Da stellt sich natürlich umso mehr die Frage, inwiefern dieser problematische Rekurs die gegenwärtigen Debatten beherrscht. Sie meinten ja bereits, dass sich das Phänomen nicht nur in rechten, sondern auch linken politischen Kreisen beobachten lässt…

Postel: Man kann Versionen dieses sektiererischen Narrativs wie gesagt im rechts- und linkspolitischen Spektrum finden, aber auch in der politischen Mitte. Thomas Friedman, ein bekannter Kolumnist der "New York Times", der als etablierter Nahost-Experte gilt, behauptet etwa, dass im Jemen das "Hauptproblem auf einen Konflikt aus dem 7. Jahrhundert zurückreicht, in dem es um die rechtmäßige Nachfolge des Propheten Mohammad geht", also "um Sunniten und Schiiten".

Und Barack Obama war der Meinung, dass die Wurzeln jener Plagen, die den Nahen Osten heimsuchen, ein Jahrtausend zurück liegen würden. Rechte Kommentatoren bedienen sich vulgärerer Begründungsmuster – wie etwa der ehemalige TV-Host Bill O'Reilly, der einmal sagte, dass "Sunniten und Schiiten sich gegenseitig töten wollen, sie wollen sich gegenseitig in die Luft jagen, sie wollen sich gegenseitig foltern". Und weiter: "Sie haben [dabei] Spaß...das ist das, was Allah ihnen befiehlt, und das ist das, was sie tun".

Wenn man die weit verbreiteten anti-muslimischen Vorurteile im rechtspolitischen Spektrum in Betracht zieht, ist eine solche Position wohl auch kaum verwunderlich. Umso überraschender ist es jedoch, wenn man sektiererische Narrative auch bei linken Intellektuellen entdecken kann. Ein Beispiel hierfür ist Patrick Cockburn, der einflussreiche Nahost-Reporter des britischen "Independent". Cockburn hat den Konflikt in Syrien permanent eine sektiererische Konnotation verliehen – unter anderem mittels eines Sprachgebrauchs, in dem Ausdrücke wie "sektiererisches Blutvergießen" oder "Dämonen" vorkamen.

Außerdem hat er oftmals jene Experten kritisiert, die in ihren Analysen die konfessionell- sektiererische Dimension eines bestimmten Konflikts in der Region eher in den Hintergrund rückten. Cockburn glaubte sogar in den gewaltfreien Demonstrationen von 2011 sektiererische Züge beobachten zu können. Der Syrienkonflikt wurde zwar später konfessionell überlagert, allerdings nicht von Anfang an. Außerdem war ein konfessionell-sektiererischer Konflikt, entgegen der Meinung Cockburns, in nicht unausweichlich. In einem Kapitel unseres neuen Buches „Sectarianization“ macht der Anthropologe Paulo Gabriel Hilu Pinto deutlich, wie das Assad-Regime die Konfessionalisierung des Konflikts bewusst als politische Strategie benutzte, etwa durch die Instrumentalisierung bestimmter religiöser Milizen sowie den selektiven Gebrauch von Gewalt, um bestimmte Gruppen von Demonstranten zu bestrafen und die Spaltung voranzutreiben. Außerdem wurden verschiedene Dschihadisten aus syrischen Gefängnissen befreit, um den Aufstand zu diskreditieren, einen neuen Feind zu kreieren, dem das Regime in den Kram passte.

In Anbetracht dieser Umstände kommt man zum Schluss, dass es sich bei vielen Beobachtungen, die die Politik im Nahen Osten betreffen, nicht wirklich um profunde Analysen handelt. Man könnte hierbei unterstellen, dass jene Personen, die sich dieser Deutungsmuster bedienen, gewisse politische Intentionen haben oder ideologisch vorbelastet sind. Wie lassen sich solche bewussten Fehlinterpretationen besser durchschauen?

Hashemi: Der beste Weg, eine ideologische Agenda, die als objektive Nahost-Analyse daher kommt, zu demaskieren, ist, den Blick auf die Doppelmoral zu richten. Denn viele Kommentatoren und Aktivisten empören sich über Autoritarismus und Menschenrechtsverstöße in einigen Staaten, in anderen jedoch nicht. Die Frage des radikalen Islams ist ein weiteres Beispiel. Der Aufstieg des Islamismus in verschiedenen Formen als eine Antwort auf politische Repressalien ist mittlerweile in den Sozialwissenschaften ausführlich dokumentiert und wird im linkspolitischen Spektrum auch als solche verstanden.

Beispielsweise ist es unstrittig zu behaupten, dass der Aufstieg des politischen Islam im Iran während und nach der Revolution von 1979 in direkter Verbindung zur autoritären Politik der Pahlavi-Monarchie stand. Ähnlich verhielt es sich auch im Fall Ägyptens und der Muslimbrüder oder in Algerien bezüglich des Aufstiegs der FIS. Wir verstehen die Verbindungen zwischen repressiven Staatsstrukturen und oppositionellen Bewegungen, die als direkte Antwort auf eine repressive Politik in Erscheinung treten. Im Fall von Israel und Palästina haben die meisten Linken kein Problem damit, den Aufstieg der Hamas im Kontext der israelischen Besatzung sowie der Erniedrigung und Unterdrückung der Palästinenser zu betrachten.

Doch sobald es um Syrien geht, wollen viele Linke dieses Verhältnis nicht mehr verstehen. Der Aufstieg verschiedener Rebellengruppen, die sich nach 2011 islamistisch orientieren, wird nicht mit der Politik des Assad-Regimes in Verbindung gebracht. Stattdessen zieht man es vor, ausschließlich die USA und ihre Verbündeten dafür verantwortlich zu machen. Viele linke Autoren und Aktivisten adaptieren diese Ansichten, während sie gleichzeitig die massive repressive Gewalt des Assad-Regimes und seiner russischen und iranischen Helfershelfer herunterspielen oder gar ignorieren. Dabei war es genau jene Gewalt, die Grundlagen für den Aufstieg des radikalen Islam geebnet hat. Diese Doppelmoral ist ohne Zweifel ideologisch begründet.

Das Gespräch führte Emran Feroz.

© Qantara.de 2018

Nader Hashemi ist Direktor des "Center for Middle East Studies" und Professor für Nahost- und Islamstudien an der "Josef Korbel School of International Studies" der Universität Denver. Er ist Autor der Bücher "Islam, Secularism and Liberal Democracy" und Mitherausgeber von "The Syria Dilemma" sowie "The People Reloaded: The Green Movement and the Struggle for Iran's Future".

Danny Postel ist Assistant Director des "Middle East and North African Studies Program" an der Northwestern University sowie ehemaliger Associate Director des "Center for Middle East Studies" an der Josef Korbel School of International Studies der Universität Denver. Er ist Mitherausgeber von "The Syria Dilemma" sowie "The People Reloaded: The Green Movement and the Struggle for Iran's Future".

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