Ihr Buch verdeutlicht die Komplexität der Situation und zeigt feine Nuancen auf, anstatt einfache Antworten zu geben. Was hat sich mit Blick auf die aktuelle geopolitische Lage seit der Veröffentlichung Ihrer Arbeit im Jahr 2015 verändert?

Abril: Neben dem Brexit ist dies vor allem der Vormarsch des Populismus. Diese Schwarz-Weiß-Malerei hatten wir in dieser Form vorher noch nicht. Sie wird heute aber von vielen Menschen offenbar akzeptiert. Die Politik wird beeinflusst durch den Aufstieg nationalistischer Parteien, der alternativen Rechten sowie durch populistische Parteien links vom Spektrum.

Dennoch würde ich sagen, dass der Nationalismus ein Relikt aus der Vergangenheit ist. Ich bin davon überzeugt, dass diese tribalistische Sicht auf ein Land verschwinden wird. Die Welt hat sich seit der Entstehung der Nationalstaaten im 19. Jahrhundert stark verändert. Die Art und Weise, wie wir uns weltweit miteinander vernetzen und miteinander kommunizieren, hat sich verändert. Menschen handeln global. Sie führen rund um die Uhr Transaktionen in verschiedenen Regionen der Welt durch.

Wo liegen Ihrer Meinung nach die größten Defizite der Migrationspolitik der Europäischen Union?

Abril: Uns wird ständig gesagt, es sei wichtig, Hilfe in den Herkunftsländern zu leisten. Aber wir müssen selbstverständlich auch die Menschen auf See retten. Wir müssen einen Weg finden, wie Menschen auf humanere und geordnete Weise nach Europa gelangen können. Wir müssen Austauschprogramme mit Menschen in Afrika auflegen und sie zum Studium nach Europa einreisen lassen. Wir müssen Menschen aus Kriegsgebieten Zugang gewähren. Vieles, was erzählt wird, beruht nicht auf Fakten. Das ist eines der großen Defizite.

 

 

Spottorno: Wir müssen unser koloniales Wirtschaftssystem drastisch zurückfahren. Dieses System ist Ursache der größten Probleme. Wir möchten alle gerne glauben, dass der Kolonialismus der Vergangenheit angehört. Aber dem ist nicht so. Wir unterhalten weiterhin zu zahlreichen Ländern koloniale Beziehungen. Unternehmerisch betrachtet, streichen wir noch immer die Gewinne ein. Wie Guillermo sagte: Wir müssen die Zusammenarbeit ernster nehmen. Es geht hier um wahre Zusammenarbeit und nicht darum, Geld zu schicken, damit Brunnen in der Wüste gegraben werden.

Abril: Beispielsweise hat mich das Verhältnis zwischen Europa und Libyen erstaunt. Aus Libyen fließen weiter Gas und Öl nach Europa. Aber die Menschen aus Libyen lassen wir nicht rein. Kapitalströme und Ressourcen fließen, doch die Menschen müssen draußen bleiben. Auch das ist etwas, was wir lösen müssen. Die Zusammenarbeit ist doch ein grundlegendes Konzept. Europa beruht auf einem Fundament der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und Integration. Doch die Politik befördert im Umgang mit dem Rest der Welt ein Ungleichgewicht.

Vor kurzem haben Sie für El País Semanal eine neue Reportage über Palmyra fertiggestellt. Der Stil ist ähnlich wie in "Der Riss". Sind weitere Projekte in Vorbereitung?

Spottorno: Wir arbeiten derzeit für ein Kunstinstitut in Österreich an einer Geschichte über die Grenze zwischen Österreich und Italien. Es gibt so viele Dinge, die man aus historischer Sicht darüber sagen kann. Der Schwerpunkt liegt auch hier auf Europa und dem Nationalismus – und darauf, wie nationale Identitäten die Welt prägen.

Abril: Diesmal werfen wir allerdings einen genaueren Blick auf die Art der Grenzen. Wir wollen versuchen zu erklären, woher diese nationalistischen Vorstellungen stammen und wie die Konflikte gelöst werden können. Gibt es wohlmöglich einen Weg, die Vorstellungen von Grenzen und Abgrenzung hinter sich zu lassen? Unsere Geschichte über Palmyra handelt genau davon: Die Grenze überschreiten, Europa verlassen und sehen, was auf der anderen Seite ist.

Das Interview führte Naima Morelli.

© Qantara.de 2019

Aus dem Englischen von Peter Lammers

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