Interview mit Bülent Ucar

"Furcht vor einem verordneten Staatsislam"

Nach Ansicht von Bülent Ucar, Professor für Islamische Religionspädagogik, muss sich der weltanschaulich neutrale Staat aus den konkreten Fragen der islamischen Theologie heraushalten. Er fordert aber auch von den muslimischen Verbänden, sich grundlegend umzustrukturieren. Mit Bülent Ucar sprach Elbeyi Güvercin.


Bülent Ucar; Foto: Elena Scholz / Pressestelle Universität Osnabrück
"Der weltanschaulich neutrale Staat sollte sich aus theologischen Fragen heraushalten", meint Bülent Ucar.

​​ Herr Ucar, Sie leiten an der Universität Osnabrück den Lehrstuhl für Islamische Religionspädagogik. Neben Osnabrück gibt es in Deutschland zwei weitere Lehrstühle für dieses Fach. Wie steht es um die Akzeptanz dieser Lehrstühle sowohl unter den Muslimen als auch in der breiten Öffentlichkeit?

Bülent Ucar: Die Muslime leben nun seit annähernd fünfzig Jahre dauerhaft in Deutschland. Der islamische Religionsunterricht ist bislang noch nicht umgesetzt, obwohl die Vorgaben des Grundgesetzes an dieser Stelle ganz klar und eindeutig sind. Das Grundgesetz Art. 7 Absatz 3 gibt ganz klar vor, dass bei einer Erfüllung der Voraussetzungen der islamische Religionsunterricht einzuführen ist.

Nun sagen die entsprechend zuständigen Stellen in den verschiedenen Landesministerien, dass die Muslime die dazu nötigen Voraussetzungen nicht erfüllen. Das kann man so oder so sehen. Das ist letztlich immer auch eine politische Ermessensentscheidung.

Allerdings bin ich etwas skeptisch, was die ernsthafte Umsetzung all der Modellversuche, die jetzt seit einigen Jahren laufen, betrifft. Ich habe eher das Gefühl, dass die Ministerien an dieser Stelle etwas halbherzig arbeiten. Man hat in den letzten Jahren begriffen, dass man auch die religiöse Bildung und Erziehung der muslimischen Schülerinnen und Schüler nicht auf die lange Bank schieben kann, insbesondere mit dem Blick auf die Prävention von Terror und Gewalt im Namen der Religion.

Man ist insbesondere nach dem 11. September in diesem Bereich tätig geworden, und hat drei verschiedene Ausbildungsorte aufgebaut: Münster, Erlangen und Osnabrück. Allerdings ist es so, dass in zweien dieser drei Ausbildungsorte deutsche Muslime arbeiten, also Konvertiten.

Wie Sie wissen, sind rund 99 Prozent aller Muslime in Deutschland Migranten bzw. Menschen mit Zuwanderungsgeschichte; dreiviertel wiederum sind türkeistämmig. Einerseits fühlen sich vieler dieser Muslime von Konvertiten nicht ausreichend vertreten und befürchten auch deshalb einen aufoktroyierten Staatsislam. Andererseits ergeben sich daraus auch theologische Konflikte, wie wir sie momentan in Münster haben.

Der Münsteraner Professor Kalisch sorgte mit seinen Äußerungen über die historische Existenz des Propheten Muhammed für Diskussionen. Wie stehen die deutschen Muslime zu Kalischs Ansichten? Wie stehen Sie als Islamwissenschaftler und Angehöriger der zweiten Generation zu diesen Äußerungen?

Ucar: Der Kollege Kalisch behauptet, dass es den Propheten nie gegeben hat, oder höchst wahrscheinlich nicht gegeben hat. Für mich hat das ganze wenig mit Wissenschaft oder Wissenschaftsfreiheit zu tun, weil dies in der etablierten westlichen Islamwissenschaft eine absolute Exotenmeinung darstellt.

Sven Kalisch; Foto: DW
Wegen seiner Anzweiflung der Existenz des Propheten Mohammed war der Theologe Kalisch in heftige Kritik geraten.

