Interview mit Carlos Spottorno und Guillermo Abril

"Der Riss" - Europas Identitätskrise

Der Fotograf Carlos Spottorno und der Journalist Guillermo Abril berichten in ihrer Fotoreportage "La Grieta" ("Der Riss") an diversen Schauplätzen der EU-Außengrenzen über die krisenhafte Entwicklung der Migration in den letzten drei Jahren. Mit ihnen sprach Naima Morelli.

Sind Sie bei Ihrer Fotoreportage anders vorgegangen als bei Ihrem Buch? Und wo liegen die Unterschiede?

Spottorno: Im Medienkontext verbindet sich die eigene Stimme stets mit der Stimme des Mediums, für das man schreibt. Wenn man davon unabhängig etwas schreibt, übernimmt man die alleinige Verantwortung für die eigenen Aussagen. Das Buch enthält zudem einige Details, die nur aus dem Kontext erklärt werden können. Hingegen erlaubt die Reportage einen persönlicheren Tonfall und unterschiedliche Auslegungen der beobachteten Realität.

"Der Riss" baut auf verschiedenen Erzählsträngen auf. Erstens ist da die Art und Weise, wie Sie als Journalisten Informationen recherchiert haben und welchen Blockaden und Barrieren Sie begegnet sind. Zweitens die verschiedenen Narrative, die jedes Land über seinen Umgang mit der Migration entwickelt. Und dann gibt es noch die Momente, in denen Sie sich auf Ihr eigenes Leben beziehen. Wie haben Sie entschieden, wie viel von Ihnen in die Geschichte einfließen soll?

Abril: Wir haben das von Anfang an festgelegt. Carlos und ich wollten stets von "uns" in der ersten Person Plural sprechen. Wir geben kleine Einblicke in unser eigenes Leben und machen uns so zu Zeugen der Geschichte, damit sich der Leser mit der Reportage identifizieren kann und Europa in seinen Veränderungen so sehen kann, wie wir es erlebt haben.

Spottorno: Um an einer Geschichte dranzubleiben, muss man einem Protagonisten folgen. Keiner der Protagonisten aus dem Buch wird jemals wiederholt. Abgesehen von uns gibt es sonst niemanden, dem man von Anfang bis Ende folgt. Zum Schluss jedes Kapitels reflektieren wir kurz das Erlebte, damit der Leser auch unsere eigene Perspektive wahrnehmen kann.

Wie ist es Ihnen gelungen, dem Leser die ganze Mikrodynamik zu erklären und gleichzeitig Mitgefühl für die Migranten und die vielen Menschen zu vermitteln, denen Sie begegnet sind?

Bildauszug aus Carlos Spottornos und Guillermo Abrils "La Grieta"; Quelle: Astiberri Ediciones
Die Fotoreportage "Der Riss" erschien in mehreren Folgen in der spanischen Wochenzeitschrift El País Semanal. Aus der Reportage entstand das gleichnamige Buch im Stil einer Graphic Novel. Das erklärte Ziel von Carlos Spottorno und Guillermo Abril ist es, den Ursachen und Folgen der Identitätskrise Europas nachzugehen.

Abril: Nun ja, darin sehe ich meine Aufgabe als Journalist. Ein Journalist schreibt über Menschen im historischen Kontext. Wir gehen zu den Migranten, wir gehen zu den Polizisten oder zu den Medien an der Grenze, zu den Freiwilligen, zu den NGOs, die versuchen zu helfen. Aber ein Journalist muss verstehen, was unter der Oberfläche vor sich geht; wie die Länder miteinander umgehen.

Was hat Sie dazu bewogen, "den Riss" als Metapher zu verwenden? Was sind die wesentlichen Risse, auf die Sie in Europa bei Ihren Nachforschungen gestoßen sind?

Spottorno: Wir wollten vermitteln, unter welchem immensen Druck die Europäische Union steht, sowohl von innen als auch von außen. Die jeweiligen Länder verstehen oder erleben die Migrationskrise unterschiedlich. Einige sagen: "Macht die Tür zu! Ihr müsst draußen bleiben". Andere sagen: "Lasst sie rein." Einige sagen: "Lasst es uns zur kulturellen Aufgabe machen." An der Grenze entstehen kleine Risse, die die gesamte Struktur zum Einsturz bringen könnten, wenn sie groß genug und zahlreich genug werden.

Abril: Am Anfang des Buchs zeigen wir Europa als einen Garten, der Menschenrechte, soziale Werte und Demokratie beheimatet. Für die Außenstehenden ist das ein Sehnsuchtsort. Deshalb wollen sie dorthin. Auf unseren Reisen von Ende 2013 bis 2016 konnten wir feststellen, dass beim Umgang mit dieser Situation in Europa viele Werte beschädigt wurden. Zum Schutz der Rechte derjenigen, die in Europa leben, wurden offenbar genau diese Rechte für diejenigen aufgegeben, die von außerhalb Europas kommen. Es ist ein Paradoxon. Darauf beruht die Metapher des besagten Risses.

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