahlreiche Fernsehsender ihren Sitz haben. Sie forderten die "Säuberung der Medien von bestimmten Talkshow-Moderatoren". Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie das sehen?

Hashem: Eine Bande ist jetzt an der Macht, und sie steuert die Salafisten. Es ist nicht nur die "Media-City", die jetzt belagert wird, sogar das Oberste Verfassungsgericht ist belagert. Die Muslimbrüder sprechen vom Recht. Inwieweit steht das, was jetzt passiert, im Einklang mit dem Recht? Der Präsident selbst tritt dieses Recht mit Füßen. Nicht nur die Verfassung, sondern auch die ganze Justiz wird missachtet.

Sind Sie selbst bereits Zielscheibe von Angriffen der Islamisten geworden?

Hashem: Ich war Zielscheibe des Militärs. Und ich denke, dass ich auch auf der Liste der Islamisten stehe. Ich bin aber auf der anderen Seite ein Ägypter, der für seine Freiheit und die Freiheit seines Landes kämpft. Ich unterscheide mich nicht von den anderen. Ein Islamistenführer hat in der Tat erwähnt, dass Tausende auf so einer Liste stehen würden und es kann gut sein, dass mein Name sich darauf befindet. Ich bin aber wie jeder andere auch. Ich habe keine Waffen, ich habe keine Bodyguards, ich habe nur meine Stimme auf dem Tahrirplatz. Ich glaube nicht an Aggression.

Was verstehen die Muslimbrüder unter Freiheit?

Hashem: Ihre Freiheit besteht darin, andere zu unterdrücken. Ihre Freiheit besteht darin, die heiligen Texte so zu verdrehen, dass sie ihren eigenen Interessen nützen.

Salafisten demonstrieren am 13. Dezember vor dem Gebäude der Media Production City (MPC) in Kairo; Foto: Khairy Hussein/dpa
Frontstellung gegen liberale Medienschaffende: Hunderte Anhänger des salafistischen Predigers Hasem Abu Ismail demonstrierten tagelang vor dem Gebäude der "Media Production City" in Kairo. Sie forderten die "Säuberung" der Medien und warfen den Moderatoren mehrerer privater Sender vor, ein negatives Bild der Islamisten zu verbreiten.

​​Wie sehen Sie die Rolle Ihres Verlages in der jetzigen Situation - was können Sie mit Ihrer Arbeit bewirken, welche Projekte und Aktivitäten finden statt?

Hashem: Es gibt einige wichtige Titel, die erscheinen werden. Momentan dokumentieren wir zum Beispiel, inwieweit die Muslimbrüder während der Revolution auf dem Tahrirplatz präsent waren oder nicht. Dafür haben wir Zeugen, die das erlebt haben. Es sind unter anderem auch Mitglieder der Muslimbrüder, die die Organisation verlassen haben. Ich denke, dass so ein Projekt sehr wichtig ist.

Im Allgemeinen kämpfen wir nach wie vor für die Freiheit und die Menschenrechte. Gute Literatur spornt neue Generationen zur Freiheit an. Neue Texte, die gegen den Faschismus kämpfen - all das sind unsere Ziele. Nur sollten wir auch die Möglichkeit haben, das zu tun.

Momentan arbeiten wir nicht. Wenn Sie mit mir jetzt nach nebenan gehen würden, würden Sie sehen, dass dort Schlafgelegenheiten eingerichtet wurden. Wir unterstützen diejenigen, die auf dem Tahrirplatz übernachten und wohnen. Wenn die Konfrontation wieder vorbei ist, werden wir wieder anfangen zu produzieren und zu arbeiten. Die Buchmesse steht vor der Tür, also es kommt noch etwas, aber jetzt ... Momentan passe ich nur auf, dass ich am Leben bleibe und für die Revolution aktiv bin.

Ihre Arbeit ist sehr riskant, existieren rote Linien, die Sie nicht überschreiten?

Hashem: Es gibt keine rote Linie, wenn es darum geht, unsere Freiheit zurückzugewinnen.

Sie sind auch selbst Schriftsteller. Schreiben Sie momentan?

Hashem: Ich habe keine Zeit, einen Monat einfach in Ruhe zu sitzen und zu schreiben. Ich habe noch nicht mal meine Erlebnisse auf dem Tahrirplatz dokumentiert, obwohl ich sehr direkt mit all dem, was hier passiert ist, verbunden bin und es am eigenen Leib erlebt habe.

Interview: Matthias Sailer

Mohamed Hashem ist Verleger, Publizist und Menschenrechtsaktivist. 2011 wurde ihm der Hermann-Kesten-Preis des PEN-Zentrums Deutschland verliehen. Mit dem Preis wurde die Bedeutung der in Hashems Verlag erschienen Publikationen über die Umbrüche in der Region gewürdigt. In der gegenwärtigen ägyptischen Staatskrise stellt sich Hashem vehement gegen die Dominanz des Landes durch die Islamisten. Von seinem nahe dem Kairoer Tahrirplatz gelegenem Büro aus unterstützt er die Aktivitäten der Demonstranten.

© Deutsche Welle 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Leserkommentare zum Artikel: Die letzte Mauer

Merkt denn wirklich niemand, wie manipulativ das ist, konsequent nur Gegner des Regimes zu Wort kommen zu lassen, die Leuten, die kein Arabisch verstehen und auch oft nicht in Ägypten leben, die schlimmsten Dinge über die Muslimbrüder berichten, ohne dass das für die Zuhörer überprüfbar wäre? Was spricht dagegen, auch Vertreter der Muslimbrüder selbst zu interviewen und ihnen das gleiche Forum zu geben? Wie ist es möglich, nur ein paar westlich orientierte Intellektuelle zu Wort kommen zu lassen und die Vertreter der Mehrheit der Ägypter und darunter durchaus auch ebenso gebildete Leute zum Schweigen zu bringen? Es wird ja bei jeder Gelegenheit von Demokratie geredet, Demokratie ist aber ihrem Wesen nach dialogisch. Auch qantara.de hat den Dialog im Untertitel, also wohl auch im Programm - warum informiert sie dann nicht über den Dialog als solchen, statt immer nur der Position der einen Seite breitesten Raum zu geben und die andere in die Unhörbarkeit zu verdammen?

Hanya Dikaton24.12.2012 | 17:04 Uhr