​​ Auch unter bekennenden Muslimen werden Sie kaum jemanden finden, der die Existenz des Propheten bezweifeln würde. Kalisch könnte diese These problemlos als Religionswissenschaftler an den Philosophischen Fakultäten vertreten; wenn man aber als Vertreter dieser These gleichzeitig den Anspruch stellt, Theologie zu betreiben, also aus der Binnenperspektive des Islams zu forschen und zu lehren, und letztlich Religionslehrer auszubilden, die für den bekenntnisorientierten Religionsunterricht tätig sein sollen, hat man nicht verstanden, worum es im Religionsunterricht geht.

Dazu kommt, dass Herr Kalisch in Nordrhein-Westfalen eine absolute Monopolstellung hat. Wir kennen den Fall Lüdemann, wo er als einer unter hunderten Hochschullehrern bestimmte Auffassungen in Bezug auf die Existenz Jesu vertreten hat, und mit dem Segen des Bundesverfassungsgerichts von der theologischen Ausbildung entlassen wurde.

Vor diesem Hintergrund müssen wir an dieser Stelle mit gleichem Maß messen. Muslime müssen genauso behandelt werden wie Christen. Doppelte Standards helfen nicht weiter und schüren nur Ressentiments.

Gerade deshalb ist es von größter Bedeutung, dass in diesem Land Muslime auch strukturell Christen und Juden gleich gestellt werden. Solange dies nicht geschieht, werden wir Probleme haben, wie wir auch am Beispiel der Türkei sehen können.

Ist die Türkei ein gutes Beispiel für einen weltanschaulich neutralen Staat?

Ucar: Gerade eben nicht! Dort wird die gesamte Religion staatlich verwaltet und auch theologische Fakultäten werden inhaltlich vom Staat bestimmt, kontrolliert und finanziert.

​​ Faktisch ist von einem Staatsislam zu sprechen. Wenn es in Deutschland so weitergeht, bewegen wir uns im Bereich des Islam in dieselbe Richtung, und das kann niemand wollen. Ich glaube, dass der weltanschaulich neutrale Staat sich aus diesem Bereich heraushalten muss. Deshalb brauchen wir unbedingt ein Mitspracherecht der Religionsgemeinschaften bei der Berufung von Hochschullehrern und Lehrkräften für die Schule.

Die muslimischen Verbände haben Prof. Kalisch heftig für seine Äußerungen angegriffen…

Ucar: Man kann die Verbände für vieles kritisieren. Man kann ihnen vorwerfen, dass sie konservativ seien. Man kann ihnen vorwerfen, dass sie herkunftslandorientiert, dass sie letztlich ferngesteuert seien. Aber die Kritik an dieser Stelle ist aus meiner Sicht völlig unbegründet und unberechtigt.

Nicht nur die Verbände sind dieser Auffassung, sondern wenn man eine empirisch-soziologische Untersuchung in diesem Bereich durch führen würde, wären über 90% der Muslime derselben Auffassung. Islamlehrer ausbilden und gleichzeitig die Grundsätze des Islam leugnen, beides zusammen geht nicht. Da verfährt Herr Kalisch nach dem Motto: Wasch mich, aber mach mich nicht nass!

Darauf möchten sich die Muslime in Deutschland natürlich nicht einlassen; ihnen das zum Vorwurf zu machen, wäre töricht. Wenn man eine etablierte islamische Theologie und Religionspädagogik in Deutschland aufbauen möchte, muss sie auch von den Muslimen in Deutschland akzeptiert werden.

Zwei verschleierte Frauen auf der Deutschen Islamkonferenz; Foto: dpa
"Insbesondere die Deutsche Islamkonferenz hat mittlerweile konkrete Vorgaben gemacht, wie die islamischen Verbände sich organisieren sollten", so Bülent Ucar.

​​ Mit solchen Einstellungen wird man letztlich die Leute vor den Kopf stoßen, und deshalb brauchen wir authentische Stimmen des Islams in Deutschland, die aus der Tradition kommen, die die Binnenperspektive einnehmen, aber gleichzeitig dialogorientiert sind und interreligiös arbeiten, wissenschaftliche Strukturen ernst nehmen und natürlich auch historisch-kritisch arbeiten, gleichzeitig aber in der Religion des Islams wie auch in Deutschland zu Hause sind.

Gefährden die muslimischen Verbände mit diesem heftigen Angriff auf Professor Kalisch nicht die Freiheit der Wissenschaft?

Ucar: Ich bin felsenfest von der Freiheit der Wissenschaft überzeugt. Selbstverständlich sind Lehre und Forschung frei. Auf der anderen Seite hat die Theologie an der Universität eine Sonderrolle. Fragen nach Gott, nach einem Leben nach dem Tod oder Jenseitsfragen können sie wissenschaftlich weder beweisen noch widerlegen. Also können sie in diesem Bereich weder verifizieren noch falsifizieren. Es sind letztlich Glaubensüberzeugungen.

Das ist auch ein Argument dafür, warum sich der weltanschaulich neutrale Staat aus dem Bereich der inhaltlichen Konkretisierung der Theologie und der dogmatischen Vorgaben herauszuhalten hat. Die katholische und evangelische Kirche haben in dem Bereich ein Veto-Recht bei der Einstellung der Lehrkräfte, wie auch bei der Berufung von entsprechenden Hochschullehrern, weil diese Hochschullehrer in erster Linie die Perspektive der jeweiligen Theologie an der Hochschule vertreten müssen.

Dafür gibt es das nihil-obstat-Verfahren. Hier kann man die vereinfachte Schiene Wissenschaftsfreiheit contra Religionsfreiheit, also intolerante, barbarische Muslime contra westliche Aufklärung nicht fahren. Mit diesen pauschalisierenden, vereinfachenden Attitüden ist keine ernsthafte Diskussion zu führen.

Sie sagten eben, dass die muslimischen und christlichen Gemeinden gleich behandelt werden müssen. Sind die muslimischen Verbände denn strukturell überhaupt fähig, eine ähnliche Rolle wie die christlichen Kirchen zu spielen?

Ucar: Ich glaube, dass die Verbände sich an dieser Stelle grundlegend umstrukturieren müssen.

Die Verbände sind sehr stark herkunftslandorientiert, und im Grunde genommen waren sie lange Zeit wenig interessiert an der Integration der Muslime in Deutschland. Allerdings war es anders herum genauso. Auch die Behörden in Deutschland hatten lange Zeit wenig Interesse an der Integration der Muslime in die deutsche Gesellschaft. Sie haben jahrzehntelang an Integration anders oder gar nicht gedacht, weil man davon ausgegangen ist, dass das Gastarbeiter seien, die irgendwann wieder in ihre "Heimatländer" zurückkehren würden.

Junge in der Gebetsreihe einer Moschee; Foto: dpa
"Wir brauchen authentische Stimmen des Islams in Deutschland, die aus der Tradition kommen, die die Binnenperspektive einnehmen, aber gleichzeitig dialogorientiert sind und interreligiös arbeiten", sagt Bülent Ucar.

​​ Die Verbände haben genauso gedacht und argumentiert, mit der Folge, dass in diesem Bereich wenig getan worden ist. Daher ist die Verbandskritik an dieser Stelle grundsätzlich berechtigt.

Gleichzeitig haben die Ministerien, insbesondere die Deutsche Islamkonferenz und die nordrhein-westfälische Landesregierung, mittlerweile konkrete Vorgaben gemacht, wie man sich zu organisieren hat. Ich glaube, dass die Verbände nicht von oben nach unten strukturiert sein sollten, sondern sich von unten nach oben, also von der Basis her demokratisch aufbauend strukturieren und letztlich auch legitimieren müssen. Sie müssen sich viel stärker nach Deutschland hin orientieren und ihr Personal noch einmal überprüfen, inwiefern sie sprachlich fit bzw. theologisch ordentlich ausgebildet sind.

Ein Moscheenmodell, bei dem die Mitglieder in den jeweiligen Gemeinden Vertreter wählen, und diese Vertreter in einer großen Synode den Landesvorstand bilden, ist ein Modell, woran sich Muslime orientieren könnten.

Gleichwohl kann man den Verbänden dies nicht zur Bedingung für die Teilhabe und den größtenteils undemokratischen Aufbau nicht zum Vorwurf machen, ohne das auch von der katholischen Kirche zu fordern. Letztendlich ist dies eine interne Angelegenheit der Verbände.

Interview: Elbeyi Güvercin

© Qantara.de 2009

Bülent Ucar habilitierte sich zum Thema "Moderne Koranexegese und die Wandelbarkeit der Scharia in der aktuellen Diskussion der Türkei". Seit Juni 2008 ist Bülent Ucar ordentlicher Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Osnabrück.

Qantara.de

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